Türkischer Premier Davutoğlu: „Ohne uns wäre die Rebellenfront in Syrien längst zusammengebrochen“

Türkischer Premier Davutoğlu: „Ohne uns wäre die Rebellenfront in Syrien längst zusammengebrochen“
In einem Interview mit dem Nachrichtensender Al Jazeera hat der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu brisante Aussagen getätigt. Er warf Russland vor, in Syrien „eine ethnische Säuberung durchzuführen sowie eine umfassende Flüchtlingskrise in der Türkei und der EU auszulösen". Zudem betonte er, dass nur dank türkischer Unterstützung für verschiedene Rebellenformationen, diese noch signifikante Gebiete gegen die syrische Regierungsarmee halten können.

Der türkische Premierminister lobte die Rebellen, die noch große Teile der strategisch wichtigen Stadt Aleppo halten, für das Zurückschlagen von Offensiven der Regierungsarmee, die von der russischen Luftwaffe unterstützt werden.

„Wie würden sie sich verteidigen können, wenn es die türkische Unterstützung für das syrische Volk nicht gäbe? […] Wenn es heute eine echte moderate syrische Opposition gibt, dann nur wegen der türkischen Unterstützung. Wenn das [Assad-]Regime nicht alle Territorien kontrollieren kann, dann ist es wegen der Unterstützung der Türkei und anderer Staaten für die Rebellen.“

So der türkische Premier Davutoğlu im Gespräch mit Al Jazeera.

Der Premier versprach, dass die Türkei „alles tun werde für ihre syrischen Brüder und Schwestern – ohne die Hilfe von woanders zu erbitten – für die Flüchtlinge und die heroischen Menschen in Syrien“. Diese Hilfe richte sich an „alle Syrer, die ihre Stimme gegen die Aggressionen des Regimes und gegen Terroristen wie die YPG (kurdische Selbstverteidigungseinheiten), den Islamischen Staat und ausländische Mächte erheben, welche in Syrien direkt intervenieren, wie Russland und Iran“. Die Türkei gilt unter Analysten als wichtigster Unterstützer von bewaffneten oppositionellen Gruppen, die von der Freien Syrischen Armee bis hin zur salafistisch geprägten Organisation Ahrar al-Scham reicht, die rund 25.000 Mann unter ihrem Banner vereinigt.

Davutoğlu warf Moskau vor, dass das eigentliche Ziel der russischen Luftkampagne in Syrien „eine ethnische Säuberung in und rund um Aleppo“ wäre. In diesem Zusammenhang unterstellte er der russischen Regierung, dass diese „alle Anti-Regime-Kräfte, alle Gruppen – Sunniten, Kurden, Turkmenen und Araber -“ gezielt ins Visier nehmen würde.

„[Russland] fährt damit fort, diese Leute in die Türkei zu drängen. Und die internationale Gemeinschaft bleibt ruhig. Sie wird denen sicherlich auch nicht helfen“, sagte Davutoğlu. Der türkische Regierungschef fügte hinzu, Russlands Endziel wäre es, „eine umfassende Flüchtlingskrise in der Türkei und der EU auszulösen“.

Im Interview mit dem internationalen Fernsehsender antwortete Davutoğlu auf die Frage, ob die Türkei in Syrien militärisch intervenieren werde:

„Ich sagte es bereits einem wichtigen arabischen Staatsmann, als er mir die gleiche Frage stellte: ‚Warum interveniert Ihr nicht in Syrien?‘: Wir entsandten Truppen, um Mosul [im Irak] gegen den IS zu befreien […] und die Arabische Liga hat uns dafür kritisiert. Deshalb sollten all jene, die uns diese Frage stellen, auch zunächst auf sich selbst schauen. Ich kritisiere nicht unsere arabischen Freunde, aber welches arabische Land hat mehr als die Türkei getan? Wer kann uns garantieren, wenn wir militärisch intervenieren, dass arabische Länder das verteidigen und unterstützen?“

Offiziell verlegte Ankara 150 Soldaten und 35 Panzer im Dezember 2015 in den Nordirak. Dieser Schritt zog scharfe Kritik von Bagdad nach sich. Einem Exklusiv-Bericht der britischen Tageszeitung Telegraph zufolge seien jedoch seitdem mehr als 1.000 türkische Elitesoldaten rund um das Baschika-Camp, welches nur neun Meilen von der IS-Hochburg und zweitgrößten Stadt des Landes, Mosul, entfernt liegt, in heftige Kämpfe gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ involviert.

Lokale Augenzeugen haben dem Telegraph berichtet, dass sich türkische Panzer in der Region von Baschika frei bewegen und den IS regelmäßig unter Feuern nehmen. Es tauchten zudem Bildbeweise auf, wonach in Militärfarben angemalte Sabra-Panzer, eine kampfwertgesteigerte israelisch-türkische Weiterentwicklung des US-Kampfpanzers M60, auf IS-Stellungen feuerten.

Laut dem Stabschef des kurdischen Peshmerga-Ministeriums in Erbil, Dschabar Yawar, mit dem Ankara sehr eng kooperiert, sollen sich in Baschika rund 2000 türkische Soldaten aufhalten. Dort bildet die türkische Armee seit Monaten Sunniten-Milizen aus arabischen, kurdischen und Turkmenen-Stämmen mit dem Ziel aus, Schiiten-Milizen, die als pro-iranisch gelten, aus dem sunnitisch geprägten Norden Iraks rauszuhalten. In Baschika halten sich mehr als 90 türkische Militärberater auf.

Laut dem Sicherheitsanalysten Aaron Stein richte sich das türkische Engagement gegen den IS vor allem gegen den geopolitisch erstarkenden Iran, der im Zuge des Kampfes gegen den IS über die Schiiten-Miliz al-Haschd al-Schaabi seinen Einfluss in Bagdad und der Provinz Diyala ausweiten konnte.

Während die Türkei also die „Kurdische Arbeiterpartei“, kurz PKK, in der Türkei und im Irak militärisch bekämpft, werden der syrische Ableger der PKK, die PYD, und ihr militärischer Arm YPG seit Mitte Februar wegen ihrer Angriffe gegen pro-türkische Rebellen rund um die Stadt Azaz mittels Panzern beschossen. Zudem baut Ankara die kurdische Regierung in Erbil seit Jahren gezielt auf. Daraus resultierte eine starken wirtschaftliche und politische Allianz.

Ankara richtet potenzielles Aufmarschgebiete mit schwerem Militärgerät an syrischer Grenze ein:

Diese Zweckehe half Ankara dabei, seine Präsenz in Nordirak und - noch wichtiger - am Rande von Mosul zu zementieren, einer Stadt, die bis 1918 Teil des Osmanischen Reiches war.

Aaron Stein kommentierte die Entwicklung wie folgt:

„Die Aktivitäten der Türkei legen nahe, dass sie ein Schlüsselakteur bei der politischen Neuordnung der Region Mosul nach der Niederschlagung des IS sein möchte.“

Der Journalist, der Davutoğlu interviewte, deutete hingegen an, dass Ankaras Optionen in Syrien limitiert sein müssten, da Russland den Himmel über dem Land kontrolliere. Darauf  antwortete der türkische Premier:

„Man sagt: Russland kontrolliert den Himmel, aber die Türkei […] kontrolliert die Herzen der Syrer.“

Kämpfer der Freien Syrischen Armee feuert eine TOW-Panzerrakete ab. Wer Arabisch spricht und Ärger mit seinen Nachbarn hat, kann diese Geräte nun auch bei Facebook erwerben, Hama, Oktober 2013.

Davutoğlu sagte zudem, die Türkei werde „niemals“ den Abschuss des russischen Su-24-Bombers im November 2015 „bereuen“, da das Land lediglich seinen Luftraum verteidigt hätte.

Laut dem türkischen Premierminister habe der russische Bomber den türkischen Luftraum verletzt und wurde unter den bekannten Einsatzregeln der Luftwaffe abgeschossen, die „zum ersten Mal 2012 deklariert wurden, als die syrische Regierung ein türkisches Flugzeug angriff und dieses abschoss“.

Moskau gab wiederholt an, dass der russische Bomber an Anti-Terroroperationen in Syrien teilgenommen habe. Der Zwischenfall sei lediglich eine Provokation vonseiten Ankaras gewesen.

Entgegen türkischen Anschuldigungen betont Russland, dass der russische Bomber zu keinem Zeitpunkt türkischen Luftraum verletzt habe.

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