RT Deutsch-Analyse: Kampf um Azaz und Ankaras strategisches Vorgehen gegen die YPG in Syrien

Syrische Flüchtlinge in der nord-syrischen Grenzstadt Azaz, Grenzübergang Bab al-Salam, 6. Februar 2016
Syrische Flüchtlinge in der nord-syrischen Grenzstadt Azaz, Grenzübergang Bab al-Salam, 6. Februar 2016
Der türkische Premierminister Davutoğlu hat am Montag gewarnt, dass Ankara den Fall der nordsyrischen Stadt Azaz an die kurdischen YPG nicht zulassen werde und drohte dieser mit "härtester Reaktion“. Eine Bodenoffensive schlossen türkische Regierungsbeamte auf Nachfrage von RT Deutsch jedoch aus. Gleichzeitig zeigen Geheimdienstinformationen, dass die Türkei aktuell frische Dschihadisten-Einheiten nach Syrien lässt, um die Reihen der angeschlagenen al-Nusra-Front und des IS zu stärken.

„YPG-Elemente wurden gezwungen, sich von Azaz zu entfernen. Wenn sie sich nochmals nähern sollten, dann werden sie mit der härtest möglichen Reaktion konfrontiert. Wir werden nicht zulassen, dass Azaz fällt“, sagte Davutoğlu hinsichtlich der jüngsten Artillerieangriffe der türkischen Armee gegen die Kurden-Organisation.

Er drohte, das türkische Militär würde die Luftwaffenbasis Minnigh, die die YPG vor einigen Tagen von der Rebellenmiliz Ahrar al-Scham eingenommen hatten, „unbrauchbar“ machen, wenn die Kurden-Organisation nicht von ihrer Stellung abziehe. Jegliche Bewegungen der YPG zwischen den nordsyrischen Grenzstädten Azaz und Dscharablus werde die Türkei als "kurdische Aggression" werten, so Davutoğlu.

Sitz des Außenministeriums der Russischen Föderation

Das türkische Militär beschoss YPG-Positionen am Montag in Syrien am dritten Tag in Folge. Ein Pressesprecher des türkischen Außenministeriums erklärte, Artillerieschläge erfolgten, nachdem ein Grenzposten am Morgen angegriffen wurde.

„Heute wurde ein türkischer Grenzposten in der Region von Hatay an der syrischen Grenze angegriffen. Vergeltungsschüsse wurden abgefeuert“, sagte Pressesprecher Tanju Bilgic gegenüber Reportern.

In der Zwischenzeit kamen Berichte auf, wonach Raketen ein Kinderkrankenhaus, eine Schule und andere Orte in Azaz, das von protürkischen Rebellen gehalten wird, getroffen hätten, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Arzt und zwei Anwohner, die namentlich nicht genannt werden wollten. Bei einer Pressekonferenz während seines Staatsbesuchs in der Ukraine behauptete Premierminister Davutoğlu in Kiew, „russische Raketen, die vom Kaspischen Meer abgefeuert wurden“, hätten die besagte Schule und das Krankenhaus getroffen.

Ein türkischer Sicherheitsoffizieller, der mit Reuters sprach, behauptete, insgesamt sieben Raketen russischer Bauart hätten im Krankenhaus eingeschlagen.

Die Grafik von RT Deutsch dokumentiert Russlands Luftangriffe in Nord-Aleppo in den Tagen zwischen dem 1. und 13. Februar:

Das russische Außenministerium seinerseits betonte in einer Stellungnahme erneut, dass türkische Bombenschläge auf syrisches Territorium die entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrats verletzten. Moskau rief Ankara dazu auf, die anhaltenden „militärischen Provokationen“ unmittelbar zu stoppen.

„Seit dem 13. Februar beschießt türkische Artillerie, die an der syrischen Grenze aufgefahren wurde, syrisches Wohngebiet, welches von Terroristen durch Regierungstruppen oder kurdische Kräften befreit wurde“, geht aus der Stellungnahme des russischen Außenministeriums hervor. „Es gibt zahlreiche Berichte, die belegen, dass Zivilisten getötet und verletzt wurden. Zudem wurden zahlreiche Häuser und die städtische Infrastruktur zerstört.“

Moskau fügte mit Blick auf Ankaras Interessen in Aleppo hinzu:

„Laut eintreffenden Informationen lässt die Türkei frische bewaffnete Dschihadisten und Söldner nach Syrien, die die Reihen der al-Nusra-Front, des Islamischen Staates und anderer Terrorgruppen stärken sollen, die in den Kämpfen schwere Verluste erlitten.“

Am Donnerstag begann die türkische Armee massive Artillerieschläge gegen kurdische Ziele in der Nähe der Stadt Azaz in Nordwestsyrien, einschließlich der Luftwaffenbasis. Die Artillerie nahm auch syrische Einheiten entlang der syrisch-türkischen Grenze unter Feuer, gaben Medien an.

Am Samstag kündigte der türkische Premierminister Davutoğlu an, dass das türkische Militär die syrischen Kurden genauso ins Visier nehmen werde wie die PKK in der Türkei und dem Irak. Die „Kurdische Arbeiterpartei“, PKK, wird in der Türkei, den USA und der EU als terroristische Vereinigung gelistet.

„Die YPG attackiert Rebellen in Nord-Aleppo, seit die Türkei den russischen Kampfjet [in November] abschoss“, behauptete Abdurrahman Harousch, der ehemalige Sprecher der Rebellenorganisation Dschaisch il-Islam. „Seit die Regierungstruppen Nubl und Zehra erreichten, haben die Regierung und die YPG mit Unterstützung Russlands gemeinsam koordinierte Mehrfronten-Angriffe gestartet. Die Rebellen sind Freunde der Türken und wenn sie besiegt sind, wird die YPG das Gebiet einnehmen.“

Die syrische Regierung reichte am gleichen Tag eine Beschwerde bei den Vereinten Nationen ein, um die supranationale Organisation dazu aufzufordern, die Türkei dazu zu drängen, ihre Angriffe auf Syrien und ihre Unterstützung für vermeintliche Terrorgruppen einzustellen.

„Türkische Artillerie bombardierte die Städte Maraanaz, Malikiyah, Minagh, Ain Dakna und Bazi Bagh, in denen zahlreiche Zivilisten leben“, umriss die syrische Behörde ihre Beobachtungen in ihrer Mitteilung an den UN-Generalsekretär.

Darüber hinaus informierte der Brief, dass angeblich 12 mit schweren Maschinengewehren beladene Pick-Ups und rund 100 Dschihadisten von der Türkei nach Syrien über den Grenzübergang Bab al-Salam am Samstag eingedrungen wären. Diese Behauptung wurde von der türkischen Regierung verneint.

Nach Informationen von Nusra-Quellen sei die syrische al-Qaida aus den ländlichen Gebieten Aleppos im August 2015 abgerückt, nachdem die Türkei erklärte, eine Pufferzone als Teil des internationalen Kampfes gegen den IS in Nordsyrien zu etablieren.

„Sie [die Kurden] behaupten, sie würden nur al-Qaida und den IS bekämpfen, aber es gibt keinerlei Informationen dafür“, sagte Abu Said el-Halebi, ein Kämpfer der dschihadistischen al-Nusra-Front, und behauptete, dass die Gruppe aus Minagh vor dem Angriff der YPG abgezogen sei. „Wir verstecken es nicht, wenn wir uns gegen YPG verteidigen. Und wenn Nusra eine Präsenz dort hätte, dann gäbe es wie sonst auch Bilder und Videos von dort.“

„Es ist eine absolut unakzeptable Situation an der türkisch-syrischen Grenze. Syrien beschwerte sich beim UN-Sicherheitsrat und stellte Material zu diesem Zwischenfall zur Verfügung. Wir werden die Beschwerde definitiv im UN-Sicherheitsrat unterstützen“, teilte die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums Maria Zacharowa am Montag gegenüber RT mit und führte weiter aus:

„Die internationale Gemeinschaft und Medien sind damit beschäftigt, Russland der prekären humanitären Lage in Syrien wegen zu beschuldigen, aber sie zeigen keine Aufmerksamkeit für die Aktivitäten an der türkisch-syrischen Grenze und dafür, was die Türken dort machen – es ist ein Desaster.“

Inzwischen riefen die Regierungen in Washington und Paris die Türkei dazu auf, ihre Artillerieangriffe gegen kurdische Ziele einzustellen. „Wir sind über die Lage in Nord-Aleppo besorgt und arbeiten daran, die Spannungen auf allen Seiten dort zu deeskalieren“, sagte Sprecher John Kirby namens des US-Außenministeriums und betonte:

„Wir haben auch von Artilleriefeuer von türkischer Seite gehört und drängen die Türkei dazu, dieses einzustellen. Auch Frankreich forderte die Türkei, Übergriffe zu stoppen.“

Der türkische Außenministeriumssprecher Bilgic reagierte verärgert und mahnte, dass die Türkei bei der Bekämpfung von „terroristischen Gruppen“ nicht um Erlaubnis bitten werde.

Unterdessen befürchten Nahost-Analysten, dass die Türkei ihre Unterstützung für syrische Rebellen ausweiten könnte, nachdem die kurdischen Kräfte die „rote Linie“ überquerten, indem sie russische Hilfe annahmen, um auf Kosten türkischer Rebellen-Ableger Territorien gut zu machen.

Obwohl der türkische Verteidigungsminister bestritt, dass die Türkei Truppen nach Syrien entsenden werde, glauben Analysten angesichts der jüngsten Entwicklungen, dass die Türkei alles tun werde, um eine Expansion der YPG, die sie als Gefahr für die nationale Sicherheit betrachtet, zu verhindern.

Der Türkei-Experte Aaron Stein teilte mit:

„Azaz ist für die Türkei ganz klar eine rote Linie und Ankara wird Schritte ergreifen, um diese Stadt vor der Einnahme durch Gruppen zu bewahren, die man als feindlich betrachtet.“

Auch der Direktor des in Ankara ansässigen strategischen Think Tanks ORSAM, Saban Kardas, sagte, dass die Türkei die Ausweitung von Unterstützung für Rebellen-Gruppen in Betracht ziehe, die nicht nur bereit sind, al-Assad zu bekämpfen, sondern auch die YPG auf ihrem Territorium.

„Kurdische Kräfte zu bombardieren, wird keine Ergebnisse bringen, solange entstandene Freiräume nicht von einer anderen, freundlich gesinnten Kraft zu Boden gefüllt werden“, sagte Kardas und betont:

„Es wäre hart, zu diesem Zeitpunkt eine militärische Invasion zu starten, aber gemessen an den Spezifika könnte Ankara seine Unterstützung für bewaffnete Gruppen in Azaz erhöhen.“

Auch der syrische al-Nusra-Dschihadist el-Halebi glaubt daran, dass die Türkei die YPG zurückdrängen werde. So sagte er:

„Es ist möglich, dass die YPG einige kleine Dörfer noch einnimmt, aber es wird sehr schwer oder unmöglich, dass sie Tell Rifat oder Azaz einnehmen.“

Einem Bericht des Hisbollah-nahen Nachrichtenportals al-Manar zufolge haben am Montag die Kurden-Milizen unter dem Banner der YPG die Stadt Tell Rifat eingenommen.