Türkei weiter im Alarmzustand: Angeblich noch kampfbereite Putschisten-Hubschrauber in der Luft

Türkei weiter im Alarmzustand: Angeblich noch kampfbereite Putschisten-Hubschrauber in der Luft
Der Putschversuch von Armeeangehörigen in der Türkei gilt offiziell als gescheitert. Vollständige Entwarnung wird in der Türkei jedoch noch nicht gegeben. 42 Militärhubschrauber aus den Beständen der türkischen Luftwaffe gelten nach Regierungsangaben als vermisst und es gibt teils unbestätigte Berichte über vereinzelte Schießereien am heutigen Montag in Istanbul und Ankara.

Die türkische Polizei hat ihre Präsenz in Istanbul am Sonntagabend verstärkt. Spezialeinheiten und militärisches Gerät wurden auf den Straßen stationiert. Die Luftabwehr erhielt den Befehl, feindliche Flugzeuge ohne Vorwarnung abzuschießen. Bürger bildeten LKW-Kolonnen am Straßenrand, als Störelement gegen anrückende Panzer. Der Entscheidung gehen unbestätigte Berichte voraus, wonach sich Militärhubschrauber der Putschisten der Metropole näherten.

Die türkische Regierung verhängte den Notstand über Istanbul und verlegte zusätzlich über 1.800 Mann einer Sondereinheiten der Polizei in die Stadt, berichtete die semi-staatliche Nachrichtenagentur Anadolu.

Zuvor berichtete die Nachrichtenagentur Sputnik, dass Panzerfahrzeuge in Istanbul aufgefahren waren. Sie sollen die neuralgischen Punkte der Stadt schützen, in der rund 15 Millionen Menschen leben.

Unbestätigte Medienberichte besagten, dass unidentifizierte Militärhubschrauber über der Stadt aufgetaucht wären. Als am Freitag eine Gruppe teils hochrangiger Offiziere versucht hatte, die Regierung zu stürzen, setzten diese gegen Regierungskräfte und teilweise auch gegen Zivilisten Kampfjets vom Typ F-16 und Cobra-Kampfhubschrauber ein.

Das türkische Nachrichtenportal Habertürk schrieb, fünf Hubschrauber näherten sich der europäischen Seite von Istanbul. Weitere Details gingen aus der Meldung nicht hervor. Auch die türkische Regierung bestätigte diese Darstellung nicht.

Andere Medien gaben an, dass das Präsidentenflugzeug Recep Tayyip Erdoğans von Istanbul in Richtung Ankara abhob.

Am Sonntag befahl Erdoğan der türkischen Luftwaffe, den gesamten Luftraum der Türkei zu überwachen. Al Jazeera Türk gab an, mindestens ein Dutzend F-16 Mehrzweckkampfflugzeuge führten rund um die Uhr im gesamten türkischen Luftraum Beobachtungsflüge durch.

Die Armee wurde zudem in Alarmbereitschaft versetzt, als Berichte publik wurden, dass im Inventar der Streitkräfte mindestens 42 Militärhubschrauber vermisst werden. Ein Bericht von CNN Türk impliziert, diese könnten für einen zweiten Versuch genutzt werden, die türkische Regierung zu stürzen.

Diese Berichte stehen jedoch im Widerspruch mit der offiziellen Linie der türkischen Regierung. Diese behauptet, sämtlichen Widerstand unter den rebellierenden Militäreliten in den Folgestunden des Putschversuchs gebrochen zu haben. Bei den gewalttätigen Ereignissen in der Nacht zum Samstag kam es zu heftigen Kämpfen zwischen Putschisten und Regierungskräften. Die Regierung gab daraufhin dem nationalen Geheimdienst MIT und der Polizei die Anordnung, Säuberungsmaßnahmen gegen Militär und Richter durchzuführen. Die Behörden nahmen 6.000 Menschen in Haft.

Kein Rückhalt in der Bevölkerung: Weite Teile der türkischen Gesellschaft lehnen den Militärputsch ab

Die Massenverhaftungen lösten bei der AKP-kritischen westlichen Gemeinschaft Kritik aus. Sie drängen die türkische Regierung, demokratische Werte und die Rechtsstaatlichkeit zu wahren. Die türkische Regierung selbst betrachtet die weitreichenden Maßnahmen in allen staatlichen Institutionen als erforderlich, da sie angesichts des Putschversuches von einer ungebrochen starken Präsenz von Anhängern der umstrittenen Gülen-Bewegung ausgeht.

Dieses Netzwerk, dessen geistiges Oberhaupt der in den USA lebende Prediger Fethullah Gülen ist, weist jede Verwicklung in den Putschversuch von sich. Man sei eine friedliche Bewegung, deren Ziele Bildung und interreligiöser Dialog seien. Kritiker werfen dem Netzwerk hingegen vor, die dort entstandenen Bindungen zwischen den Mitgliedern zur Erlangung politischer Macht nutzen zu wollen. Die Bewegung habe demnach bewusst und gezielt staatliche Institutionen infiltriert. Die Loyalität von Staatsbeamten, die der Gülen-Bewegung angehörten, gelte dem Prediger und nicht dem Staat, so die Regierung.

Erdoğan soll indes unter dem Eindruck des Putschversuchs gesagt haben, er betrachte die Ereignisse als „Geschenk Gottes“, um die „Armee zu reinigen“, die in der jungen Geschichte der Türkei vier Militärputsche gegen demokratisch gewählte Regierungen durchführte. Türkische Sprachwissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von einer fehlerhaften Kolportage vonseiten westlicher Medien.

Das Wort, das Erdoğan benutzte und das in den westlichen Medien als „Geschenk“ übersetzt wurde, ist nach Einschätzung von Linguisten ein Religiöses. Muslime glauben, dass sowohl gute als auch schlechte Ereignisse von Gott kommen. Gute, um zu sehen, wie dankbar sie seien, schlechte, um zu sehen, ob sie standhalten können, ohne in Verzweiflung oder Hass zu verfallen. Erdoğan habe demnach gesagt: „Dieser Aufstand wurde uns von Gott gegeben, geschickt, um uns als Menschen zu einen.“

Bei den chaotischen Ereignissen am Freitag starben 265 Menschen, über 1.440 wurden verletzt. Protestierende türkische Bürger stellten sich gegen die Putschisten. Nicht selten versuchten sie, Soldaten aus ihren Panzerfahrzeugen zu zerren. Dabei habe es vereinzelt auch gewaltsame Übergriffe der Putschisten gegeben.

Filmaufnahmen dokumentieren, wie zahlreiche Flugzeuge Regierungsgebäude, darunter das Parlament in Ankara, bombardierten. Ein Militärhubschrauber beschoss Zivilisten und Polizei mit schweren Kalibern der Größe 30 Millimeter.

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