Neue Schätzung des UN-Sondergesandten: Vermutlich weit über 400.000 Tote durch Krieg in Syrien

Neue Schätzung des UN-Sondergesandten: Vermutlich weit über 400.000 Tote durch Krieg in Syrien
Der Sondergesandte der Vereinten Nationen für Syrien, Staffan de Mistura, hat verkündet, dass die Zahl der Todesopfer im seit fünf Jahren tobenden Bürgerkrieg in Syrien sehr wahrscheinlich weit höher liegt als bisher angenommen. Während bisherige Berechnungen von 250.000 Todesopfern ausgingen, stehen jüngste Schätzungen bei zwischen 400.000 und 470.000.

Der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, erklärte, seine „eigenen Analysen“ würden darauf hindeuten, dass die Opferzahl bei 400.000 liegen könnte. Dies sei jedoch keine offizielle UN-Berechnung. Eine syrische Forschungsgruppe kam jüngst sogar zu der Annahme, dass mindestens 470.000 Menschen im Bürgerkrieg ihr Leben verloren hätten.

Die UNO hatte vor zwei Jahren aufgehört, die Todesopfer zu zählen, da man nach eigenen Angaben kein ausreichendes Vertrauen mehr in die Validität des eigenen Datenbestandes hatte. Dies hatte unter anderem damit zu tun, dass eine unüberschaubar gewordene Anzahl an militanten und terroristischen Gruppen involviert war, die regelmäßig daran interessiert waren, die Anzahl eigener Todesopfer herunterzurechnen und die verfeindeter Gruppen zu übertreiben.

Auch die syrische Regierung habe laut dem UN-Sondergesandten ein Interesse daran, die Anzahl der Opfer niedriger anzugeben, als dies tatsächlich der Fall wäre. „Vor zwei Jahren hatten wir die 250.000 als Zahl errechnet“, erklärte de Mistura und betont: „Aber vor zwei Jahren war eben vor zwei Jahren“.

Die Äußerungen de Misturas kommen zu einem Zeitpunkt, da die Kampfhandlungen zwischen syrischen Regierungseinheiten und Rebellen, die bewaffnet für ein Ausscheiden des Präsidenten Bashar al-Assad aus seinem Amt kämpfen, wieder an Intensität gewonnen haben – trotz eines von den USA und der Russischen Föderation vermittelten Waffenstillstandes, der am 27. Februar in Kraft getreten war.

Der UN-Sondergesandte bekannte sich ungeachtet des brüchigen Charakters des Waffenstillstandes zu einer Weiterführung der derzeit in Genf stattfindenden und vorerst bis Mittwoch nächster Woche anberaumten Friedensverhandlungen.

Die größten Rebellengruppen hatten einen Verhandlungsstopp gefordert, "bis die Regierung Assad damit aufhört, von uns gehaltene Städte zu bombardieren".

Salem al-Muslat, der Sprecher des Hohen Verhandlungskomitees der Opposition erklärte jedoch gegenüber dem US-Magazin „Foreign Policy“, dass die meisten Delegierten noch in Genf anwesend seien und ungeachtet der Forderung nach einer Verhandlungsunterbrechung im Gespräch wären, um technische Fragen zu besprechen. Allerdings habe der Generalkoordinator der Opposition, Riad Hijab, Genf verlassen, um an Treffen in Jordanien teilzunehmen. Er könne im Fall einer signifikanten Veränderungen der Verhältnisse jedoch auch kurzfristig wieder zurückkehren.

Im Rahmen der Gespräche soll eine Einigung auf die Bildung einer Übergangsregierung erfolgen und den Konflikt beenden, der zur größten Flüchtlingskrise in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg geführt hatte und zum Aufstieg terroristischer Gruppen wie des IS beigetragen hatte. Die Gespräche werden jedoch durch den Rückzug von Rebellenvertretern vom Verhandlungstisch und die wiederaufgeflammten Kämpfe in mehreren Landesteilen, unter anderem rund um Aleppo, überschattet.