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Der Libanon zerbricht – eine Collage zu den Hintergründen (Teil 1)

Der Libanon zerbricht – eine Collage zu den Hintergründen (Teil 1)
Heute locken die Bezeichnungen "Schweiz des Nahen Ostens" für den Libanon oder "Paris des Nahen Ostens" für seine Hauptstadt Beirut bei den Kennern der Levante-Region nur ein trauriges Lächeln hervor. Die Bevölkerung des Landes kämpft gegenwärtig ums Überleben.

von Havva Kökbudak

Wir sind an schlechte bis katastrophale Meldungen aus der Nahost-Region schon derart gewohnt, dass Meldungen aus diesem Gebiet kaum mehr die Gemüter zu erschüttern vermögen. Doch schlimmer geht dort immer: Am 04. August 2020 explodierte an der Hafenanlage in Beirut eine 2.750 Tonnen schwere Ladung an Ammoniumnitrat und riss nach bisherigen Meldungen mindestens 149 Menschen in den Tod, es gab über 5.000 Verletzte. Halb Beirut liegt in Schutt und Asche. Was war passiert?

Über die Gründe wird spekuliert: Lag es daran, dass Sicherheitsmaßnahmen bei der Lagerung einer solch immensen Menge an explosivem Stoff vernachlässigt wurden, wie Ministerpräsident Hassan Diab erklärte? Denn es fehle jeglicher Hinweis auf einen Anschlag. Oder gab es tatsächlich einen bombenähnlichen Anschlag, wie der US-amerikanische Präsident Donald Trump nach einer Rücksprache mit seinen Generälen verkündete? Die gefährliche Logik dieser Annahme "Explosion, ergo militärischer Angriff; militärischer Angriff, ergo sofort aufrüsten, mobilmachen, Truppen schicken" ist leider aus den US-amerikanischen Wertungen und ihren Konsequenzen für die Weltpolitik hinlänglich bekannt. Nichtsdestotrotz ist bei hinreichenden Anzeichen auch diesem Ansatz nachzugehen. Wer wäre denn für einen militärischen Anschlag in Verantwortung zu ziehen? Da käme der Erzfeind Israel in Frage, das Land, mit dem der Libanon jede diplomatische Beziehung abgebrochen hat. Israel jedoch hat jede Involvierung in eine solche Aktion, wie es scheint glaubhaft, negiert. Ebenso wenig hätte die Hisbollah einen Grund, den Hafen von Beirut zu sprengen oder zumindest zu beschädigen, denn als eine inzwischen imposante Kraft im Libanon würde sie sich mit einer solchen Tat keine Freunde machen.

Denn im Hafen von Beirut – mit einer Konzession des Osmanischen Reiches 1887 erbaut, doch seit 1960 in libanesischer Hand – standen auch die Getreidesilos, die wortwörtlich existenziell für die Bevölkerung sind/waren. Der Libanon ist weltweit für seinen guten Wein bekannt, auch mit landwirtschaftlichen Produkten wie Oliven und Zitrusfrüchten wird die Agrikultur des Landes oft assoziiert. Doch Getreide, das Grundprodukt zur Herstellung von Brot, muss der Libanon aus anderen Ländern importieren. Die vorhandenen Getreidevorräte (15.000 Tonnen) würden noch gerade einen Monat reichen, so der libanesische Wirtschaftsminister Raoul Nehmé. Über den Hafen von Beirut liefen bisher unter anderem die Nahrungsmittelimporte für die Bevölkerung und 80 Prozent der Gesamtimporte. Nahrungsmittelpreise werden nach diesem Desaster wohl ungeahnte Höhen erklimmen – in einem Land, in das 65 bis 85 Prozent der Nahrungsmittel importiert werden und in dem bereits 50 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze leben. 

Archivbild: Eine ältere Frau mit Weizenernte im Dorf Markaba, Libanon

Als hätte der Libanon also nicht schon genug Probleme: Warum also diese Nachlässigkeit bei der Absicherung der wirtschaftlichen Aorta des Landes – des Hafens von Beirut? Seit der Lagerung des explosiven Stoffes vor sechs Jahren gab es mehrfache Warnungen und Hinweise des Zolldirektors Badri Daher an die Justiz. Warum haben die Justiz und das verantwortliche Ministerium auf jene Warnungen der Zollbehörde nicht reagiert? Einer Gefahr für die Sicherheit des Hafens – welcher Art auch immer, sei es militärisch, sei es die Lagerbedingungen oder die Arbeitsbedingungen betreffend – hätte vorgebeugt werden müssen. Der Schutz des Hafens, eines Hafens, der obendrein in der Hauptstadt eines Landes liegt, ist somit die innere Angelegenheit eines souveränen Staates mit einer einheitlichen Regierung.

Wer ist schuld?

Auf die Erklärung des Ministerpräsidenten Hassan Diab, alle für die Explosion Verantwortlichen würden zur Rechenschaft gezogen werden, wurde einen Tag darauf ein Ermittlungsausschuss gegründet und alle Mitarbeiter des Hafens, die in Frage kommen könnten, unter Hausarrest gestellt. Inzwischen sind 18 Hafenmitarbeiter befragt worden, darunter Mitglieder des Hafenvorstands und der Zollverwaltung, 16  Mitarbeiter wurden dem Militärrichter Fadi Akiki zufolge festgenommen. Es wird zu klären sein, warum die explosive Fracht sechs Jahre lang im Lagerhaus 12 im Hafen der Hauptstadt, der überdies im Bezirk Marfa, einem Innenstadtbezirk, liegt, also in unmittelbarer Nähe der Einwohner, gelagert wurde. Warum der Inhalt nicht an einen entfernteren Ort gebracht wurde. Ob oder warum das Depot nicht klimatisiert war. Wenn ja, warum funkensprühende Schweißarbeiten an diesem Lager durchgeführt wurden. Wer gewarnt wurde und warum derjenige nichts unternommen hat. Warum der Nationale Verteidigungsrat, der in seiner Erklärung die Explosion auf Funken bei Schweißarbeiten zurückgeführt hat, erst nach der vernichtenden Detonation von den fehlenden Sicherheitsmaßnahmen erfährt. Und, und, und ...

Die Suche nach den Verantwortlichen bzw. Schuldigen beginnt. Nur wo soll man ansetzen?

Das politische System des Libanon

Der Faden lässt sich am Ort des Geschehens aufnehmen, am Hafen von Beirut, Port. So heißt der Bezirk im Beirut Central District (BCD). Die Verwaltung Beiruts obliegt dem Gouvernement Beirut, dem einzigen von insgesamt acht Gouvernements (nach Vorbild der ehemaligen Mandatsmacht) des Libanon, der aus einer Stadt, nämlich Beirut, besteht. Es ist eine multikonfessionelle Stadt: 50 Prozent sunnitische Muslime, 40 Prozent Christen und 10 Prozent schiitische Muslime. 

Der Gouverneur Beiruts, Marwan Abboud, ist ein sunnitischer Muslim. Er ist ursprünglich Jurist und erst seit Juni 2020 im Amt. Vorher war er der Vorsitzende der Obersten Disziplinarbehörde und für die Überprüfung von Korruptionsvorwürfen gegen Beamte verantwortlich. Als er nach der verheerenden Detonation durch die Stadt läuft, ist ihm seine Bestürzung deutlich anzusehen:

Nun zu der Organisation der Macht im Libanon: Wir haben gesehen, dass in Beirut ein sunnitischer Muslim die oberste Verwaltungsposition innehat, da eine Mehrheit der Bevölkerung Beiruts der sunnitischen Richtung des Islam angehört. In den 1950er-Jahren waren noch über 50 Prozent der Gesamtbevölkerung des Libanon Christen. Wir können jedoch heute annehmen, dass aufgrund der starken Emigration von Christen und der Immigration von Muslimen (unter anderem palästinensische und syrische Geflüchtete) dieser Anteil auf etwa 39 Prozent geschrumpft und der Anteil der Muslime entsprechend gestiegen ist. Insgesamt gibt es im Libanon 18 anerkannte Religionsgemeinschaften, die größten davon sind maronitische Christen, schiitische und sunnitische Muslime. Daneben gibt es Drusen, rum-orthodoxe Christen, melkitische griechisch-katholische Christen, armenisch-apostolische Christen, Alawiten, armenisch-katholische Christen und protestantische Christen sowie koptische Christen und wenige Juden. Grob umrissen leben die Sunniten in den Küstenstädten im Norden, Christen bevölkern hauptsächlich die mittlere Küstengegend und die Schiiten den Süden des Libanon.

Nach diesem kleinen Exkurs zu der konfessionellen Zusammensetzung können wir festhalten, dass jede einzelne religiöse Gemeinde innerhalb des Libanon jeweils ihre eigenen soziopolitischen Strukturen aufrechterhalten will, und zwar mit allem, was dazu gehört: ihre eigene Gerichtsbarkeit, ihr eigenes Schulsystem, in dem eventuell die Geschichte des Landes aus der ganz eigenen Perspektive erzählt wird, und natürlich jeweils ihre eigenen Vertreter in Legislative und Exekutive; das sind jedoch zumeist Angehörige einer dominierenden Familie oder eines Stammes bzw. deren Günstlinge wie auch religiöse Führungsfiguren, die oft genug ihre eigenen Pfründe und Privilegien sichern bzw. erweitern. Das ist das Fundament der Korruption und Vetternwirtschaft, von der nach Marwan Abboud, dem jetzigen Gouverneur von Beirut (siehe oben), die Hälfte des öffentlichen Dienstes im Libanon befallen ist.

Die Macht im Libanon ist also nicht nach parteipolitischen Programmen, deren Vertreter durch Wahlen von Staatsbürgern einer politischen Einheit an die Macht gehievt werden, aufgeteilt, sondern nach konfessioneller Zugehörigkeit und dem Anteil der Gläubigen jeder Konfession. Die konfessionellen Gemeinden bilden demnach jeweils kleine Staaten in einem quasi fiktiven Gesamtstaat Libanon, in dem jeder für sich und seinen Clan verantwortlich ist, aber nicht für das Land Libanon und seine Gesamtbevölkerung. Dass dieser Staat praktisch nicht existiert, konnten wir unvermittelt bei den Bergungs-, Rettungs- und Räumungsarbeiten beobachten: Während vorwiegend junge Libanesen eifrig mit Trümmerbeseitigung und Rettungsaktivitäten beschäftigt waren/sind, war/ist der Staat - einfach nicht da.

- Fortsetzung folgt -

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