Konfiszierte Dokumente: IS organisierte komplexe Migrationsrouten aus syrisch-türkischer Grenzstadt

YPG-Kämpfer nach der Rückeroberung von Tel Abyad
YPG-Kämpfer nach der Rückeroberung von Tel Abyad
Dokumente  des "Islamischen Staates" (IS),  die von kurdischen Selbstverteidigungskräften sichergestellt wurden, zeugen von einer komplexen Migrations-Operation des IS von der Grenzstadt Tel Abyad aus. Der Fall Tel Abyad steht beispielhaft für das ambivalente Verhältnis des türkischen Staates zum IS. Derweil nimmt der internationale Druck auf das NATO-Mitglied Türkei, die Grenzen stärker zu kontrollieren, weiter zu. 

Kurdische Selbstverteidigungskräfte der YPG haben im Zuge der Rückeroberung der syrisch-türkischen Grenzstadt Tel Abyad zahlreiche Dokumente und Verwaltungspapiere des IS sicherstellen können, die belegen, dass die dschihadistische Miliz ungestört von der Türkei eine komplexe Einwanderungs-Operation für IS-Kämpfer und Sympathisanten durchführen konnte. Tel Abyas liegt zwei Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. 

Arbeiter auf einer improvisierten und vom IS-kontrollierten Öl-Raffinerie in  Marchmarin  im Süden von Idlib, Syrien.

Die Dokumente, die die YPG kürzlich dem britischen Guardian zugespielt hat und von Experten als "authentisch" eingeschätzt werden, tragen alle einen "offiziellen" Stempel der IS-Abteilung für Ein- und Auswanderung sowie dem IS-Amt für Transport. In den Dokumenten sind minutiös von Dezember 2014 bis März 2015 die Namen, ID-Nummern, Geburtsorte sowie die Abfahrts- und Ankunftsorte der "Reisenden" vermerkt, die via eines etablierten Bustransportsystems innerhalb der IS-kontrollierten Gebiete in Syrien und Irak regelmäßig in die Türkei reisten.

Eines der Dokumente listet die Einreise einer Gruppe von fünf Tunesiern zwischen 23 bis 36 Jahren auf, die aus Kairouan, einer Stadt im Süden von Tunis, die als eines der Epizentren des radikalen Islams in Tunesien gilt, kamen. Tunesien ist nach übereinstimmenden Analysen das Land, aus welchem die meisten ausländischen Kämpfer im syrischen "Bürgerkrieg" stammen. Angaben der tunesischen Regierung zufolge sollen schätzungsweise 6.000 Dschihadisten Tunesien Richtung Syrien verlassen haben. 

Nach Einschätzung von David Phillips, Politik-Wissenschaftler an der Columbia University in New York und Autor zweier Forschungspapiere zur Verbindung zwischen dem IS und der Türkei, ist die Türkei über die Bewegungen aller Personen an der Grenze informiert:

"Die Türkei könnte die Ströme an der türksichen Grenze kontrollieren, wenn sie denn wollte. Es gibt einen ständigen Fluss an Fahrzeugen, Personen, Waffen, Gelder und Öl auf beiden Seiten der Grenze. Und es ist nicht so, dass diese Personen ihre Wanderschuhe dafür schnürren müssten. Es gibt ein grenzübergreifendes, umfassend kontrolliertes und reguliertes Transportnetzwerk."

Aymenn al-Tamimi, ein anerkannter Wissenschaftler und Experte zur Authentifizierung von IS-Dokumenten, dem der Guardian die IS-Passagierverzeichnisse vorgelegt hatte, hegt keine Zweifel an der Authentizität der Dokumente: 

"Die Dokumente stimmen mit anderen Dokumenten überein, die ebenfalls die täglichen Busrouten innerhalb des IS-Territoriums belegen. Auch wenn der direkte Transport von Privatunternehmern organisiert wird, ist die IS-Bürokratie für die Kontrolle und Autorisierung der Routen verantwortlich."

Konfrontiert mit den Erkenntnissen aus den konfiszierten IS-Dokumenten sagte ein vom Guardian kontaktierter hoher türkischer Regierungsbeamter, dass die Türkei alle Personen, die in vom IS kontrollierte Gebiete eindringen, als "ausländische Kämpfer" klassifiziert. Laut dem türkischen Regierungsbeamten, der nicht namentlich genannt werden wollte, tut die Türkei alles, um den Zustrom an ausländischen Kämpfern einzudämmen, inklusive Zerstörung von Rekrutierungs- und Logistiknetzwerken.

Seinen Angaben zufolge seien vom 1. Januar 2014 bis 1. November 2015 über 200.000 Personen wegen dem illegalen Übertreten der Grenze festgenommen worden. Der Regierungsbeamte wies zudem darauf hin, dass sein Land, im Zuge einer "Politik der offenen Tür", über zwei Millionen Syrier als Flüchtlinge beherbergt. Abschließend betonte er, dass es unrealistisch sei, die gesamte 911 Kilometer umfassende türkisch-syrische Grenze zu kontrollieren. 

Allerdings zeigt der Fall von Tel Abyad beispielhaft das ambivalente Verhältnis des türkischen Staates zum IS auf. Solange Tel Abyad von den radikalen Dschihadisten gehalten wurde, war der Grenzübergang geöffnet. Geschlossen wurde dieser erst von türkischer Seite, als die kurdischen Selbstverteidigungskräfte der YPG im Juni 2015 Tel Abyad zurückeroberten. Honi soit qui mal y pense.