Indien und China: Im Schatten des Korea-Durchbruchs retten Modi und Xi den Weltfrieden

Indien und China: Im Schatten des Korea-Durchbruchs retten Modi und Xi den Weltfrieden
Indiens Premierminister Narendra Modi spricht mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping während einer Bootsfahrt auf dem See in Wuhan, China, am 28. April 2018.
Die Welt blickte in den letzten Tagen und Wochen nach Nord- und Südkorea. Auch die Entwicklungen in Syrien sorgten international für Schlagzeilen. Fast unbemerkt davon kam es bei einem anderen Konfliktherd zu positiven Signalen: Indien und China sprachen miteinander.

von Dr. Kamran Gasanov

In den vergangenen Wochen wurde die Aufmerksamkeit der Weltpresse auf zwei Ereignisse konzentriert - die US-Angriffe gegen Syrien und das Treffen zwischen den Präsidenten der zwei koreanischen Staaten. Auf der einen Seite erlebte die Welt eine Zunahme der Aggression, die einigen zufolge mit dem Dritten Weltkrieg grenzte. Auf der anderen Seite hat man die Befriedung und den Start der Lösung der Krise gesehen, die öfter als Syrien die Welt an den Rand eines globalen Krieges stellte. Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger schrieb, dass die Bedrohung von Asien wegen des Vorhandenseins des nuklearen Faktors viel gefährlicher sei als der Nahe Osten.

Chinesischer Flugzeugträger Liaoning, Manöver im westlichen Pazifik, 18. April 2018.

Die Mangel von Gewaltausbrüchen in Asien lässt die Bedrohungen, die vielmehr gefährlicher sind als Korea und Syrien, zeitweilig vergessen. Das letzte Mal passierte das im Sommer 2017, als China und Indien wegen der 73-tägigen Konfrontation auf dem Plateau Doklam am Rande eines Krieges waren. Hier, an der Grenze zwischen zwei Ländern und Bhutan in den schwer erreichbaren Bergregionen des Himalaya, wollen die Chinesen eine Autobahn und eine Militärbasis bauen, was Indien gezwungen hat, Truppen einzuführen.

Es scheint deshalb merkwürdig, dass das Rendezvous des indischen Premierministers Narendra Modi mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, das in der chinesischen Stadt Wuhan am 27. und 28. April stattfand, im Schatten anderer Ereignisse blieb. Die neunstündigen Gespräche, von denen vier Stunden unter vier Augen waren, sollen nicht mit der chinesischen Gemessenheit begründet werden, sondern mit der Bedeutung des Friedens zwischen den beiden asiatischen Giganten für die Weltsicherheit.

Der formale Charakter des Besuchs bestätigt das Volumen der akkumulierten Probleme, deren Lösung Jahre dauern wird. Das Treffen zwischen Xi und Modi kann sicher der Kategorie "Verhandlungen für die Verhandlungen" zugeordnet werden. Es geht hier nicht darum, ein Ergebnis zu erreichen. Vielmehr wichtiger war der persönliche Kontakt der indischen und chinesischen Machthaber, dessen Hauptziel die Rückkehr des in den letzten zwei Jahren verlorenen Vertrauens ist. Ein Spaziergang entlang des Wuhan-Sees, lustigerweise, ist heute bedeutsamer, als ein Abkommen abzuschließen.

Laut der Pressemitteilung der indischen Regierung gaben Xi und Modi "strategische Leitlinien" für ihre Streitkräfte ab, um die Kommunikation zu stärken und "die Vorhersagbarkeit und Effizienz der Lösung von Grenzproblemen" zu erhöhen. Die Grenzen sind das Schlüsselthema in der bilateralen Agenda. Es gibt mehrere "Taschen" entlang der 3.500 Kilometer langen Grenze, wo Indien 96 neue Straßensperren bauen wird. Die Länder haben bereits drei Kriege wegen gegenseitiger territorialer Ansprüche geführt: 1962, 1967 und 1987. Im Jahr 2005 wurde ein Teil der Probleme gelöst: China erkannte Sikkim als indisches Territorium an, und Indien nannte Tibet "Autonomie" - das heißt ein Teil von China.

Jedoch ist der Konflikt noch nicht erschöpft. Neu-Delhi bestreit Pekings Recht auf Aksai Chin an der indisch-chinesisch-pakistanischen Grenze. "Das Reich der Mitte" fordert die "Rückkehr" von Arunachal Pradesh im Nordosten Indiens. Der Besuch des in China verhassten Dalai Lama genau in diesem indischen Staat goss Öl ins Feuer. Anscheinend werden es noch viele weitere Spitzentreffen zur Lösung dieser Probleme stattfinden. Im Moment versuchen die Parteien, die Wahrscheinlichkeit von Zusammenstößen mit unvorhersehbarer Entwicklung zu beseitigen.

Andere "Reibungspunkte" sind Chinas wirtschaftlicher und militärischer Anstieg. Obwohl die Wachstumsraten der beiden Länder vergleichbar sind - etwa sieben Prozent -, sind die Anteile am weltweiten BIP nicht kompatibel: 15 Prozent bei China und weniger als drei Prozent in Indien. Mit Hilfe von "Eine Straße, ein Gürtel", die Peking mit 70 Ländern verbinden, stärkt Peking seine Rolle im transeurasischen Handel. Eines der Projekte der "Neuen Seidenstraße" ist der Wirtschaftskorridor "China-Pakistan" (CPEC), der auf 50 Milliarden Dollar geschätzt wird.

China hat bereits ein Tiefseehafen von Gwadar in Pakistan gebaut. CPEC, der durch das pakistanische Kaschmir, das Indien "besetztes Territorium" nennt, führt zur Empörung in Neu-Delhi. Das wachsende Handelsdefizit mit China, das 2016 bis 2017 um 200 Prozent stieg, kann als anderer Misserfolg Indiens bezeichnet werden. Chinas Exporte betrugen fast 61 Milliarden Dollar, Indiens - nur zehn Milliarden Dollar.

Eine ähnliche Situation sieht man in der militärstrategischen Sphäre. Obwohl Indien Frankreich in der Liste für Militärausgaben verdrängte, liegt es weit von China entfernt. Laut SIPRI-Schätzungen gaben die Inder 64 Milliarden Dollar im Jahr 2017 aus, die Chinesen hingegen das 3,6-fache mehr - 228 Milliarden Dollar. Indien baut neue Berg-Angriff-Corps, investiert in Flugzeugträger und Fighterjets wie die französischen Mehrzweckkampfflugzeuge "Rafale". China besiegt Indien nicht nur in der Aufrüstung, sondern auch in der Geostrategie.

Xi Jinping und Donald Trump vor einem Handschlag in Peking, China, 9. November 2017.

Im Indischen Ozean, durch den die Hälfte der Weltfracht abgefertigt wird, tauchte die erste chinesische Militärbasis auf - in Dschibuti. Peking plant, in den Häfen von Sri Lanka und auf den Malediven, wo Neu-Delhi aufgrund der politischen Krise an Einfluss verliert, Stützpunkte aufzubauen. China erweitert seine militärische Präsenz nicht nur nahe der indischen Küsten im Rahmen der "Perlenkette"-Strategie, sondern auch im Pazifik. Auf den künstlichen Inseln im Spratly-Archipel wollen die Chinesen Raketen stationieren. 

Die allgemeine Situation zeigt, dass Indien eher die Rolle eines "Verteidigers" beanspruchen kann als eines Landes, das den "Roten Drachen" herausfordert. Was kann Neu-Delhi Peking gegenüberstellen? Im wirtschaftlichen Sinne – die Modernisierung des iranischen Hafens von Chabahar, der den Zugang zu Europa unter Umgehung der "Seidenstraße" ermöglicht. Durch Chabahar und weiter durch iranisches Territorium erhalten die Hindus "die Tür" in Afghanistan und schwächen dort den Einfluss Pakistans. Die Trump-Administration, die mit Pakistan konfrontiert, fördert die Aktivierung von Indien in Afghanistan. Indien beteiligt sich auch am "Nord-Süd"-Projekt mit Russland durch einen anderen iranischen Hafen von Bandar Abbas, der mit der Eisenbahn an der Grenze zwischen Iran und Aserbaidschan verbunden werden soll.

Ein gewisses Gleichgewicht für Indien schafft sein Bündnis mit den Vereinigten Staaten, das seine friedenserhaltenden Bemühungen in Afghanistan begrüßt, mit Japan und ausgewogene Beziehungen mit dem Iran und Russland. Jedoch pflegen die letzteren zwei enge Kontakte mit China im Energiesektor. Wenn man von Widersprüchen spricht, muss man verstehen, dass Indien und China in einer globalisierten Welt mit gemeinsamen Herausforderungen wie Terrorismus, Protektionismus und Klimaschutz leben.

Zwei Länder nehmen am BRICS-Format teil und Indien ist ein Beobachter in der Antiterror-Allianz wie die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit. Wie die Praxis zeigt (der iranische Nuklearvertrag und ein Durchbruch in Korea) können Allianzen schnell wechseln. Es wäre daher aus Sicht von Indien falsch ausschließlich auf das "Gleichgewicht der Kräfte" zu setzen. Vielleicht gerader das Bewusstsein, dass Proaktivität produktiver als Konfrontation ist, motivierte Modi nach China zu reisen.