Syrien-Analyse: Aktuelle Frontverläufe und Friedensgespräche in Genf

Syrien-Analyse: Aktuelle Frontverläufe und Friedensgespräche in Genf
Die syrische Armee hat mit Unterstützung der russischen Luftwaffe die Kontrolle über große Gebiete der nordwestlichen Provinz Latakia zurückgewonnen. Andernorts marschiert der „Islamische Staat“ im Osten des Landes wieder auf, berichtet das russische Verteidigungsministerium. Der Think-Tank IHS Janes bestätigt, dass Damaskus seit Beginn der russischen Luftkampagne konsolidiert wurde. Nun sollen bei den Genfer Friedensgesprächen militärische Erfolge in politische umgemünzt werden.

Von Ali Özkök

Syrische Regierungstruppen haben seit November vergangenen Jahres eine Großoffensive auf das Turkmenen- und Kurden-Gebirge (auf Arabisch: Dschabal-Turkman und Dschabal-Akrad) in Latakia gestartet. Der Durchbruch gegen die diversen, von der Türkei unterstützten Rebellenformationen erfolgte in den letzten Tagen. In den vergangenen 48 Stunden vermochte es die syrische Armee mehr als 92 Quadratkilometer unter ihre Kontrolle zu bringen.

Sie wird zu Boden von der libanesischen Hisbollah, der irakischen Kataib Hisbollah, iranischen Revolutionsgardisten und der marxistisch-leninistischen Muqawama Suriya unterstützt, sowie aus der Luft von russischen Kampfjets. Insgesamt fielen damit rund 28 Dörfer und Kleinstädte, darunter das strategisch wichtige Rabia, erstmals seit 2012 wieder unter den Einfluss von Damaskus.

Zuvor konnten al-Assads Truppen am 12. Januar die strategisch wichtige Stadt Selma einnehmen. Bereits zu diesem Zeitpunkt war abzusehen, dass die Verteidigungslinie der Rebellen nach Tagen der Luftbombardierung am kollabieren war. Am 21. Januar fiel schließlich das kleine Turkmenen-Dorf Khan al-Jouz nördlich von Selma. Dazwischen liegt die M4-Autobahn, die das Turkmenen-Gebirge mit Dschisr al-Schugur in der Provinz Idlib verbindet.

Die Karte vom Syrien-Experten Peto Lucem dokumentiert die jüngsten Erfolge der syrischen Armee im Turkmenen- und Kurden-Gebirge der Provinz Latakia an der Grenze zur Türkei:

Quelle: Peto Lucem
Quelle: Peto Lucem

Im Ergebnis dürften die Rebellen Latakias, welche sich vor allem aus Turkmenen-Kämpfern zusammensetzen, jedoch teilweise mit der islamisch-konservativen Formation Ahrar al-Scham (zu Deutsch: Islamische Bewegung der freien Männer der Levante) und der al-Nusra-Front kooperieren, auf die Linie Burdsch el-Kessab und Rabia zurückgetrieben worden sein. Die Einnahme der Stadt Rabia neutralisiert Rebellen-Bewegungen in den Turkmenen-Bergen fast vollständig.

Zudem erschweren es die Verluste, den russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim unweit der Provinzhauptstadt Latakia zu beschießen. Die Linie Burdsch el-Kassab-Rabia gibt den Regierungstruppen al-Assads im Turkmenen-Gebirge eine komfortable Verteidigungssituation. Es konnte wegen seiner Unwegsamkeit und dem Schutz durch die Türkei militärisch lange nicht angegangen werden. Dieser Tage wird schweres Militärgerät in das kontrollierte Gebiet überführt.

Die al-Assad-treuen Truppen setzten bei ihren Angriffen gegen Rebellen in Latakia auf ihre überlegene Feuerkraft. So wurde beispielsweise der moderne, russische Raketenwerfer vom Typ TOS-1A MLRS eingesetzt.

Anbei ein Video des TOS-1A MLRS, das von syrischen Einheiten bedient wird:

Auf Widerstand wird die syrische Armee allerdings östlich von Rabia und im Kurden-Gebirge stoßen, das dicht bewaldet ist. In diesen Regionen könnten sich die Rebellen auf einen Guerilla-Krieg einrichten, vermutet der Syrien-Analyst Aaron Lund.

Die zurückgetriebenen Turkmenen müssen sich wegen der momentanen Übermacht al-Assads mittel- bis langfristig in das entfernte Idlib zurückziehen oder sich in das türkische Grenzgebiet absetzen, wo sie sich perspektivisch bis zum erneuten Einsickern in das verlorene Gebiet reorganisieren können.

Fakt ist, dass mittlerweile beinahe sämtliche Turkmenen-Dörfer in Latakia in den angrenzenden Yayladagi-Bezirk der türkischen Provinz Hatay verlegt wurden. Sollte Ankara die Entscheidung fassen, die Erfolge von Damaskus vor den Genfer-Friedensgesprächen am kommenden Freitag nochmal herauszufordern, könnte es künftig noch mehr Kämpfer durch seine Grenzen ziehen lassen. Bereits in Zentralsyrien gaben Rebellen an, dass sie ihre Kampfstrategie auf „Hit and Run“ umgestellt hätten, die es nicht nötig macht, Territorien lange zu halten und damit zur Zielscheibe schwerer russischer Luftangriffe zu werden.

Allerdings scheint die Türkei nicht daran interessiert zu sein, eine neue Eskalationsstufe in Syrien einzuleiten, die zwangsläufig zur erneuten Konfrontation mit Russland führen würde.

„Die russischen Luftschläge sind binnen eines Monats auf ein schrecklichen Ausmaß angestiegen. Sie bombardieren alle Fronten, an denen wir operieren“, räumte Nassir el-Turkmani ein, der Pressesprecher des Turkmenisch-Syrischen Nationalrates. „Wir mussten abziehen aus dem Gebiet, weil es ansonsten Selbstmord wäre, zu bleiben.“

Die beteiligten oppositionellen Milizen führen ihre Verluste in Latakia auf das Ausbleiben von Panzerabwehrlenkwaffen zurück, die in aller Regel von der Türkei weitergegeben werden. Dieser Nachschub blieb allerdings aus. Laut der britischen Tageszeitung The Guardian sei das auf Druck Washingtons geschehen, welches die regionalen Förderer von Rebellen und Nahestehenden dazu drängte, an den anstehenden Friedensgesprächen in Genf teilzunehmen und dafür entsprechende Zeichen zu setzen.

Syrische Rebellen benutzen bevorzugt die BGM-71 TOW-Panzerabwehrwaffe US-amerikanischer Bauart:

El-Turkmani sagte:

„Wir glauben, die Verhinderung von Panzerabwehrlenkwaffen-Lieferungen ist Teil der [neuerlichen] US-amerikanischen-russischen Verständigung.“

Einem Artikel des pro-oppositionellen Nachrichtenportals „syriadirect“ zufolge ist am Sonntag ein Feuergefecht zwischen zwei einflussreichen Milizen des Rebellenbündnisses „Dschaisch il-Fatah“ (zu Deutsch: Eroberungsarmee) Ahrar al-Scham und al-Nusra-Front ausgebrochen, welche als syrischer Arm al-Qaida-Ableger gilt. Der Zwischenfall ereignete sich demzufolge in der Stadt Salqin, welche in der Idlib-Provinz liegt, als al-Nusra ein Büro von Ahrar al-Scham einzunehmen versuchte.

„Ihre [al-Nusras] Fahnen wurden in Selma und Rabia in den Müll geworfen. Und sie ist damit beschäftigt, zu versuchen, ihr Emiraten-Flicken in Idlib auszubauen“, kommentierte Mudschahid al-Schami, ein lokaler Aktivist, der sich auf die Beobachtung islamistischer Rebellenorganisationen in Syrien spezialisiert hat.

Unter Berufung auf syrische Quellen berichtete das Nachrichtenportal „Latin American Herald Tribune“, dass bei den Zusammenstößen in den vergangenen zwei Wochen in Latakia 196 Menschen starben. Die von der Türkei, Saudi Arabien und Katar unterstützten Rebellen stehen nicht nur in Latakia unter Druck. Südlich der Provinz Aleppo greifen von Iran angeführte Schiiten-Milizen die mehrheitlich sunnitisch geprägten Rebellen ebenfalls an.

Karte mit dem aktuellen Frontverlauf in Süd-Aleppo:

Quelle: Twitter/miladvisor
Quelle: Twitter/miladvisor

Mit Blick auf Ostsyrien, wo der selbsternannte „Islamische Staat“ das meiste Territorium kontrolliert, warnte das russische Verteidigungsministerium, dass die Terrormiliz bis zu 2000 Kämpfer zusammengezogen hätte, um die Stadt Deiz ez-Zor von der syrischen Regierung einzunehmen. Diese Informationen würden von syrischen Oppositionellen und dem Nachrichtenzentrum in Bagdad kommen.

Um die Offensive zurückzuschlagen, werden Luftangriffe gegen den IS rund um die Stadt Deir ez-Zor geflogen. In den Tagen zwischen Freitag und Montag wurden in Syrien fast 500 IS- sowie andere Ziele zerstört, dokumentierte das russische Außenministerium. Das regierungsnahe Nachrichtenportal al-Masdar hat am 18. Januar eigens eine Karte vom Frontverlauf in Deir ez-Zor veröffentlicht:

Quelle: al-Masdar
Quelle: al-Masdar

Überdies haben die jordanische Regierung und Verbündete ihre Unterstützung über den 'Military Operations Room' für Rebellen der Freien Syrischen Armee im Süden Syriens bei Deraa zurückgefahren. Das führt der Syrien-Analyst Aaron Lund auf zwei mögliche Ursachen zurück. Entweder zweifeln die ausländischen Unterstützer an den Fähigkeiten der FSA, noch offensiv erfolgreich zu sein. Oder dieser Schritt könnte Teil einer Verständigung zwischen Russland und Jordanien sein, so Lund in einer Analyse für die Carnegie-Stiftung.

Quelle: Peto Lucem
Quelle: Peto Lucem

Unterdessen berichtet die renommierte britische militärwissenschaftliche Denkfabrik IHS Janes, dass es Regierungstruppen dank russischer Hilfe seit September 2015 gelungen ist, ihr Einflussgebiet um 1,3 Prozent auszuweiten. Das erscheint wenig, in den ersten acht Monaten des Jahres 2015 hatten die Regierungstruppen allerdings noch 18 Prozent ihres Territoriums verloren.

Der IHS-Analyst Columb Strack betonte, dass Russland es seitdem mit Erfolg vermochte, die al-Assad Regierung vor ihrem Zusammenbruch zu bewahren und diese zu konsolidieren. Das bestätigte auch der Generalstabschef der US-amerikanischen Streitkräfte, General Joseph Dunford. Russlands Luftkampagne habe den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad stabilisiert, zitiert ihn die New York Times.

Zum Abschluss seiner Analyse warnt Aaron Lund, dass die ausländischen Unterstützer ihre syrischen Ableger schnell wieder bewaffnen könnten, sollten die Ergebnisse der Syrien-Konferenz in Genf nicht zu ihren Gunsten ausfallen. Fraglich bleibt zudem, wie lange die syrische Armee, welche vom anhaltenden Bürgerkrieg ausgezehrt wird, das enorm hohe Tempo an zahlreichen Fronten in Nord-, Zentral-, Süd- und Westsyrien halten kann. Sollten türkische oder saudische Waffenlieferungen eintreffen, während die syrische Armee dabei ist Luft zu holen, könnte diese Entwicklung bedenkliche Konsequenzen für die militärischen Erfolge der letzten Wochen haben.

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