Noam Chomsky: "Erdogan hat dem eigenen Volk den Krieg erklärt"

Linguist und Philosoph Noam Chomsky nach einer Rede in Mexiko beim National Autonomous University's Educational Investigation Institute (UNAM) am 21. September 2009.
Linguist und Philosoph Noam Chomsky nach einer Rede in Mexiko beim National Autonomous University's Educational Investigation Institute (UNAM) am 21. September 2009.
Der berühmte amerikanische Sprachwissenschaftler Noam Chomsky gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefes, mit dem 1000 Akademiker gegen die türkische Militäroperation im Südosten der Türkei protestieren. Der türkische Präsident Recep Erdogan warf ihm daraufhin eine "koloniale Mentalität" vor. Was Noam Chomsky darauf antwortet.

Ein offener Brief an den Regierungschef der Türkei löste eine internationale Debatte aus. Mehr als 1.100 türkische und internationale Wissenschaftler aus insgesamt 89 Universitäten der ganzen Welt richteten sich in der vergangen Woche an die Öffentlichkeit. Zu der Gruppe gehören auch Noam Chomsky und Immanuel Wallerstein. Unter der Überschrift "Wir werden nicht Teil dieses Verbrechens sein" kritisieren die Akademiker heftig Ankaras Militäroperation im kurdischen Südosten der Türkei.

Den Präsidenten der Türkei erboste die Wortmeldung derartig, dass Erdogan nun gezielt gegen Noam Chomsky ausholte. „Unser Botschafter in den Vereinigten Staaten sollte Chomsky einladen, der Äußerungen über die türkische Operation gegen die Terrororganisation gemacht hat“, sagte Erdogan am Montag bei einer jährlichen Konferenz der türkischen Botschafter. Er bot an, den Linguisten und disponierten Kritiker internationaler Menschenrechtsverletzungen in die kurdischen Regionen der Türkei einzuladen.

"Falls ich mich entschließe, in die Türkei zu reisen, wird es nicht aufgrund dieser Einladung durch Erdogan passieren. Wir haben vorher schon regelmäßig Einladungen durch viele mutige Dissidenten erhalten, darunter Kurden, die schon seit vielen Jahren schweren Angriffen ausgesetzt sind“, schrieb Chomsky dem Guardian als Antwort auf Erdogans Vorschlag.

Der Philosoph wirft dem türkischen Staatschef darin Heuchelei und doppelte Standards insbesondere beim Thema Terrorismus vor. Er beschuldigt die türkische Regierung direkt, terroristische Organisationen zu unterstützen. So schrieb Chomsky zum Anschlag in Istanbul:

Quelle: http://www.actvism.org/events/noam-chomsky-ueber-die-terroranschlaege-in-paris/

"Die Türkei gibt dem `Islamischen Staat` die Schuld, den Erdogan in vielerlei Hinsicht geholfen hat, so wie er auch die al-Nusra-Front unterstützt, die kaum anders ist. Dann startete er eine Tirade gegen diejenigen, die seine Verbrechen gegen Kurden verurteilen, welche zufällig die wichtigste Bodentruppen gegen den `Islamischen Staat` in Syrien und im Irak sind. Braucht es da noch weitere Kommentare?“

Mit dem offenen Brief hatten die beteiligten Akademiker die türkischen Behörden aufgefordert, die "Massaker und Schlachtung" im Südosten des Landes sowie die Belagerung von kurdischen Städten zu beenden. Gleichzeitig warfen sie Erdogan vor, einen "Krieg gegen sein eigenes Volk" zu führen.

"Die Verantwortung für die gegenwärtige selbstverschuldete Krise im Land liegt direkt bei Erdogan, der die Kurden als Hindernisse für seinen Plan ansieht, eine absolute Herrschaft durch den türkischen Präsidenten zu errichten“, so der offene Brief.

"Mit den Belagerungen ihrer Gemeinden im Südosten hat die Türkei effektiv dem eigenen Volk den Krieg erklärt. Diese aktuelle Krise ist künstlich fabriziert und völlig unnötig. Es verdeutlicht noch einmal, dass Erdogan eine zutiefst entzweiende Kraft ist," heißt es im offenen Brief weiter.

YPG-Kämpfer nach der Rückeroberung von Tel Abyad

Ergodan griff die Unterzeichner in einer Rede am Montag aggressiv an. Er verstieg sich sogar zu der Behauptung, die Menschenrechtsverletzungen im Südosten der Türkei würden ausschließlich von "Terroristen" begangen, nicht aber von staatlichen Truppen. Den Begriff "Terroristen" benutzt die offizielle Türkei für aufständische Kurden.

"Diese Gruppe, die sich selbst Akademiker nennen, klagt den Staat in einer Erklärung an. Und nicht nur das, sie laden Ausländer ein, die Entwicklungen zu verfolgen. Das ist die Mentalität des Kolonialismus", behauptete Erdogan. Er warf besonders den türkischen Hochschulmitarbeitern, welche die Petition unterschrieben hatten, "Verrat" vor. Daraufhin verhafteten türkische Sicherheitsdienste 14 Akademiker für die Unterzeichnung der Erklärung.

"Sie sind keine aufgeklärten Personen, sie sind dunkel. Sie sind keine Intellektuellen. Sie sind unwissend und düster, und kennen nicht einmal den Osten oder Südosten. Wir kennen diese Orte so genau, wie unser Zuhause", schäumte Erdogan.

Die Auseinandersetzungen zwischen türkischen Truppen und kurdischen Kämpfern, die teilweise der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) angehören, laufen bereits seit Juli 2015. Die türkischen Behörden behaupten, dass die Opfer der Sicherheitsoperation im Südosten PKK-Mitglieder waren.

Allerdings wurden laut Human Rights Watch auch mehr als 100 Zivilisten bei der Niederschlagung der Proteste getötet. In mehreren Städten im türkischen Südosten wurden wochenlange Ausgangssperren verhängt, trotz der wiederholten Forderungen der Anwohner, sie wieder aufzuheben.