Pentagon: Werden Truppenpräsenz im Irak erhöhen und sunnitische Milizen aufbauen

Pentagon: Werden Truppenpräsenz im Irak erhöhen und sunnitische Milizen aufbauen
Die USA planen die Anzahl ihrer Truppen im Irak zu erhöhen, da sie ihre Kampagne, den IS zu „vernichten“, nunmehr „beschleunigen“ wollen, so US-Verteidigungsminister Ashton Carter im Rahmen eines Treffens mit seinem französischen Amtskollegen. Carter betonte zudem, dass es wichtig sei, sunnitische Araber sowie die sunnitisch geprägten arabischen Staaten mehr „ins Spiel“ zu bringen.

Am Rande des Treffen mit seinem Amtskollegen und „guten Freund“, dem französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian, traf sich Ashton Carter mit insgesamt sieben weiteren Mitgliedern der US-geführten Koalition gegen den „Islamischen Staat“, einschließlich Amtskollegen aus Großbritannien, Deutschland, Italien, Australien und den Niederlanden. Bei den Gesprächen wurden neue Wege erörtert, wie der Kampf gegen den IS intensiviert werden könnte.

 „Die Aufgabe heute ist, sich zu vergewissern, dass das Gleichgewicht der Kampagne richtig ausgewogen ist und dass wir von den Rückschlägen des IS profitieren, die dieser im Irak erlitt, sowie die Schlinge um den Kopf des IS in Rakka, Syrien, enger zu ziehen“, sagte der britische Verteidigungsminister Michael Fallon gegenüber Reportern.

Das Hauptziel der Anti-IS-Koalition sei es zum gegenwärtigen Zeitpunkt, Basen der Terrormiliz im Irak und Syrien zu zerstören und ihr weltweites Unterstützernetzwerk, „überall dort, wo sich Metastasen entwickelten“, zu bekämpfen, gab das Pentagon zu verstehen.

„Wir gehen es an, indem wir einen Plan, klare Führung und die Kraft einer globalen Koalition aufbieten, die eine ganze Bandbreite von Instrumenten bereitstellt, welche von Luftschlägen, der Anwendung von Spezialeinheiten, Cyber-Kriegsführung, Geheimdiensten bis hin zur Militärberatung reicht“, konkretisierte Ashton Carter.

Laut eigenen Angaben dienen die Europa-Tour Carters, die ihn von Paris aus weiter zum Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos führt, und das aktive Werben Washingtons im Kampf gegen den IS „dem Schutz der US-amerikanischen Heimat“, so Carter weiter.

Aus diesem Anlass wolle das Pentagon auch seine Truppenpräsenz im Irak, welcher vom anhaltenden Kriegszustand ausgezehrt ist, ausbauen. Immerhin sei die jüngste Rückeroberung der Stadt Ramadi, 102 Kilometer von Bagdad entfernt, vom IS ein gelungenes Beispiel für die Effektivität US-amerikanischer Militärhilfe. Carter fügte hinzu, er „erwarte“, dass die Zahl von US-Militärausbildern im Irak ansteigen werde, einschließlich der „Bandbreite des Trainings, das sie geben werden“.

„Die anhaltende Eroberung von IS-Territorium wird schlussendlich zur Einnahme von Mosul führen. Dafür braucht man nicht nur Bodentruppen, die fähig sind, Eroberungen zu machen, sondern auch Polizeieinheiten, die für Sicherheit sorgen“, ergänzte der US-Außenminister.

Berichte aus den Gesprächen mit Carter ergaben keine genauen Zahlen hinsichtlich neuer US-Truppen im Irak, doch der US-Verteidigungsminister versicherte, dass das Personal den steigenden Anstrengungen im Kampf gegen den IS angepasst werde.

Er betonte, dass eine Verstärkung im Irak nicht nur vonseiten der USA umgesetzt würde, sondern auch von anderen Koalitionspartnern. Bemerkenswert dabei sei, dass Carter vorschlug, dass „Araber und sunnitische Araber“ in die Militärkampagne involviert werden müssten.

Erst kürzlich sprach der ehemalige Gouverneur von Mosul, Asil al-Nudscheifi, sowohl mit der kurdischen als auch der türkischen Presse, und gab seiner Vermutung Ausdruck, dass die USA eine mehr als 20.000 Mann starke Sunniten-Miliz zur Rückeroberung Mosuls aufbauen wollten.

Abgesehen davon, dass sich die Bürgerkriege im Irak und Syrien entlang konfessioneller Linien entfalten - mehrheitlich kämpfen Schiiten oder Alawiten gegen Sunniten - erscheint es einigen Militärstrategen sinnvoll, den IS wie bereits 2005 mit einer Art Sahwa-Bewegung, also sunnitischen Milizen, zu bekämpfen, um weitere konfessionelle Spannungen, auf die der IS politisch setzt, zu vermeiden.

Mit Blick auf sunnitisch und arabisch dominierte Dynamiken im Irak spielt der al-Nudscheifi-Klan im Norden des Landes, der mehrheitlich sunnitisch dominiert ist, eine zentrale Rolle. Usama al-Nudscheifi, der Bruder von Asil, indes ist Vizepräsident des Irak. Beide Politiker pflegen jedoch ein eher distanziertes Verhältnis zu der ihr verhassten schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad, die ihrer Meinung nach seit der US-Invasion im Jahr 2003 zum Befehlsverwalter Teherans verkommen sei. Seit Jahren fordern die al-Nudschaifis, es den Kurden des Nordiraks gleichtuend, die Föderalisierung der sunnitisch dominierten Regionen des Landes von Mosul bis nach Ramadi.

Pikant ist, dass Asil al-Nudschaifi, um seinem Anliegen nach mehr Autonomie, die Bagdad stets ausschlug, mehr Rückenwind zu verleihen, spätestens seit 2014 eine enge Allianz mit der sunnitisch regierten Türkei einging. Ankara betrachtet die Regionen rund um die Städte Mosul, Erbil und Kirkuk als historisches Erbe.

Seit 2003, vor allem aber während der Regierungszeit Nuri al-Malikis, verlor die Türkei erheblichen Einfluss auf Bagdad und realisierte, dass sie sich neue Partner im arabischen Land suchen müsse. Sukzessive wurde der ehemalige kurdische Erzfeind in Erbil aufgebaut, so soll die türkische Halkbank beispielsweise exklusiv die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft der Kurdenregion verwalten. Mit der wirtschaftlichen Penetration der Kurdenregion realisierte die Türkei zunehmend politischen und sicherheitspolitischen Einfluss. Die Konzessionen Ankaras für die Loyalität Erbils gehen gar soweit, dass die Türkei die Unterstützung für die Turkmenen Iraks, eine türkische Minderheit, zurückfuhr und den Peshmerga erlaubte, die Turkmenen-Hochburg Kirkuk zu besetzen, um sie dem Einfluss Bagdads zu entziehen. In Kirkuk gibt es große Erdölquellen und die Stadt ist zwischen Erbil und Bagdad seit Jahren als jeweiliges Einflussgebiet umkämpft. Der Kampf gegen den IS schuf nicht zuletzt in dieser Region ein Zeitfenster für vollendete Tatsachen.

Da jedoch Kurden unter Arabern und Turkmenen keinen besonders guten Ruf genießen, entschied sich Ankara, eigens lokale Vertreter ausfindig zu machen, die vor der türkischen Grenze das Heft in die eigene Hand nehmen wollten. Die Grenze wird nicht zuletzt von der türkischen PKK, die Ankara als terroristische Vereinigung listet, als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet genutzt wird und damit türkische Sicherheitsbedenken zusätzlich angeheizt. Einen solchen Vertreter machte Ankara letztlich in Asil al-Nudscheifi ausfindig, den die türkische Regierung seit 2014 beim Aufbau einer Sunniten-Miliz, auch al-Haschd al-Watani genannt, unterstützt, während von türkischen Spezialeinheiten kurdische Peschmerga gegen den IS ausgebildet werden. Erfolge gegen den IS dürften Peschmerga und sunnitische Araber mittel- bis langfristig Ankara mit politischem Einfluss in von ihnen kontrollierten Gebieten zurückzahlen.

Bisher mangelt es der al-Haschd al-Watani-Formation, die nicht zuletzt versucht, die pro-iranischen, schiitischen al-Haschd al-Schaabi-Milizen aus den Sunniten-Regionen rauszuhalten, nicht nur an militärischer Erfahrung, vor allem aber an Legitimation. Sinnbildlich dafür steht die heftige Reaktion auf die türkische Verlegung von neuen Soldaten wie Militärausbildern im Dezember an die türkische Militärbasis Baschika im Irak, wenige Kilometer von Mosul entfernt. Dort werden Teile der al-Nudschaifi-Miliz ausgebildet. Obwohl die al-Haschd al-Watani und zahlreiche Militärbasen der Türkei im Norden Iraks mit Wissen Bagdads aufgebaut wurden, schien die Verstärkung der Einheiten in einem diplomatischen Fiasko für Ankara zu münden, da sich gerade der Iran durch die beherzte Stellungnahme der Türkei in Nordirak herausgefordert fühlte.

Nichtsdestotrotz hat Ankara auch unter vehementen Protesten Bagdads seine neuen Militärberater in Baschika behalten. Nur einige wenige Soldaten und Panzerfahrzeuge, die dazu dienten, die Basis zu schützen, wurden vermutlich in die Kurdische Autonomie Region oder zurück in die Türkei verlegt.

„Ich möchte von meinen Amtskollegen in den nächsten Tagen wissen, wie wir diese [sunnitischen Araber] in das Spiel integrieren können. Ich habe schon lange gesagt, dass sunnitische Araber da rein müssen“, sagte Carter am Donnerstag. Diese Aussagen lassen den Schluss zu, dass nicht nur bald eine Großoffensive auf Mosul, die zweitgrößte Stadt des Irak, ansteht, sondern auch, dass sich bald entscheiden könnte, ob Ankaras Pläne mit Blick auf Nordirak aufgehen.

Für die Türkei dürften die Worte Ashton Carters jedenfalls eine hoffnungsvolle Verheißung sein. Ankara hält zu den meisten sunnitischen Araber-Staaten mittlerweile enge Bande, die ihrerseits aus Furcht vor einem erstarkenden Iran bereits türkische Einfluss-Projekte in Syrien unterstützen. Zudem ist die Türkei ein wichtiger Partner der EU bei der Abschirmung von Flüchtlingsströmen und ein bedeutender NATO-Alliierter Washingtons. Sollten die USA sich dazu entscheiden, wie bereits erfolgreich in Ramadi praktiziert, verstärkt auf sunnitische Kämpfer zu setzen, dann dürfte sich Ankara schon bald über das Verbot Bagdads hinwegsetzen, Waffen an die al-Haschd al-Watani zu entsenden. Diese würden dann an der Offensive um die Turkmenen-Stadt Tel Afar teilnehmen und sich schließlich an den Häuserkämpfen in Mosul beteiligen. Das könnte aber auch ein erster Schritt hin zur verstärkten Autonomieforderung der Sunniten Iraks zu einer Zeit sein, wo der IS territorial zunehmend zurückgedrängt wird.

„Jede Nation muss vorbereitet sein, weitere Beiträge im Kampf gegen den IS zu leisten“, schloss Carter. „Und ich werde nicht zögern, unsere Mitglieder dazu aufzufordern.“

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