Gallische Verhältnisse: Türkei finanzierte Rebellen bekämpfen US-unterstützte Milizen in Nordsyrien

Gallische Verhältnisse: Türkei finanzierte Rebellen bekämpfen US-unterstützte Milizen in Nordsyrien
Der syrische Bürgerkrieg zeigt auf oppositioneller Seite offene Bruchstellen: In den vergangenen Tagen kam es immer wieder im Norden der Provinz Aleppo zu Zusammenstößen zwischen pro-türkischen Rebellen-Einheiten und anderen, die mit dem syrischen Ableger der kurdischen PKK-Organisation, auch PYD/YPG genannt, verbündet sind und von den USA mit Waffen beliefert werden. Die Kämpfe eskalieren um die Frage, wer das IS-Einflussgebiet zwischen den Grenzstädten Azez und Dscharablus erobern darf.

Insbesondere die sogenannte Freie Syrische Armee steht zwischen den Fronten. Während die lokalen pro-türkischen FSA-Einheiten, welche in Aleppo zumeist aus syrischen Turkmenen bestehen, etwa der al-Sultan Murat-Brigade, sich mit der islamisch-konservativen Organisation Ahrar al-Scham und dem syrischen al-Qaida-Ableger al-Nusra-Front streckenweise verbündet haben, gingen andere FSA-Einheiten, darunter Dschaisch il-Suwar und andere kleinere Formationen, in die von der kurdischen YPG stark dominierte Koalition unter dem Namen „Syrische Demokratie-Kräfte“ (SDF) ein.

Transparent in Ankara:

Die pro-türkischen Einheiten in Nordaleppo haben sich zwischenzeitlich zur sogenannten Levante-Front zusammengeschlossen. Diese wird Berichten zufolge umfassend über den türkischen Geheimdienst, welcher durch die syrische Muslimbruderschaft agiert, in den letzten Wochen verstärkt mit Kriegsgerät versorgt, um eine Großoffensive entlang der türkischen Grenze starten zu können. Türkischen Analysten zufolge sollen vor allem syrische Turkmenen die Stellvertreter Ankaras zu Boden werden. Die Offensive würde sich primär gegen die Milizen des selbsternannten „Islamischen Staates“ richten, die die Region zwischen Azez und Dscharablus kontrolliert. Über Dscharablus organisiert der IS noch einen Großteil seines grenzüberschreitenden Schmuggels.

Ähnlich angespannt wie das Verhältnis zwischen dem türkischen Staat und der in der Türkei operierenden Kurden-Organisation PKK gestalteten sich von Beginn des syrischen Bürgerkrieges an die Beziehungen zwischen den türkischen und PKK-nahen Ablegern in Syrien.

Türkei investiert in „Rebellen-Portfolio“

Im Sinne eines „konservativen Investors“ betreibt die Türkei eine Art „Risk-Spreading“ bei der Finanzierung und Unterstützung von Rebellen in Syrien. Der Zusammenbruch einer einzigen Gruppierung, die umfassende Mittel verschlingt, würde sich für die türkischen Interessen als katastrophal erweisen. Eine Verteilung der Finanzen und damit das Verteilen der Gunst Ankaras sorgt zudem für die notwendige Konkurrenzsituation, um die jenseits syrischer Grenzen operierenden Milizen zu kontrollieren.

Ankara unterstützt eine ganze Bandbreite von moderaten Organisationen, aber auch islamisch-konservativen Hardlinern. Ein besonderes Augenmerk widmen die Türken dabei den syrischen Turkmenen und der sogenannten „Islamischen Front“, die sich in Ahrar al-Scham und Dschaisch il-Islam aufteilt. Laut dem Syrien-Analysten Charles Lister verfüge die „Islamische Front“ über rund 27.500 Kämpfer.

Durch die Erfolge der YPG nach der Belagerung der Grenzstadt Kobane und ein damit einhergehendes enges strategisches Bündnis mit den USA sind die Kurden spätestens 2014 als zentraler Spieler in Nordsyrien auf den Plan getreten, der es dieses Jahr vermochte, unter US-amerikanischer Patronage einige tausend arabische und turkmenische FSA-Kämpfer, die die Türkei eigentlich als trojanisches Pferd unter Dschaisch il-Suwar einbringen wollte, zu absorbieren. Damit hat sich Nordsyrien zu einem ausgelagerten Pulverfass und Schachbrett zwischen Ankara und dem syrischen PKK-Ableger entwickelt, der angesichts der jüngsten Verwerfungen zwischen der Türkei und Russland nach dem Abschuss eines russischen Bombers am 24. November zunehmend unabhängig von Washington eigene strategische Rechnungen aufstellt. Ankaras Protegés und die YPG werden nun weiter um die Gebiete zwischen Azez und Dscharablus wetteifern.

Vereinigung von „Rojava“ als Priorität der Kurdenmilizen

Während die Türkei die Region zwischen Azez und Dscharablus als exklusives Einflussgebiet der Turkmenen und sunnitischen Araber betrachtet, ist die Region für die YPG wichtig, um den dritten kurdischen Kanton Afrin im Westen mit Kobane und Cizre zu verbinden. Eine solche Entwicklung würde kurdischen Ambitionen nach einem eigenständigen Staat ausreichend Legitimation verleihen.

Ein zusammenhängendes „Rojava“, wie die Kurden Syriens ihr Siedlungsgebiet nennen, ist aus sicherheitspolitischen und geopolitischen Erwägungen für Ankara aus mehreren Gründen ein besonderer Dorn im Auge. Die Türkei fürchtet, dass sich ein PKK-Ableger mit Staatskompetenz in ihrer unmittelbaren Peripherie auf die Kurden der Türkei auswirken und nationalistische Separatismus-Gedanken befeuern werde. Zudem könnten türkische PKK-Kämpfer Rojava als strategisches Rückzugs- und Aufmarschgebiet nutzen. Auf anderer Seite strebt Ankara danach, verlorene osmanische Ländereien, die es als „natürliches Hinterland“ bezeichnet, zumindest im Sinne von militärisch legitimierten Föderalisierungsprozessen in seinen Bann zu ziehen. In Syrien schielt die türkische Führung dabei vor allem auf die syrische Metropole Aleppo. Die umliegenden Regionen, die Turkmenen-Berge in Latakia, die Provinz Idlib und Aleppo werden als notwendige Landverbindung und türkische Brücke in die arabische Welt betrachtet.

Ankara rechnete mit Einhaltung der De-facto-Flugverbotszone

Da die Türkei entlang ihrer Grenzen mit ihren permanent patrouillierenden F-16-Kampfjets de facto Flugverbotszonen eingerichtet hat, konnten Rebellen noch vor der Involvierung russischer Kampfjets am 30. September ungestört Operationen vorbereiten. Mit der im November allerdings eingeleiteten Luft- und Bodenoperation der syrischen Armee gemeinsam mit Schiiten-Milizen aus dem Iran, Irak und Libanon sowie der russischen Luftwaffe auf die Turkmenen-Bergen, auf Arabisch: „Dschabal Turkman“, nordöstlich der Provinz Latakia, fühlte sich Ankara direkt von Moskau herausgefordert, als russische Jets die „türkischen Gegebenheiten“ entlang der Grenze kurzerhand übersahen.

Der Abschuss des russischen Bombers vom Typ Su-24 durch die türkische Luftwaffe war eine direkte Folge der Konfrontation im Grenzgebiet. Die Türkei beabsichtigte, Russland zur Anerkennung der De-facto-Flugverbotszonen zu zwingen. Das Ergebnis der Konfrontation ist, dass Russland zwar im direkten Verhältnis über Wirtschaftssanktionen gemäßigt reagierte, in Syrien aber umso aggressiver gegen pro-türkische Elemente vorgeht.

Kurden wollen lieber sunnitische Opposition bekämpfen als Rakka stürmen

Nicht zuletzt dürfte auch eine fein durchdachte russische Charme-Offensive gegenüber der YPG in Nordsyrien zu den jüngsten Zusammenstößen in Azez zwischen den verfeindeten Rebellen-Gruppen beigetragen haben – diese versetzt Ankara dieser Tage in helle Aufregung, da es an der Erreichung seiner geopolitischen Zielen behindert wird. In den letzten Wochen nahm Moskau immer wieder türkische Konvois, die offensichtlich mit Nachschub an syrische Ableger gingen, ins Visier. Insbesondere die YPG, welche von der türkisch-russischen Konfrontation zu profitieren glaubt, schien vom Nimbus der Luftangriffe beflügelt zu sein.

Anders als die USA, welche von den Kurden erwartet, dass sie eine Offensive auf die IS-Hochburg Rakka starten, wünschen sich die kurdischen Kader lieber die Schaffung einer geografischen Verbindung mit ihren Brüdern und Schwestern entlang der syrisch-türkischen Grenze. Eine kurdische Offensive auf Rakka ist für die YPG mit vielen Risiken verbunden und widerspricht den nationalistischen Maximen der Gruppe. Die Eroberung von sunnitisch-arabischem Territorium führte bereits bei der Einnahme von Tell Abyad zu bedeutsamen Spannungen mit den örtlichen Minderheiten.

Auf internationaler Ebene scheinen die Probleme nicht kleiner zu sein. Während die Türkei, Saudi Arabien und Katar in Syrien mehr oder weniger an einem Strang ziehen und als muslimische Staaten geringere Probleme mit der Unterstützung von islamisch-konservativen bis dschihadistischen Elementen haben, sehen westliche Staaten, allen voran die USA, diesen Umstand mittlerweile als maßgebliches Problem an. Die Spaltung führte dazu, dass einander nun verschiedene Flügel der FSA-Opposition sich offen bekämpfen. Der in der Region präsente IS geht dabei als einziger Gewinner hervor und wird auch weiterhin auf die Widersprüchlichkeiten in den Reihen der „moderaten Rebellen“ setzen.

RT-Redakteur Ali Özkök