Ausnahmezustand in Cizre: Türkische Sicherheitskräfte töten 60 „Terroristen“ in einem Keller

Ausnahmezustand in Cizre: Türkische Sicherheitskräfte töten 60 „Terroristen“ in einem Keller
Das türkische Militär hat in der südosttürkischen Stadt Cizre 60 Personen getötet, die sich in einem Keller verschanzt hatten. Laut offiziellen türkischen Militärkreisen soll es sich bei den Getöteten ausschließlich um "neutralisierte" PKK-Kämpfer handeln. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von bisher mindestens 150 toten Zivilisten in Folge der Militäroperation in Cizre.

Die türkische Armee führte den Angriff mutmaßlich gegen hochrangige Kämpfer der „Kurdischen Arbeiterpartei“ (PKK) durch, die sich zuvor in einem Keller von Cizre verbarrikadierten, gaben lokale Medien an. In Cizre finden seit Monaten intensive Operationen türkischer Sicherheitskräfte gegen die PKK und ihre Stadtguerilla YDG-H statt, die inzwischen in YPS umbenannt wurde.

Aktivisten dokumentierten am Sonntagabend laute Explosionen in der Stadt, die mit großer Wahrscheinlichkeit von den Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und der PKK herrührten. Zivilisten suchten unter diesem Eindruck, wie bereits so oft seit Beginn der Operationen gegen die PKK, nach Schutz, um nicht zwischen die Fronten inmitten ihrer Stadtzentren zu geraten.

Unterdessen sollen Bilder von den getöteten PKK-Kämpfern aufgetaucht sein. Ihre Authentizität konnte bisher nicht unabhängig verifiziert werden.

PKK-nahe Berichte argumentieren, dass auch zahlreiche Zivilisten in dem Keller eingeschlossen waren. Der Hashtag #TurkeysCizreMassacre ging inzwischen über den Microbloggingdienst Twitter viral. Dort teilten hunderte Nutzer ihre Gedanken über den Zwischenfall in Cizre mit.

Türkische Regierungs- und Militärkreise insistieren, dass lediglich kurdische Kämpfer der PKK ins Visier genommen würden. Pro-kurdische Quellen behaupten Gegenteiliges.

„Wir sind sehr empfindlich bei der Unterscheidung zwischen Terroristen und [gewöhnlichen] Bürgern. Wir achten darauf, dass Zivilisten durch militärische Operationen möglichst nicht geschädigt werden“, kommentierte der türkische Premierminister Ahmet Davutoğlu.

Am Samstag erklärte der türkische Innenminister Efkan Ala, dass die Militäroperationen gegen die PKK in Cizre, eine Hochburg der Organisation, „zu 99,5 Prozent abgeschlossen“ seien. Die Untergrundorganisation wäre nicht mehr fähig, territorial zu expandieren, hieß es abschließend aus dem Innenministerium. 

Laut dem türkischen Generalstab sei die Zahl der getöteten Mitglieder der „Kurdischen Arbeiterpartei“ allein in Cizre und Sur, einem Stadtbezirk von Diyarbakir, am Sonntag auf 733 seit dem 15. Dezember angestiegen. Während der Operationen gegen PKK-Strukturen im Südosten der Türkei seien Amnesty International zufolge mindestens 150 Zivilisten, einschließlich Kinder, gestorben. 200.000 Zivilisten seien derweil prekären Lebensumständen ausgesetzt.

Die Anti-PKK-Operationen in der Türkei lösten in Europa unter kurdischen Aktivisten immer wieder Proteste aus. Demonstrationen fanden in der britischen Hauptstadt London sowie auf den Straßen Berlins, Düsseldorfs und Dortmunds statt.