Historischer Überblick der russisch-syrischen Beziehungen seit 1946

Gemeinsame Pressekonferenz der sowjetisch-syrischen Raumfahrtmission: Der syrische Kosmonaut Muhammed Faris (l.), der sowjetische Kosmonaut Alexander Wiktorenko (m.) sowie der Wissenschaftler und Chef des Interkosmischen Rates Wladimir Kotelnikow, 1987.
Gemeinsame Pressekonferenz der sowjetisch-syrischen Raumfahrtmission: Der syrische Kosmonaut Muhammed Faris (l.), der sowjetische Kosmonaut Alexander Wiktorenko (m.) sowie der Wissenschaftler und Chef des Interkosmischen Rates Wladimir Kotelnikow, 1987.
Die russischen Militäroperationen in Syrien sorgen in letzter Zeit öfters für Schlagzeilen, jedoch datieren die russisch-syrischen Beziehungen nicht erst auf den Beginn des Bürgerkrieges. Eine historische Rückschau auf die Höhen und Tiefen einer siebzigjährigen Partnerschaft.

Noch bevor die internationale Staatengemeinschaft die Unabhängigkeit Syriens anerkannt hatte nahm die damalige Sowjetunion im Jahr 1944 diplomatische Beziehungen mit Damaskus auf. Wenige Monate nach dem Ablauf des Französischen Mandats im Oktober 1945 schloss Syrien das erste wichtige Abkommen mit der UdSSR. Am 1. Februar 1946 unterzeichneten sie einen geheimen Vertrag, der besagte, dass die UdSSR Syrien im außenpolitischen Bereich und beim Aufbau seiner Streitkräfte unterstützen würde. In den 1950er Jahren strebte der Kreml verbesserte Beziehungen zu den arabischen Staaten an, um den wachsenden Einfluss der USA einzudämmen.

Zur Jahreswende 1954/55 drohte ein Krieg zwischen dem Bagdadpakt (Großbritannien, Irak, Iran, Pakistan und Türkei) und Syrien, das sich weigerte, dem Pakt beizutreten. Die Sowjets eilten Syrien zur Hilfe und garantierten, dass sie Syrien zukünftig bei ähnlichen Bedrohungen verteidigen würden. Vor dem Hintergrund dieser Bedrohung vereinbarte Damaskus im Jahr 1955 einen umfangreichen Waffenkauf und ein Handelsabkommen mit der Sowjetunion. In den Folgejahren unterzeichnete Syrien weitere wirtschaftliche Verträge mit der Sowjetunion und anderen sozialistischen Staaten. Der Handel stieg kräftig an. Im Jahr 1957 unterstütze die UdSSR Damaskus erneut gegen türkische Aggressionen. Der Kreml schickte ein kleines Fliegergeschwader nach Syrien.

Die Phase der Vereinigten Arabischen Republik (1958-1961), als sich Ägypten und Syrien zu einem Staat zusammenschlossen, führte zur kurzzeitigen Unterbrechung der Beziehungen. Nach dem Austritt Syriens aus dem Staatenverbund knüpften beide Staaten wieder enge Kontakte. Sie vereinbarten erneut Waffenlieferungen, ein landwirtschaftliches Hilfsprogramm sowie weitere Abkommen. Obwohl die syrische Regierung intern antikommunistische Maßnahmen ergriff, hielt Moskau an den Kontakt zu Syrien fest, da es ein wichtiger Verbündeter gegen den westlichen Einfluss im Nahen Osten war.

Nachdem im Jahr 1966 die linke Fraktion der herrschenden Baath-Partei die Macht übernahm, verbesserte sich die sowjetisch-syrische Partnerschaft noch weiter. Da die neue syrische Regierung einen linksradikalen Kurs verfolgte, war es auf die Unterstützung der UdSSR angewiesen. Der sowjetische Einfluss auf die syrische Innenpolitik vergrößerte sich. Moskau betrachtete nunmehr Syrien als ein Land, das sich auf dem nichtkapitalistischen Weg befand. Die Perspektive einer sozialistischen Entwicklung eröffnete sich.

Die Mannschaft des syrischen Zerstörers El-Fatikh zu Besuch auf der Weingut-Kolchose "Goldener Arm"  in Sewastopol, 1966.
Die Mannschaft des syrischen Zerstörers El-Fatikh zu Besuch auf der Weingut-Kolchose "Goldener Arm" in Sewastopol, 1966.

Eine weitere Annäherung beider Staaten erfolgte 1967 nach dem Sechstagekrieg zwischen Israel und Ägypten, Jordanien, Syrien sowie weiteren arabischen Staaten. Für das syrische Militär endete der Krieg in einer ruinösen Niederlage. Der Westen verkaufte fortan keine Waffen mehr an Syrien. Syrien deckte diese Lücke indem es große Mengen sowjetischer Waffen erwarb. Moskau entsandte Militärberater. Die Kontakte zur UdSSR wurden für die syrische Führung immer wichtiger, da das Land intern und extern politisch isoliert war. Die Staaten des Ostblocks vergaben Kredite, die den staatlichen Sektor in Syrien stärken sollten.

Hafiz Al-Assads Machtübernahme im November 1970 stellte die sowjetisch-syrische Partnerschaft auf die Probe. Er galt, im Gegensatz zur linken Fraktion der Paath-Partei, als politisch eigenständig und moskaukritisch. Die sowjetisch-syrischen Beziehungen überstanden jedoch diese Krise. Damaskus sagte der UdSSR seine Zusammenarbeit zu. Assad reiste schon im Februar 1971 nach Moskau. Beide Staaten waren aufeinander angewiesen, um ihre regionalen strategischen Ziele zu verwirklichen.

Der sowjetische Verteidigungsminister Feldmarschall Andrei Gretschko (vierter von links) und der Verteidigungsminister der Syrischen Arabischen Republik Generalleutnant Mustafa Tlas (vierter von rechts) 1972 in Moskau.
Der sowjetische Verteidigungsminister Feldmarschall Andrei Gretschko (vierter von links) und der Verteidigungsminister der Syrischen Arabischen Republik Generalleutnant Mustafa Tlas (vierter von rechts) 1972 in Moskau.

Zwar verringerte sich der Einfluss der sowjetischen Führung auf die syrische Innenpolitik, dafür wurde aber die Zusammenarbeit in anderen Bereichen gestärkt. Ab 1971 vergrößerten sich die wirtschaftlichen Aktivitäten und Waffenlieferungen der Ostblockstaaten rasant. Zwischen 1971 und 1980 verdreifachte sich das Volumen der sowjetischen wirtschaftlichen und technischen Förderung. In den frühen 1970er Jahren ging ein Viertel der sowjetischen Militärhilfen für Entwicklungsländer an Syrien. Die von Assad sichergestellte Stabilität wurde für Moskau wichtiger als ein sozialistisches Regime sowjetischer Art zu errichten. Er setzte der politischen Instabilität, die Syrien in den 1950er und 1960er Jahren geplagt hatte, ein Ende.

Gemeinsame syrisch-sowjetische Raumfahrtmission 1987.
Gemeinsame syrisch-sowjetische Raumfahrtmission 1987.

Während des Oktoberkrieges von 1973, der zwischen Israel und Ägypten sowie Syrien geführt wurde, unterstützte die UdSSR Damaskus in großem Maße. Bis zum Kriegsende wurden 42.500 Tonnen militärische Ausrüstung geliefert. Militärberater und Ingenieure aus der Sowjetunion halfen den syrischen Streitkräfte. Nach dem Krieg war die syrische Führung erneut auf die UdSSR angewiesen, um ihre Streitkräfte wiederaufzubauen.

Gut ausgerüstet sind die sogenannten Rebellen, die gegen die Regierung von Bashar al-Assad kämpfen

Als Ägypten Mitte der 1970er Jahre sich vom sozialistischen Lager distanzierte, blieb für Moskau Syrien als einziger verlässlicher Verbündeter im Nahen Osten übrig. Sie arbeiteten eng miteinander, um die „shuttle diplomacy“ von Henry Kissinger einzudämmen. Kissinger strebte bilaterale, von den USA vermittelte Friedensverhandlungen an. Die Sowjetunion dagegen bestand auf einer großen internationalen Friedenskonferenz, auf der sie auch eine wichtige Rolle spielen konnte.

Assads Eingreifen in den ersten Libanonkonflikt 1976 bewirkte eine Krise in den Beziehungen zwischen Moskau und Damaskus. Syrische Truppen griffen stellenweise palästinensische und linke Kräfte an, mit denen die UdSSR verbündet war. Der Kreml verringerte daraufhin zweitweise seine Unterstützung Syriens. Allerdings musste die Sowjetunion letztendlich die syrische Libanonpolitik akzeptieren, da sie auf die syrische Führung angewiesen war, um die Entwicklungen im Nahen Osten effektiv beeinflussen zu können. Die Tatsache, dass 1978 mehr Militärberater aus den Ostblockstaaten in Syrien stationiert waren als in irgendeinem anderen Entwicklungsland belegt, wie wichtig das Land für den Kreml war.

Vor dem Hintergrund zunehmender innen- und außenpolitischer Probleme trachtete Damaskus ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre nach noch engeren Beziehungen zur Sowjetunion. Dieses Bestreben gipfelte 1980 in einem Freundschaftsvertrag zwischen der UdSSR und Syrien. Die Syrer bemühten sich, Moskau zu beeindrucken. Syrien war eines der wenigen muslimischen Länder, die den sowjetischen Eingriff in Afghanistan nicht verurteilen. Den Sowjets wurden größere Zugriffsrechte auf syrische Hafenanlagen zugestanden. Moskau konnte mehrere westliche und israelische diplomatische Initiativen im Libanonkonflikt abwehren. Damaskus ermöglichte dies durch seinen großen Einfluss im Libanon.

Keine Männerfreundschaft: Hafiz al-Assad und Michail Gorbatschow 1990 in Moskau.
Keine Männerfreundschaft: Hafiz al-Assad und Michail Gorbatschow 1990 in Moskau.

Michail Gorbatschows Aufstieg leitete eine längere Ebbephase in den sowjetisch-syrischen Beziehungen ein. Die Sowjetunion stand vor gewaltigen internen Problemen. Die neue sowjetische Außenpolitik orientierte auf ein konfliktfreies Übereinkommen mit den westlichen Mächten. Versuche der UdSSR, ihre Beziehungen zu den konservativen arabischen Staaten zu verbessen, beunruhigten Damaskus sehr. Der Zerfall der Sowjetunion beschleunigte diese Entwicklungen. Innenpolitischen Schwierigkeiten verhinderten in den 1990er Jahren eine aktive russische Außenpolitik.

Die Beziehungen kamen jedoch nie völlig zum Bruch. Als Anfang der 2000er Jahre Vladimir Putin die internen Herausforderungen meistern konnte, belebte sich die russisch-syrische Partnerschaft wieder. Russland begann, eine aktivere und eigenständigere Außenpolitik zu verfolgen, da die russischen Annäherungsversuche an den Westen der 1990er und frühen 2000er Jahre auf geringe Resonanz stießen.

Putins ausgestreckte Hand wurde vom Westen abgelehnt. Für Russland ist es äußerst wichtig, die Stabilität und Sicherheit im Nahen Osten zu wahren, weil sich Unruhen und Krisen dort negativ auf die umliegenden Regionen auswirken. Davon wären die Anrainerstaaten Russlands im Kaukasus und Zentralasien sowie die angrenzenden russischen Regionen betroffen.

Die aggressive US-Außenpolitik nach dem Terrorangriff vom 11. September 2001 bewog die syrische Führung dazu, engere Kontakte zu Russland und China zu knüpfen – zurecht, wie sich später herausstellte. In der Zeit bis zum Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges knüpften Syrien und Russland wichtige wirtschaftliche und militärische Beziehungen. Angesichts dieser siebzigjährigen Partnerschaft sollte es kaum überraschend sein, warum Russland die syrische Regierung in ihrem Kampf gegen die Aufständischen und Terroristen unterstützt.

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