RT-Team in Cizre: „Einige der Spezialeinheiten sahen aus wie IS“

RT-Team in Cizre: „Einige der Spezialeinheiten sahen aus wie IS“
Einem Team von RT ist es gelungen, die mehrheitlich kurdische Stadt Cizre in der türkischen Unruheprovinz Cizre zu besuchen. Die Journalisten wollten sich vor Ort einen Eindruck über die Lage der Menschen in der heftig umkämpften Stadt machen, wo die türkische Armee seit Mitte Dezember des Vorjahres über mehrere Monate hinweg mit massiver Gewalt Aufstände der in der Türkei, der EU und den USA verbotenen PKK und einiger ihrer bewaffneten Jugendorganisationen niedergeschlagen hatte.

Die RT-Crew hatte, um in das Kriegsgebiet gelangen zu können, bei der Presse- und Informationsstelle des Gouverneurs in Diyarbakır eine Akkreditierung unter der Angabe erwirkt, britische Journalisten zu sein. Seit der Verschlechterung der russisch-türkischen Beziehungen infolge des Abschusses des Su-24-Kampfflugzeuges im November 2015 sei es für russische Journalisten fast unmöglich, in der Türkei zu arbeiten, insbesondere in den Südostprovinzen.

Auch Journalisten aus dem EU-Raum klagten insbesondere seit dem Wiederaufflammen des bewaffneten Konflikts in den Kurdenregionen zunehmend über Behinderungen und Repressionen vonseiten der türkischen Behörden, da sie als Sympathisanten der PKK gelten.

Die Mannschaft von RT wollte im Zuge ihrer Recherche vor allem den Berichten über angebliche Massaker und Menschenrechtsverletzungen nachgehen, die aus den betroffenen Gebieten an die Medien durchgesickert waren. So war auf dem Höhepunkt der Gefechte unter anderem die Rede davon, dass hunderte Zivilisten, die in Kellern gefangen waren, getötet worden sein sollen. Unter anderem sollen in einem einzigen Keller in Cizre im Februar 150 Menschen verbrannt worden sein.

Das RT-Team hat seinen eigenen Darstellungen zufolge bei seinem Besuch in der umkämpften Stadt vor allem ein unvorstellbares Maß an Zerstörung erlebt. Ganze Straßenzüge bestanden nur noch aus Ruinen, es tat sich zum Teil eine Steinwüste auf, die an Verhältnisse in Homs oder an anderen erheblich zerstörten Schauplätzen des syrischen Bürgerkriegs erinnerten. Die Häuser, die noch stehen, könnten jederzeit einstürzen, berichten die Augenzeugen.

Was die Vorwürfe von Verbrechen gegen Zivilisten anbelangt, war noch vor türkischen Abgeordneten die Nachrichtenagentur ANHA vor Ort und berichtete darüber, dass in den Siedlungen Sur und Cudi im Bezirk Cizre mehr als 100 Leichen aufgefunden worden wären. Um diese zu identifizieren, sollen DNA-Proben genommen worden sein, weil auf Grund der starken Verbrennungen eine andere Art der Identifizierung nicht mehr möglich gewesen sein soll.

Die Human Rights Foundation hat wiederum berichtet, dass in der Zeit vom 16. August 2015 bis zum 5. Februar 2016 mindestens 224 Zivilisten (42 Kinder, 31 Frauen, 30 Menschen im Alter über 60 Jahre) während der Zeit des Ausnahmezustands ihr Leben verloren haben sollen. Insgesamt 1 377 000 Menschen sollen – legt man die Angaben des Zensus 2014 zugrunde – durch Maßnahmen wie die Verhängung des Ausnahmezustandes und die Verhängung von Ausgangssperren betroffen gewesen sein. In vielen Fällen seien die Grundrechte der Betroffenen in massiver Weise verletzt worden.

Bereits im Januar hatte Amnesty International davon gesprochen, dass die von ganztägigen Ausgangssperren begleitete Militäroperation das Leben von zehntausenden Menschen in Gefahr bringe und beginne, „an Kollektivbestrafung zu erinnern“. „Das Abschneiden von der Wasserversorgung und Elektrizität, zusammen mit der Gefährdung des Zugangs zur Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin während der Kampfhandlungen haben eine vernichtende Wirkung auf die Bewohner, und die Situation wird voraussichtlich noch schlimmer werden, sollte sich die Regierung nicht dieses Themas annehmen“, erklärte damals bereits der Direktor von Amnesty International für Europa und Zentralasien.

Anwohner berichtet zudem, kurdische Zivilisten seien während der Niederschlagung der Unruhen durch die türkische Armee verbrannt und teilweise sogar enthauptet worden. RT-Reporter William Whiteman, der unter größter Gefahr in die umkämpfte Stadt gereist war, sammelte Eindrücke vonseiten der Bewohner, die sich ihm anvertrauten, als sie sichergestellt hatten, dass es sich bei ihm nicht um einen türkischen Journalisten handelte. Dabei wurden ihm und seinem Team erschreckende Berichte übermittelt.

Die Zivilisten, die das RT-Team befragen konnte, bestätigten alle zuvor aus den abgesperrten Territorien an die Öffentlichkeit gedrungenen Schreckensnachrichten. So bestätigten neben Angeordneten der prokurdischen „Demokratischen Partei der Völker“ (HDP) auch Anwohner Berichte über etwa 150 in Kellern gefangenen Zivilisten, die „lebendig verbrannt“ worden sein sollen.

„Einige Leichen wurden ohne Köpfe gefunden“, erklärte beispielsweise die Parlamentsabgeordnete Feleknas Uca (Diyarbakır) gegenüber Sputnik News. Bei den meisten von ihnen habe es sich um Kurden gehandelt. In den regierungsnahen Medien war lediglich die Rede davon, dass „Terroristen“ ums Leben gekommen seien.

Dem RT-Team wurde zudem ein Raum gezeigt, der von Einschusslöchern übersät war und wo noch Reste von menschlichem Blut und von Gehirnmasse über die Decke verspritzt zu sehen waren. In jenem Raum soll eine Gruppe kurdischer Kämpfer extralegal hingerichtet worden sein. Die Anwohner berichteten, dass sich unter den türkischen Spezialeinheiten, die in die Region entsandt worden waren und die durch ein besonders brutales Vorgehen aufgefallen waren, auch solche befunden haben sollen, die lange Bärte aufgewiesen hätten und „wie ISIS ausgesehen“ hätten.

Die Reporter von RT haben ihre gesammelten Beweismittel aus Cizre an NGOs und internationale Organisationen wie Human Rights Watch (HRW), die örtlich zuständige Gruppe von „Ärzte ohne Grenzen“ (MSF), dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK), dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte und Amnesty International übergeben.

Auf die Anfrage von RT, ob die internationalen Organisationen planten, die Behauptungen über Grausamkeiten türkischer Sicherheitskräfte gegen Zivilisten zu untersuchen oder Erklärungen dazu abzugeben, gab es bis dato keine detaillierte Antwort, wofür eine Reihe von Gründen angeführt wurden.

So sah sich Amnesty International außerstande, „zu diesem Zeitpunkt einen Kommentar abzugeben“, HRW kündigte an, ihr türkisches Forschungsteam würde der Sache nachgehen, man könne jedoch „zurzeit noch keinen Kommentar abgeben“. Das IKRK erklärte, über kein türkisches Büro zu verfügen, das in der Lage wäre, die Situation im Südosten des Landes zu untersuchen. Das Büro des UN-Menschenrechtsbeauftragten beließ es bei einer Presseerklärung vom 1. Februar, MSF antwortete bis dato noch gar nicht.