Um ins Gefängnis zu kommen: Japanische Senioren begehen Straftaten

Um ins Gefängnis zu kommen: Japanische Senioren begehen Straftaten
(Symbolbild). Senioren machen eine Pause auf den Sitzbänken im Tokioter Stadtteil Sugamo, einem bei älteren Japanern beliebten Bezirk.
Japan hat die älteste Bevölkerung der Welt, mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist 65 Jahre oder älter. Ein Trend bereitet dem Land zunehmend Sorgen: Senioren, die absichtlich kriminell werden, weil sie ein Leben im Gefängnis besser finden als das in Freiheit.

von Timo Kirez

Auf den ersten Blick erscheint es wie eine Episode aus "Monty Python's Flying Circus": ältere Menschen, die praktisch alles dafür tun, um im Gefängnis zu landen. Doch leider ist es in Japan mittlerweile bittere Realität. Laut einer Reportage von Bloomberg werden ältere Menschen in Rekordzahlen zu Kleinkriminellen, damit sie ihren Lebensabend im Gefängnis verbringen können.

Shinzo Abe in Tokio, Japan 14. März 2018

Der Reportage zufolge nehmen Beschwerden und Verhaftungen, in die ältere Bürger involviert sind, schneller zu als bei allen anderen demographischen Gruppen in Japan. Mehr noch: Die Zahl der älteren Menschen, die kriminell werden, hat sich in den letzten paar Jahrzehnten vervierfacht.

In japanischen Gefängnissen ist jeder fünfte Insasse ein Rentner. Und in vielen Fällen - neun von zehn, gerade bei älteren Frauen - ist es Ladendiebstahl, der für einen Lebensabend im Kittchen sorgt. Die Zahl der allein lebenden japanischen Senioren stieg zwischen 1985 und 2015 um ganze 600 Prozent, so Bloomberg. Die Hälfte der Rentner, die beim Ladendiebstahl erwischt wurden, berichteten von Einsamkeit. Rund 40 Prozent von ihnen sagen, dass sie entweder keine Familie haben oder selten mit ihr sprächen.

Sie haben vielleicht ein Haus. Sie haben vielleicht eine Familie. Aber das bedeutet nicht, dass sie einen Ort haben, an dem sie sich zu Hause fühlen",

sagte Yumi Muranaka, Direktorin des Iwakuni-Frauengefängnisses, gegenüber Bloomberg. Für die Gefängnisse bedeuten ältere Insassen zusätzliche Kosten. Besondere Pflege und medizinische Bedürfnisse schlagen deutlich zu Buche. Auch Strafvollzugsbeamte brauchen mittlerweile eine besondere Ausbildung im Umgang mit den älteren Menschen. Dennoch empfinden die Insassen aus der fortgeschrittenen Altersgruppe hinter Gittern offenbar ein Gemeinschaftsgefühl, das sie "draußen" nicht empfinden.

Ich finde mein Leben im Gefängnis angenehmer. Es ist immer jemand da, und ich fühle mich hier nicht einsam. Als ich das zweite Mal rauskam, versprach ich, nicht zurückzugehen. Aber als ich draußen war, konnte ich nicht anders, als mich nostalgisch zu fühlen", äußert sich eine ältere Frau gegenüber Bloomberg.

Mehr zum Thema - Fotostrecke: Veralterung der japanischen Gesellschaft hinter Gittern

Doch es ist nicht nur die Einsamkeit, die ältere Menschen in Japan zu Verzweiflungstaten treibt. Experten zufolge ist vor allem auch die Altersarmut für die hohe Zahl an straffälligen Rentnern verantwortlich. Viele ältere Bürger sind Opfer der Wirtschaftskrisen, leiden unter der wirtschaftlichen Stagnation, haben kein geregeltes Einkommen und nur eine kleine Rente, die oftmals nicht zum Leben reicht.

In einer von langen Arbeitszeiten und enormem Leistungsdruck geprägten Gesellschaft können viele kaum auf Hilfe hoffen. Das in der Vergangenheit so dichte Netz der Familie ist mittlerweile löchrig geworden, der soziale Zusammenhalt nimmt ab. Viele junge Menschen zieht es seit Jahrzehnten weg von ihren Familien in die Metropolen. Viele Dörfer und Landstriche sind bereits heute entvölkert und vergreist.

Was Einsamkeit betrifft, leiden allerdings nicht nur die älteren Menschen in Japan. Es trifft auch immer mehr Männer im jungen und mittleren Alter. "Kodokushi" ist ein japanischer Ausdruck und bedeutet so viel wie "einsames Sterben". Er wurde schon in den 1980er-Jahren als Ausdruck einer zunehmenden Vereinsamung in Japan geprägt.

Laut Stand vom Jahr 2015 sterben allein im Großraum Tokio jährlich 3.000 Menschen an Einsamkeit. Zudem wird der Tod dieser Personen oft erst nach Monaten, manchmal sogar Jahren, bemerkt. Niemand vermisst sie. 

Das Land hat außerdem eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Aktuell bringt jede Frau im Schnitt 1,4 Kinder zur Welt. Es wären allerdings 2,1 Kinder nötig, um die Zahl der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Forscher der Universität Tokio haben einen Countdown eingerichtet, demzufolge in rund 642 699 Tagen in Japan nur noch ein einziges Kind geboren werden wird.

Tokio, die mit 35 Millionen Einwohnern größte Metropole der Welt, ist zugleich der größte Singlemarkt des Planeten. Der Anteil der Singlehaushalte hat 50 Prozent erreicht. 47 Prozent aller japanischen Männer und 35 Prozent aller Frauen zwischen 30 und 34 Jahren sind nicht verheiratet. Auch der Anteil derer, die nicht nur keine Beziehung, sondern auch keinen Sex haben, steigt seit längerem.

Verschiedenste Geschäftszweige haben sich seit langem darauf spezialisiert, die Japaner aus ihrer Einsamkeit zu holen. So unter anderem auch unzählige Partnervermittlungen, doch bislang ohne Erfolg.

Es scheint fast so, als hätten die Japaner beschlossen, auszusterben.

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