Ausnahmezustand in der Türkei: 30 Schwerverletzte ohne Zugang zu medizinischer Versorgung in Cizre

Verwundete Einwohner in der südöstlichen Stadt Cizre haben teilweise seit Wochen keinen Zugang zu medizinischer Infrastruktur
Verwundete Einwohner in der südöstlichen Stadt Cizre haben teilweise seit Wochen keinen Zugang zu medizinischer Infrastruktur
Eine menschliche Tragödie vollzieht sich im Keller eines Mehrfamilienhauses in #Cizre, einer mehrheitlich kurdisch bewohnten Stadt in der Provinz Şırnak, über die die türkische Armee im Rahmen einer Offensive gegen die PKK einen bereits sechs Wochen währenden Ausnahmezustand verhängt hat. Nedim Turfent, Redakteur der Nachrichtenagentur Dicle, sprach gegenüber RT von 30 Personen, darunter sieben Toten und 15 Verletzten, die in dem Keller seit über einer Woche eingeschlossen sind.

In dem Keller sind Berichten zufolge bereits seit mehr als einer Woche zwischen 20 und 31 Personen, darunter auch Frauen und Kinder, eingeschlossen, von denen einige schwer verwundet sein sollen. Der Parlamentsabgeordnete für Şırnak, Faysal Sariyildiz (HDP), der mittels Textnachrichten mit den Betroffenen kommuniziert, erklärte gegenüber der dpa, es seien bereits sechs Menschen gestorben und die noch lebenden Eingeschlossenen befänden sich auf engem Raum zusammen mit den Toten.

Täglich würden mehr Tote dazukommen. Bereits elf Mal hätten Rettungskräfte und Versorgungseinheiten versucht, zu den Eingeschlossenen zu gelangen, aber ihnen sei stets der Zutritt verwehrt worden. Nedim Turfent, Nachrichtenredakteur der Nachrichtenagentur Dicle, sprach gegenüber RT sogar von sieben Toten und 15 Verletzten, die sich zum Teil in einer kritischen Verfassung befänden. „Die Verwundeten warten aufs Sterben“, so Turfent, da es keine verfügbaren Ressourcen wie Wasser oder andere grundlegende Mittel zum Überleben gäbe.

Dicle News publizierte Bilder, die Verletzte und Tote im Keller zeigen sollen. Die HDP-Abgeordnete für Şırnak, Leyla Birlik, erklärte, dass die Leichen der Verstorbenen bis Freitag nicht abtransportiert worden wären. Seit sechs Wochen ist über Cizre der Ausnahmezustand verhängt. Einige HDP-Abgeordnete sind aus Protest dagegen in den Hungerstreik getreten.

Bewohner fliehen aus den Gebieten mit Ausgangssperre in Diyarbakir, Turkei, 27.  Januar 2016.

Am Sonntag soll eine Freiwilligengruppe aus der Türkischen Ärztevereinigung (TTB) und der Gewerkschaft der Beschäftigten im Gesundheitssektor (SES) am Zutritt in die Zone rund um das Gebäude gehindert worden sein, da sie über kein offizielles Dokument verfügten. Einer der Freiwilligen innerhalb der Gruppe, Dr. Vahhac Alp, protestierte gegen diese Entscheidung unter Hinweis darauf, dass Fahrzeugen, die das Symbol des Roten Kreuzes tragen, gemäß der Genfer Konvention stets die Erlaubnis haben sollten, Konfliktzonen zu betreten. Auch das Amt des Gouverneurs von Şırnak beklagte, dass von ihm georderte Rettungswagen zum Abtransport der Verwundeten nicht durchgelassen worden wären.

Die Hoffnung für die Überlebenden sinkt weiter, seit der türkische Verfassungsgerichtshof am Freitag die Anordnung, keine Ambulanzwagen durchzulassen, bestätigt hatte. Es sei zum einen zu gefährlich, die Verwundeten zu erreichen, da in den vom Ausnahmezustand betroffenen Regionen wiederholt Rettungskräfte durch Heckenschützen oder verschanzte PKK-Kämpfer beschossen worden wären. Zum anderen sei es unklar, so das Gericht, ob die Betroffenen in Cizre verletzt seien oder nicht, ob sie in kritischer Verfassung seien, wie es zu den Verwundungen gekommen sei, ob sie bewaffnet seien oder wo sie sich überhaupt genau befinden würden.

Am 23. Januar hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, als er Beschwerden gegen die Verhängung des Ausnahmezustandes abgewiesen hatte, in seinem Urteil die Problematik der Versorgung Verwundeter angesprochen und explizit darauf hingewiesen, dass der türkische Staat alle erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen hätte, um diese sicherzustellen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan bezichtigte Medien, die berichteten, dass medizinisches Personal am Zutritt zu den Verwundeten gehindert würde, der „Lüge“ und machte die PKK für die Lage der Betroffenen verantwortlich. „Sie bringen die Verwundeten absichtlich nicht heraus“, warf er den Kämpfern der in der Türkei verbotenen Organisation vor. Er beschuldigte die in den Hungerstreik getretenen HDP-Politiker der "Kumpanei mit Terroristen".

Im Dezember hatte die Türkei eine Schwerpunktaktion gegen die PKK in den südöstlichen Provinzen gestartet. Erdoğan kündigte an, diese würde fortgeführt, bis die Region von PKK-Kämpfern befreit wäre. Am Montag forderte EU-Außenkommissarin Federica Mogherini einen „unverzüglichen Waffenstillstand“ in den betroffenen Gebieten. EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn erklärte gleichzeitig, dass die EU ein eigenes eminentes Interesse an einem solchen habe, da die derzeitige Lage „die Sicherheit in der gesamten Region, und im weiteren Verständnis auch der EU selbst“ beeinflussen könne.  

  

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