"Waffenstillstand nur noch Makulatur" - Analyse der aktuellen Frontverläufe und Offensiven in Syrien

"Waffenstillstand nur noch Makulatur" - Analyse der aktuellen Frontverläufe und Offensiven in Syrien
Die militärische Lage in Syrien ist trotz eines offiziell noch bestehenden Waffenstillstands unverändert angespannt. An beinahe allen Frontabschnitten haben Rebellen zahlreiche Offensiven gestartet. Diese Angriffe stellen einen offenen Bruch des Waffenstillstands dar. Russland und Iran zeigen sich indes nicht bereit, die über die letzten Monate erkämpfte Konsolidierung der al-Assad-Regierung aufzugeben. RT Deutsch bietet einen umfassende Analyse der aktuellen Frontverläufe:

Zwei Taliban-Milizionäre mit amerikanischen Stinger-Raketen vor einer entführten Maschine der Indian Airlines, Kandahar, 30. Dezember 1999.

Die Angriffe der Rebellen verfolgen zwei Ziele. Das erste Objektiv ist, den auf internationaler Ebene ausgehandelten Waffenstillstand scheitern zu lassen. Moskaus militärische Erfolge zugunsten der al-Assad-Regierung sollen diplomatisch scheitern, mit dem Ziel, der Weltgemeinschaft zu suggerieren, dass die Verhandlungen aufgezwungen worden wären. Eine solche Bemühung soll in erster Linie Russland diskreditieren und den internationalen Druck hin zu einer größeren Konzessionsbereitschaft des Kremls führen. Des Weiteren scheinen die Rebellen die Zeit im Zuge der Waffenstillstandsvereinbarung vor allem dafür genutzt zu haben, um ihre militärischen Verluste logistisch wieder aufzufüllen.

Anfang April wurden schließlich an allen Frontabschnitten Nordsyriens neue Offensiven in die Wege geleitet. Der Fokus der Rebellenoffensive lag auf Süd-Aleppo. Weitere Offensiven wurden nordwestlich der Provinzhauptstadt Aleppo rund um Handarat sowie in Latakia gestartet. An der türkischen Grenze griffen die sunnitisch-arabische al-Schamia-Front und Turkmenen-Rebellen den IS an. Der IS startete zwei Offensiven in Nord-Aleppo gegen FSA- und Turkmenen-Rebellen sowie gegen Regierungstruppen rund um Khanasir, welches südöstlich von Aleppo liegt.

Auch die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, informierte am Donnerstag, dass der bewaffnete Konflikt in Syrien wieder aufflammt, insbesondere in Nord- und Südaleppo.

Anbei eine aktuelle Frontverlaufskarte von Syrien:

Endgame im Bürgerkrieg um Aleppo?

Bereits am 10. April kündigte der syrische Premierminister Wail el-Halaki laut der russischen Nachrichtenagentur TASS an, dass die syrische Armee „gemeinsam mit ihren russischen Partnern eine Operation zur Befreiung Aleppos vorbereite“.

Diese Aussagen wurden zunächst von russischer Seite dementiert. Mittlerweile verteidigt Russland die militärische Reaktion gegen die verschiedenen Rebellenformationen. Russlands Botschafter zu den Vereinten Nationen in Genf, Alexej Borodawkin, bestätigte im Interview mit Bloomberg am Mittwoch, dass russische Luftstreitkräfte Rebellenformationen angreife, die sich nicht von al-Nusra-Front distanzierten. An zahlreichen Frontverläufen steht die al-Nusra-Front in erster Linie und ist von den Waffenstillstandsvereinbarungen ausgenommen.

„Wenn sie [die Rebellen] sich entschieden von Nusra distanziert hätten, dann könnten wir ihnen den Waffenstillstand zusichern“, führte Borodawkin weiter aus.

Angriffe der Regierungstruppen auf Stellungen von dschihadistischen Rebellenformationen um Aleppo werden inzwischen wieder von russischen Luftschlägen gedeckt. Diese seien laut Borodawkin „eine Reaktion auf Nusra, die die Offensive startete“.

„Wir haben Regierungstruppen mit russischer Unterstützung ausgemacht, die damit begonnen haben, Truppen zusammenzuziehen und rund um Aleppo zu konzentrieren“, resümierte der US-amerikanische Pressesprecher der Operation Inherent Resolve, Steve Warren, gegenüber Pentagon-Reportern am Mittwoch.

Auch andere US-Verteidigungs- und Geheimdienstoffizielle verweisen auf die verstärkte Präsenz Russlands in Aleppo. Artillerie, die bei der Offensive zur Befreiung von Palmyra gegen den IS verwendet wurde, werde nun nach Aleppo verlegt, heißt es.

Russische Kampfflugzeuge sollen sich mittlerweile ebenso auf Aleppo fokussieren. Kampfhubschrauber seien in den letzten Wochen in die Provinz verlegt worden.

Zur gleichen Zeit schließen Hunderte vom Iran unterstützter schiitischer Milizen die Reihen der syrischen Regierungstruppen auf dem Boden.

„Die syrische Regierung verfolgt das Ziel der endgültigen Isolation der oppositionellen Kräfte in und rund um Aleppo“, so ein US-Geheimdienstvertreter, der namentlich nicht genannt werden will. Der Offizielle gab an, dass russische Hilfen zumindest in Nord-Aleppo den Eindruck erwecken, als unterstütze Russland die al-Assad-Armee "in weitreichender Weise".

Während russische Luftstreitkräfte als hauptsächlicher Träger der Gegenoffensive al-Assads erscheinen, spielen vom Iran finanzierte Schiiten-Milizen zu Boden eine zentrale Rolle in Aleppo.

„Viele der schiitischen Milizen kämpften sogar während des Waffenstillstands weiter“, bemerkte Phillip Smyth, ein Nahost-Experte der University of Maryland mit Spezialisierung auf militante schiitische Aktivitäten im Nahen Osten und betont: „Sie wurden verstärkt rund um Aleppo stationiert“.

Riad Hijab, Sprecher eines von Saudi-Arabien ernannten 'High Negotiations Committee' (HNC), reist zurück in sein Hotel in einer Golf-Hauptstadt, die den selben Namen trägt wie er, Genf, Schweitz, 19. April 2016.

Um die Ausfälle der syrischen Regierung in den letzten Jahren auszugleichen, hat Iran damit begonnen, immer mehr Schiiten aus dem Irak und andernorts für den Krieg in Syrien zu rekrutieren, gab Smyth zu verstehen. Diese Anwerbungsunternehmungen würden immer häufiger über das World Wide Web erfolgen.

Der Analyst schätzt, in Syrien könnten sich mehr als 14.000 pro-iranische Schiiten-Milizen aufhalten. Des Weiteren würden 3.500 iranische Soldaten aufseiten al-Assads kämpfen.

Entwicklungen an der Front

Eine Koalition aus verschiedenen Rebellenformationen, darunter der 13. Division der Freien Syrischen Armee, Ahrar al-Scham und der al-Nusra-Front, haben Anfang dieses Monats eine umfassende Offensive entlang zahlreicher Ortschaften in Süd-Aleppo gestartet. Die Offensive begann zunächst auf breiter Front. Schnell konzentrierten sich die Kämpfer auf die Region von Tel al-Eis. Kämpfe hielten an und erreichten sogar den Norden von Khan Tuman.

Al-Manar TV, das Nachrichtenportal der mit al-Assad-Verbündeten libanesischen Hisbollah, teilte Tage am 12. April mit, die Regierung bereite eine groß angelegte Gegenoffensive vor. Zahlreiche Regierungstruppen waren in Kämpfe rund um die antike Stadt Palmyra gegen den IS involviert. Diese Truppen mussten erst neu zusammengezogen werden. Inzwischen vermochten es die Einheiten, die immer wieder aufflammenden Kämpfe um Khan Tuman und andernorts auf Tel el-Eis einzuschkränken. Die Stadt jedoch ist immer noch unter der Kontrolle verschiedener Rebellengruppierungen.

Das Dorf Tell el-Eis überblickt die Versorgungsroute zwischen der Hauptstadt Damaskus und der zweitgrößten Stadt Aleppo, die zur Hälfte seit 2012 von Oppositionstruppen gehalten wird.

Am 19. April berichtete das regierungsnahe Nachrichtenportal al-Masdar News, die Rebellengruppen Dschabhat Al-Nusra, Liwaa Al-Haqq, Adschnad Al-Scham, Ahrar Al-Scham, Faylaq Al-Rahman und die 13. Division der FSA hätten eine neue Offensive in Südaleppo gestartet. Simultan griffen sie die Dörfer Zaytan, Burnah und Khan Tuman an.

Sollten die Rebellen allerdings die strategisch wichtige Stadt Khan Tuman zurückerobern, dann werden sie die Aleppo-Damaskus Autobahn von Idlib, die sie unter ihrer Kontrolle halten und Kern ihrer Einflusszone ist, wieder bis Aleppo-Stadt nutzen können. Die Folge wäre, dass sie einer Konzentrierung von Regierungstruppen zuvor kämen. Logistisch unterlegene Kräfte innerhalb von Aleppo-Stadt würden entlastet werden.

Bildquelle: Twitter/ @Peto Lucem
Bildquelle: Twitter/ @Peto Lucem

In Chanasir, einer Ortschaft westlich der Verbindungsroute von Damaskus nach Aleppo, ging der IS in die Offensive und griff die sogenannten Nationalen Verteidigungskräfte (NDF - Eine regierungsnahe Freiwilligenmiliz) an.

Bildquelle: Twitter/ @deSyracuse
Bildquelle: Twitter/ @deSyracuse

Dabei sollen nach Angaben des Nachrichtenportals al-Masdar News angeblich größere Mengen iranischer Waffengüter erbeutet worden sein. 

In Latakia, der Westprovinz Syriens, griffen turkmenische Rebellen unterdessen gemeinsam mit anderen islamischen Fraktionen Regierungstruppen mit dem Ziel an, die Fronten in Aleppo auszudünnen. Dort führen die Einheiten in den dichtbewaldeten Gebirgsregionen einen Hit-and-Run-Krieg. Nicht selten ziehen sich die Turkmenen dabei auf das türkische Staatsterritorium zurück und marschieren wenige Tage später wieder von dort, dem Bezirk Yayladagi, auf.

Am 18. April rückten die Rebellen auf Verteidigungspositionen der syrischen Armee in Dschabal al-Ali und Dschabal al-Qalat vor, hielten diese Positionen und zogen sich nach Stunden wieder zurück, als Verstärkung für die syrische Armee eintraf und diese zurückdrängte.

Entlang der türkischen Grenze schien es lange so, als wenn die FSA und Turkmenen-Milizen auf eigene Faust den IS zurückdrängen könnten. Am 11. April verkündete die umstrittene Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), dass die Rebellen die Grenzstadt al-Rai vom IS befreit hätten. Noch in der gleichen Woche kollabierte allerdings die FSA-Offensive. Der IS startete eine Gegenoffensive. Da türkische Artillerie die Positionen des IS nur tagsüber beschießen kann, entschied die Dschihadisten-Miliz, die FSA-Gebiete mit Überraschungsangriffen des Nachts zu überrennen - was ihnen auch gelang. Seit Tagen rennen IS-Kämpfer mittlerweile gegen die Städte Azez und Dudyan an.

Bildquelle: Twitter/  @miladvisor
Bildquelle: Twitter/ @miladvisor

Laut der humanitären Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF) halten sich im Azez-Distrikt mehr als 100.000 Menschen auf, die in die Türkei flüchten wollen.

„Wir müssen wieder ansehen, wie zehntausende Menschen gezwungen werden, alternativlos und ohne einen sicheren Ort erneut zu fliehen – gefangen in diesem blutigen und brutalen Konflikt“, kritisierte Muskilda Zancada, der MSF-Leiter in Syrien.

Zuvor berichtete die in Genf ansässige Organisation, dass bereits nach schweren Kämpfen in der vergangenen Woche mehr als 35.000 Menschen ihre Flüchtlingslager wegen des Anrückens des IS verlassen mussten. Diese Menschen sollen sich mittlerweile nur noch vier Kilometer von den Front entfernt aufhalten.