Die Iranische „Sitten-App“ - Ein digitaler Protest

Die Iranische „Sitten-App“ - Ein digitaler Protest
Als im Jahr 2015 die niederländische Politikerin Marietje Schaake in den Iran flog, interpretierte sie den islamischen Dresscode neu. Es ging ein Aufruhr durch den Iran und die Debatte um den Hijab wurde international. Findige Iraner haben eine App entwickelt, die junge Menschen, insbesondere Frauen, vor der Sittenpolizei beschützen soll. Sie suchten nach einer gewaltfreien Lösung ohne Demonstrationen und Blutvergießen.

von Olga Banach

Die App „Gershad“ soll, laut Hersteller, den Iranerinnen einen Teil ihrer Freiheit zurückgeben, ohne dabei ein Risiko eingehen zu müssen.  „Gershad“ heißt soviel wie „die Religionspolizei umgehen“. Freiheit bedeutet hier: Ein paar Zentimeter mehr Haar zeigen und das Kopftuch so weit nach hinten zu schieben wie möglich.

Was der Religionspolizei ein Dorn im Auge ist, sind zu viel Make-up bei den Frauen und westliche Trends bei Männern. Ayatollah Khomeini hat die islamischen Kleidervorschriften im Jahre 1981 ins Leben gerufen. Er verordnete den Frauen, alles außer dem Gesicht, die Hände und Handgelenke zu bedecken.

Die App funktioniert ähnlich wie eine Blitzerapp: Beim Sichten der Religionspolizei lässt sich der Ort, zunächst nur in Teheran, in der App markieren. Ein bärtiger Mann in Uniform erscheint auf der Karte nach der Markierung und verblasst erst nach sechs Stunden. So soll sich die moderne Iranerin gefahrlos mit lose sitzendem Kopftuch durch die Stadt bewegen können, abseits der Sittenwächter.

Die Religionspolizei taucht in Form bärtiger, uniformierter Männer oder Frauen in schwarzem Schador auf. Der einzige Schmuck dieser Frauen ist eine Brosche mit ihrem Namen und dem Logo der Polizei.

Im Jahr 2015 hat der iranische Präsident Rouhani die Religionspolizei für ihr strenges Durchsetzen der Kleidervorschriften kritisiert: Man könne nicht die Menschen durch eine Peitsche in den Himmel schicken. Doch Khamenei und seine Hardliner stellten nach dieser Äußerung sicher, dass es die oberste Aufgabe der Polizei sei, den Islam durchzusetzen.

Laut Gershad erhielten in Jahre 2014 rund drei Millionen junge Menschen eine Warnung aufgrund ihrer unislamischen Kleidung und 18.000 wurden verurteilt. Die Religionspolizei hält die Täter fest, bis die Eltern sie abholen. Die jungen Leute müssen eine Erklärung unterschreiben, dass sie die islamischen Vorschriften zukünftig befolgen werden. Doch sind die Frauen das Objekt der Willkür, denn inwieweit eine Kopfbedeckung ausreicht, ist Auslegungssache. Eine Inhaftierung zwischen zehn Tagen bis zu zwei Monaten ist laut Gesetz möglich.

Manchmal kommen die Iraner davon, indem sie sich als unwissende Touristen ausgeben. Denn hier ist die Sittenwacht nicht so streng wie mit dem eigenen Volk.

Der Werbespot zu Gershad bedarf nicht vieler Erklärungen. Dank der App bleibt die Religionspolizei gelangweilt vor ihren Minibussen sitzen, die allzeit bereit stehen, um die Unsittlichen aus dem Verkehr zu ziehen.

Kaum 24 Stunden, nachdem die App im Februar dieses Jahres ins Leben gerufen wurde und viel Zuspruch fand, blockierte das System sie. Die Hersteller hatten bereits mit einer Blockade gerechnet und eine Proxi eingebaut, um die Filterung zu umgehen. Die Sicherheit der Nutzer wird ebenfalls gewährleistet. Womit niemand gerechnet hat, ist die neue Undercover-Polizei des Regimes, die zwar die Täter nicht konfrontiert, aber ihre Autonummern und Gesichter an die Polizei weitergibt.

Rouhani hat sich auch hier erfolglos gegen diese Art der Einmischung in das Leben seiner Landsleute gestellt. Die App kann via Google Play heruntergeladen werden. Die Hersteller der App allerdings leben außerhalb ihres Heimatlandes.