Auch „Spiegel“ und „Welt“ betroffen: Türkei wirft deutsche Journalisten aus dem Land

Auch „Spiegel“ und „Welt“ betroffen: Türkei wirft deutsche Journalisten aus dem Land
Deutschen Journalisten scheint in Erdoğans Türkei zunehmend der Boden unter den Füßen heiß zu werden. Nachdem bereits im Vorjahr der Türkei-Korrespondent der FAZ, Michael Martens, seinen Wohnort und sein Büro nach Athen verlegt hatte, hat nun auch der „Spiegel“ seinen langjährigen Korrespondenten Hasnain Kazim aus Istanbul abgezogen.

Während türkische Publikationen diesen Schritt vielfach mit Häme kommentieren und vermeintliche Sparzwänge des zuletzt unter Auflagenschwund leidenden Magazins als Beweggrund vermuten, deuten zahlreiche Anhaltspunkte darauf hin, dass handfeste politische Erwägungen hinter dem Entschluss des Chefredakteurs von „Spiegel online“, Florian Harms, stehen, den bekannten Korrespondenten aus der Türkei abzuziehen.

Angela Merkel macht David Cameron und Francois Hollande die Ansage, Brüssel, 18. März 2016.

Insbesondere soll die türkische Verwaltung es Hasnain Kazim unmöglich gemacht haben, seiner Tätigkeit als Journalist nachzugehen. "Man hat mir einfach nicht ermöglicht, hier weiter zu berichten“, beklagt sich Kazim gegenüber der „Zeit“.

So habe Hasnain Kazim wie gewohnt zu Beginn des Jahres einen Antrag auf Akkreditierung als Journalist an die türkische Regierung gestellt. Dieser sei jedoch bis dato immer noch nicht bearbeitet worden und die Redaktion rechnet auch nicht mehr mit einer positiven Erledigung. Ob Kazim von der Möglichkeit Gebrauch gemacht hat, einen Antrag auf Übertragung an die nächsthöhere Verwaltungsinstanz zu stellen, geht aus den Äußerungen aus der „Spiegel“-Redaktion nicht hervor.

In der Türkei wurde Kazims Arbeit ebenso wie jene des „Spiegel“ mehrfach von Regierungsanhängern kritisiert, weil Ankara dem Magazin seine anhaltend kritische Berichterstattung über die Regierung Erdoğan vorwarf. Im Jahr 2013 berichtete Spiegel ausführlich über Proteste oppositioneller Gruppen im Istanbuler Gezi-Park. So hatte das Magazin auf dem Höhepunkt der mit Härte niedergeschlagenen Proteste eine mehrseitige Titelstory in türkischer Sprache veröffentlicht, die unter dem Motto „Halte durch, Türkei“.

Hasnain Kazim hatte nach dem Grubenunglück in Soma im Jahr 2014 auch persönlich Bekanntschaft mit entrüsteten Anhängern des damaligen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan machen müssen, nachdem er einen Artikel über die Reaktionen auf die Katastrophe mit „Scher dich zum Teufel, Erdoğan“ überschrieben hatte. Dabei handelte es sich um eine wörtlich wiedergegebene Aussage eines Einwohners der betroffenen Stadt. Daraufhin seien neben Beschimpfungen per E-Mail und in sozialen Medien auch Morddrohungen eingegangen.

Demonstration gegen die Verhaftung der Journalisten Can Dundar und Erdem Gul in Ankara, Türkei, im November 2015.

Der aktuelle Präsident Erdoğan hatte in der Vorwoche zudem angekündigt, Journalisten künftig unter bestimmten Umständen mit Terroristen gleichzussetzen. „Zwischen Terroristen, die Waffen und Bomben tragen, und jenen, die ihre Position, ihren Stift oder ihren Titel den Terroristen zur Verfügung stellen, besteht kein Unterschied“, hatte Erdogan in einer Presseerklärung geäußert und eine Gesetzesverschärfung angedroht. „Nur weil jemand einen Titel wie Abgeordneter, Akademiker, Autor, Journalist oder Leiter einer Nichtregierungsorganisation trägt, ändert das nichts an der Tatsache, dass diese Person eigentlich ein Terrorist ist.“

Übrigens soll sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel persönlich vergeblich dafür eingesetzt haben, dass Hasnain Kazim sein Presseausweis ausgestellt wird. Der Journalist will außerdem erfahren haben, dass ihm in der Türkei ein Prozess wegen Unterstützung einer Terrororganisation drohe, „bloß weil ich mit Leuten gesprochen habe, die die Türkei als Terroristen bezeichnet“, so Kazim.

Deshalb habe ihn aus Sicherheitsgründen ein Diplomat zum Flughafen begleitet. Auch der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel soll keinen Presseausweis erhalten und das Land verlassen haben. Grund dafür soll sein, dass die türkische Regierung ihn für einen Sympathisanten der verbotenen PKK halte.