Eskalation im türkischen Bürgerkrieg: Dutzende Tote in Diyarbakir

Bewohner fliehen aus den Gebieten mit Ausgangssperre in Diyarbakir, Turkei, 27.  Januar 2016.
Bewohner fliehen aus den Gebieten mit Ausgangssperre in Diyarbakir, Turkei, 27. Januar 2016.
Hunderte von Menschen sind aus der hauptsächlich von Kurden bewohnten Stadt Diyarbakir im Südosten der Türkei geflohen. Die türkischen Behörden haben die Ausgangssperre verlängert. Bei Einsätzen des Militärs wurden mindestens 23 Menschen während der Straßenkämpfe getötet. Unter den Toten befinden sich drei türkische Soldaten und 20 kurdische Kämpfer.

Schweres Gewehrfeuer erschütterte am Mittwoch die Stadt Diyarbakir. Laut Berichten der türkischen Nachrichtenagentur Dogan kam es zu heftigen Gefechten zwischen dem Militär und Militanten der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Im Süden der Stadt wurden mindestens drei türkische Soldaten getötet, als kurdische Militante die Sicherheitskräfte mit Gewehren und Raketenwerfern angriffen.

Die türkische Armee bestätigte inzwischen, dass elf mutmaßliche PKK-Kämpfer in der Stadt Cizre nahe der syrischen Grenze getötet wurden. Weitere neun PKK-Kämpfer sollen in der Gegend ums Leben gekommen sein. Die türkische Armee behauptet, man habe seit Dezember 134 kurdische Kämpfer getötet. Die Gebäude in der Region sind teilweise schwer beschädigt.

Die 24-stündige Ausgangssperre wurde nun auf weitere Bezirke in der Region Diyarbakir ausgeweitet. Demnach ist es sämtlichen Bewohnern verboten, ihre Häuser zu verlassen. Außerdem unterbindet das türkische Militär den Zugang für Journalisten zu dem Gebiet. Nach den Worten des Gouverneurs der Gegend soll mit der Ausgangssperre "die öffentliche Ordnung wiederhergestellt" werden. In mehreren betroffenen Städten hoben Militante der PKK den Berichten zufolge Gräben aus und verlegten Sprengkörper.

Maskierte kurdische Kämpfer aus der Jugendorganisation der PKK, der YDG-H, in der Stadt Diyarbakir, Türkei, November 2015.

Lokale Medienberichte sprechen von mehr als 2.000 Menschen, die aus der Region geflüchtet sind. Die ehemaligen Bewohner befinden sich mit Koffern, Taschen und Bettzeug auf der Flucht.

Gegenüber RT berichtet ein Anwohner, Harun Ercan aus Diyarbakir:

"Die türkischen Sicherheitskräfte forderten die Anwohner heute morgen auf, dass sie ihre Häuser zu verlassen haben. Jetzt versuchen Tausende Menschen, den Bezirk zu verlassen."

"Dieser bewaffnete Konflikt wird neue Tragödien verursachen und diese Leute wissen nicht, was sie tun sollen. Während dieser Operationen werden die Menschenrechte durch die türkischen Sicherheitskräfte schwer verletzt", so Ercan weiter.

Seit der Friedensprozess zwischen der türkischen Regierung im Sommer 2015 beendet wurde, verhängten die Behörden in den Städten, die mehrheitlich von Kurden bewohnt werden, immer wieder Ausgangssperren. Die türkische Stiftung für Menschenrechte berichtet, dass mindestens 198 Zivilisten getötet wurden, darunter 39 Kinder.

Die kurdische Bevölkerung in der Türkei kämpft seit Jahrzehnten für das Recht auf Selbstbestimmung und eine größere Autonomie in der Türkei. Der Kongress der kurdischen Nichtregierungsorganisationen in den  südöstlichen Regionen der Türkei forderte die türkische Regierung im Dezember auf, eine Verfassungsreform durchzuführen, um den Minderheiten im Land mehr Rechte zu gewähren. Türkische Sicherheitskräfte starteten am 14. Dezember 2015 eine großangelegte Militäroperation im Südosten des Landes.

Die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) kritisierte die Ausgangssperren und sagte, dass sie es ihr unmöglich mache, die Gewaltausbrüche und die Anzahl der Toten zu überwachen. "Viele Menschen sterben, aber unter diesen Umständen ist es extrem schwierig, zu prüfen, woran sie gestorben sind", zitiert der britische The Guardian Emma Sinclair-Webb von Human Rights Watch.

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