RT-Spezial: „Call of Duty ISIS“ - Wie der IS über Konsolenspiele kommuniziert und rekrutiert

RT-Spezial: „Call of Duty ISIS“ - Wie der IS über Konsolenspiele kommuniziert und rekrutiert
Der "Islamische Staat" nutzt Konsolenspiele und die damit verbundenen "Chat-Räume" zur Frührekrutierung von Sympathisanten sowie zur Kommunikation und Datenübermittlung, da etwa das Sony PlayStation-Netzwerk als überwachungssicher gilt. Der IS imitiert damit teilweise eine Strategie des US-Verteidigungsministeriums, welches über das Spiel „Americas Army“ für eine Karriere in den Streitkräften warb und die besten Spieler auch rekrutierte. Eine RT Deutsch-Recherche.

Von Ali Özkök und Erhan Kücükosman

Nach den Anschlägen von Paris im November des Vorjahres wurde sowohl in den Sozialen Medien als auch in Fachartikeln darauf aufmerksam gemacht, dass es offenbar eine Mission des Spiels „Battlefield 3“ gegeben hatte, in der es darum ging, einen terroristischen Angriff in Paris abzuwehren, der sich im Spielszenario am 13. November ereignen sollte. Dies war der Tag, an dem sich 2015 tatsächlich die koordinierten Angriffe und Attentate von IS-inspirierten Terroristen an mehreren Orten der Stadt abgespielt hatten.  

In diesem Zusammenhang wurden Spekulationen laut, inwieweit die Attentäter ihre Inspiration von diesem Spiel und diese Mission hergeleitet hätten. Zwar blieben diese im Bereich des Nebulösen, da es diesbezüglich bis dato keinerlei belastbare Erkenntnisse gibt, dennoch lenkten diese Hinweis die öffentliche Aufmerksamkeit auf ein Problem, das Polizei und Geheimdienste mit Blick auf Taktiken und Strategie terroristischer Gruppen bislang kaum in Betracht gezogen hatten. 

Fakt ist, dass Spielekonsolen und Onlinegames zunehmend auch das Interesse terroristischer Gruppierungen gefunden haben. Für Gruppen wie den IS und al-Nusra in Syrien haben Online-Spielekonsolen und damit verbundene Tools gleich in mehrerer Hinsicht Bedeutung: Zum einen dienen sie als Propagandainstrument zum Zwecke der Frühradikalisierung, zum anderen aber sind sie auch ein wichtiges Kommunikationsmedium und weisen technologische Vorteile auf, die Planung und Koordinierung von Terrorakten wesentlich erleichtern.

Gruppen wie IS und al-Nusra arbeiten bereits seit Längerem mit Modifikationen zu beliebten Konsolenspielen wie „Call of Duty: Black Ops“, „Battlefield 4“ oder dem 34 Millionen Mal verkauften „Grand Theft Auto“ (GTA), die es ermöglichen, realitätsnahe Spielszenen in Wüstenregionen oder in urbanen Zusammenhängen zu simulieren.

Unter dem Titel „ISIS makes a GTA V Recruitment Video“ (zu Deutsch: ISIS veröffentlicht GTA V Rekrutierungsvideo) veröffentlichte das Video-Portal LiveLeak am 20. September 2014 das erste Spiele-Propaganda-Video des IS:

Abgebildet ist das offizielle Cover-Make-Up des IS für sein Propaganda-Video im Stile des Spiels GTA V
Abgebildet ist das offizielle Cover-Make-Up des IS für sein Propaganda-Video im Stile des Spiels GTA V

Von Infiltrationsübungen, Einnahme feindlicher Camps, der Sprengung von Panzern und Militärfahrzeugen oder der willkürlichen Ermordung von Zivilisten in den virtuellen GTA-Welten ist dem Spieler jede erdenkliche Spielgestaltung als IS-Kämpfer möglich und Videosequenzen werden klickträchtig auf YouTube und anderen Plattformen veröffentlicht, meist untermalt mit arabischen Gesängen und „Allahu Akbar“-Rufen. Dazu immer wieder die schwarze Flagge des IS. Dazu gibt es authentische GoPro-Szenen aus dem Syrienkrieg und komplette Propagandafilme wie „The Clanging of the Swords“.

Anbei ein Video von IS-Mitgliedern, die sich mit GoPro-Kameras am Kopf dabei filmen, wie sie sich Häuserkämpfe liefern. Aus der Beschreibung geht hervor, dass die Kämpfe in der irakischen Stadt Samara gegen Soldaten der irakischen Armee stattgefunden hätten:

Der IS macht in einer Erklärung, die dem Daily Telegraph vorliegt, auch bewusst deutlich, dass mittels der Nutzung dieser Art von Propagandainstrumentarien die „Moral der Mujahideen“ gestärkt werden solle. Kindern und Jugendlichen solle gezeigt werden, „wie man den Westen bekämpft und den Terror in die Herzen derjenigen trägt, die gegen den Islamischen Staat sind“.

Auch in Rekrutierungsvideos spielt der IS auf die Inhalte von Konsolenspielen an, beispielsweise von „Call of Duty“. Kämpfer preisen das Leben als Mujahideen als ein noch besseres gegenüber dem Game an und verherrlichen den „Wiedereinstieg im Paradies“. Damit ahmt der IS eine Strategie des US-Verteidigungsministeriums nach, das 2002 im von der Regierung finanzierten Spiel „Americas Army“ für eine Karriere in den Streitkräften warb und die besten Spieler von Rekrutierungsbeauftragten anschreiben ließ.

Ein Ausschnitt aus dem Playstation-Spiel „Call of Duty - Black Ops 3“, wo ein Gamer seinen Gegner mit dem Ruf „Allahu Akbar" tötet:

Ein weiteres Video zeigt einen Account mit dem Namen [ISIS]EthernetCables beim modifizieren seines Kämpfers, dessen Symbol die Fahne des IS ist:

Ebenso wenig, wie die Zugehörigkeit zur islamischen Religion die Neigung begünstigt, sich terroristischen Gruppen anzuschließen, machen jedoch Konsolenspiele einen Jugendlichen zum IS-Terroristen. Eine begünstigende Wirkung auf die Neigung, sich dem „Dschihad“ in Syrien anzuschließen, können die angesprochenen Szenen nur dann entfalten, wenn bereits eine grundsätzliche Affinität zum Gedankengut des IS vorhanden ist.

Die wesentlich wichtigere Funktion der Konsolenspiele für die Terroristen ist eher die Kommunikationsfunktion. So gilt es als außerordentlich schwierig für Sicherheitskräfte und Geheimdienste, auf bestimmte Server wie jene von Sony zuzugreifen und Kommunikationen über die PlayStation 4 zu überwachen. Da jeder der bislang identifizierten Terroristen von Paris über eine PS4 im Haushalt verfügte, wurde der Verdacht laut, die Kommunikation im Vorfeld der Anschläge könnte über diese Kanäle gelaufen sein. Sony hat bestätigt, dass es eine Missbrauchsmöglichkeit gäbe, und seine Nutzer aufgerufen, verdächtige Aktivitäten konsequent zu melden.

Neben Online-Nachrichten und Texten über das PlayStation-Netzwerk könnten auch der Voice Chat und Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb der Spiele selbst den unentdeckten Austausch von Geheimbotschaften ermöglichen. Im Rahmen eines Encrypted Managers lassen sich auch verschlüsselte Wege zur Datenübermittlung finden.

Diese Spiel interne Botschaft wurde von RT Deutsch simuliert.
Diese Spiel interne Botschaft wurde von RT Deutsch simuliert.
Die Fahne und das Symbol des IS wurde mit Gewehrschüssen nachgezeichnet.
Die Fahne und das Symbol des IS wurde mit Gewehrschüssen nachgezeichnet.

Ob sich NSA und CIA, ähnlich wie laut den 2013 von Edward Snowden geleakten Dokumenten in „World of Warcraft“, auch in GTA oder Call of Duty Zugang verschafft haben, um terroristische Aktivitäten aufzudecken, ist bis dato nicht bekannt.

In einem virtuellen Raum mit 65 Millionen Nutzern, wie ihn das PlayStation-Netzwerk bildet, ist es nicht leicht, konkrete Gefährder zu identifizieren, wenn ein Großteil der Shooter-Spiele Terrorismus als Teil der Story aufweist.

Zudem ist eine Ortung möglicher Risikofaktoren umso schwerer, als es eine schier unüberblickbare Vielzahl an online-basierten Spielern mit jeweils eigenen Servern gibt und Nutzer jederzeit zwischen verschiedenen Spielen wechseln können. Die Anbieter der Server werden auch kaum bereit sein, Abstriche an ihrem Schutzlevel zu machen, da eine immense Gefahr durch mögliche Hackerangriffe besteht.

Es ist damit zu rechnen, dass Sicherheitsbehörden bereits fieberhaft an einer Lösung hinsichtlich dieses Sicherheitsrisikos arbeiten. Bis dahin gilt es, alle übrigen Kanäle zu nutzen, um mögliche Terroristen und deren Strukturen rechtzeitig zu erkennen.

In diesem Video des Spiels „Battlefield“ spielen arabischsprachige Gamer einen Häuserkampf in einer Großstadt nach, der damit beginnt, dass ein Wolkenkratzer, der an das World Trade Center erinnert, in die Luft gesprengt wird. Die Gamer nehmen immer wieder islamische Rhetorik an und verweisen hin und wieder auf DAESCH (das arabische Akronym für den IS). Anbei das Video:

Im GTA V-Video wurde ein Spielcharakter dokumentiert, der vermummt in schwarzer Kleidung und dem IS-Symbol Amok läuft:

 

Trends: # Terror-Attentat in Paris
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