Syrien: Kriegsstrategie Belagerung

Soldaten der regulären syrischen Armee feiern die Befreiung von Nubul und Zahraa im Norden von Aleppo. am 4.  Februar 2016.
Soldaten der regulären syrischen Armee feiern die Befreiung von Nubul und Zahraa im Norden von Aleppo. am 4. Februar 2016.
In den vergangenen Wochen kam Bewegung in die erstarrten Fronten des syrischen Bürgerkriegs. Das schafft auch Hoffnung für Zehntausende Menschen, deren Städte teilweise schon seit Jahren von den Bürgerkriegsparteien belagert werden. Abseits der Öffentlichkeit verwenden insbesondere bewaffnete Aufständische und ausländische Söldner diese Kriegsstrategie, die von der UNO und Menschenrechtsgruppen als besonders grausam verurteilt wird.

Im syrischen Nordwesten betrifft das etwa die Städte Nubul und Zahraa. Insgesamt lebten hier früher 50.000 Menschen, die sich den verschiedenen Gruppen der bewaffneten Opposition nicht ergeben wollten. Inzwischen zieht sich die Belagerung seit fast drei Jahren hin. Im Juni 2012 schlossen Truppen der „Freien Syrischen Armee“ (FSA) einen Belagerungsring um die beiden Ortschaften nördlich von Aleppo.

Seitdem konnten Versorgungsgüter nur noch mit Hubschraubern eingeflogen werden. An den Rändern der Städte wurden immer wieder Menschen entführt und ermordet. Im März 2013 konnten unter Vermittlung der kurdischen PYG-Milizen mehrere entführte Personen von beiden Seiten ausgetauscht werden.

In den folgenden Jahren gelangten Essen und lebenswichtige Güter teilweise über den einzigen Landweg aus der kurdischen Stadt Afrin. Allerdings änderten sich im Februar 2014 die Machtverhältnisse vor den Toren der Städte. Damals übernahmen die mit Al-Qaida verbundene Al-Nusra-Front und andere sunnitische Terroristen ein Industriegebiet im Süden von Zahraa.

So begann im Herbst dieses Jahres die schlimmste Zeit für die Bewohner. Die Al-Nusra-Front und ausländische Söldner starteten einen Angriff auf drei Fronten. Dutzende von Mörsergranaten und Einschläge von Geschützen zerstörten das Stadtgebiet. Aber die Bewohner verteidigten es erfolgreich.

Anfang Januar 2015 versuchten es die Rebellen erneut. In tagelangen Kämpfen starben dutzende Kämpfer, aber die reguläre syrische Armee hielt die Stadt. Es gelang den Truppen sogar, den Al-Nusra-Kämpfern drei Panzer abzunehmen. Schließlich konnten die Angreifer auch mithilfe von Luftangriffen zurückgeschlagen werden. Laut syrischer Armee kamen dabei bis zu 250 sunnitische Extremisten ums Leben.

Diese Kämpfe setzten sich durch das ganze Jahr 2015 fort. Wenn es gerade nicht zu militärischen Auseinandersetzungen kam, versuchten Hilfsorganisationen die Bevölkerung zu versorgen. Die eingeschlossenen Menschen überlebten unter extremsten Bedingungen. Große Teile der städtischen Infrastrukturen sind zerstört, Lebensmittel gelangen nur selten durch den Belagerungsring.

Mit ihrer aktuellen Offensive gelang es der syrischen Armee seit Anfang Februar, den Belagerungsring um Nubul und Zahraa zu durchbrechen. In zwei Tagen wurden 320 Luftangriffe gegen die Rebellen geflogen. Gleichzeitig starteten Kämpfer aus Nubul und Zahraa eigene Angriffe. Am 3. Februar hatte die reguläre syrische Armee schließlich die Belagerung gebrochen.

Mit diesem Vormarsch wurde auch die letzte Versorgungsroute der Rebellen aus der Türkei nach Aleppo abgeschnitten. An den folgenden Tagen rückte die Armee weiter vor und befreite auch die Städte Mayer und Kafr Naya. Weiter nördlich befreite die kurdische YPG zwei Dörfer aus der Belagerung durch die sunnitischen Extremisten.

Finstere Gedanken, finsterer Blick? Der saudische Finanzminister Ibrahim Abdulaziz Al-Assaf auf der Syrien-Konferenz in London, February 2016.

Bei diesen Orten handelt es sich nur um wenige Beispiele dafür, dass die Kriegsparteien die Belagerung seit Jahren als eine Strategie im syrischen Bürgerkrieg benutzen. Nach Angaben der UNO waren im Januar, also vor der Befreiung von Nubul, Zahraa und Kafr Naya insgesamt 18 Orte in Syrien belagert. Alleine in den von der Terrorgruppe Daesh (IS) belagerten Ortschaften leben demnach 200.000 Menschen.

Insgesamt leben 4,5 Millionen Syrer unter Umständen, welche die UNO als „schwer zu erreichen“ einstuft. Dies bedeutet, dass der Zugang nicht ausreicht, um Hunger zu vermeiden, so der Zuständige für humanitäre Aktionen bei der UN, Stephen O'Brien.

Unterdessen hat es die von Saudi-Arabien unterstützte Auslandsopposition, die so genannte Riad-Gruppe, nicht eilig, die Verhandlungen unter Aufsicht der UNO zu beginnen. Angesichts der militärischen Niederlagen ihrer Milizen fordern sie stattdessen, dass die syrische Armee ihre Operationen einstellt. Genau dies, irgendwelche Vorbedingungen, hatte der Sonderbeauftragte der UNO, Staffan de Mistura, jedoch vor Beginn der Verhandlungen ausgeschlossen.

Schließlich mussten sich die Vertreter von Regierung und Opposition aus Damaskus alleine mit Staffan de Mistura unterhalten. Die Vertreter von 38 Gruppen aus der Riad-Gruppe, welche sich selbst "Hohes Verhandlungskomittee" getauft hat, versucht weiter, die Gespräche zu verzögern, während die syrische Bevölkerung weiter leidet.

Die syrische Bevölkerung begrüßt Busse, die die Menschen aus den von aufständischen Milizen belagerten Städten Al-Foua und Kefraya bringen, Dezember 2015.
Die syrische Bevölkerung begrüßt Busse, die die Menschen aus den von aufständischen Milizen belagerten Städten Al-Foua und Kefraya bringen, Dezember 2015.

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