"Willkür und Vertuschung": RT-Deutsch-Interview zu amerikanischer Militärpräsenz auf Okinawa

"Willkür und Vertuschung": RT-Deutsch-Interview zu amerikanischer Militärpräsenz auf Okinawa
US-Marinesoldaten auf Okinawa, Japan, 15. September 2010
In einem Gespräch mit RT Deutsch schildert ein Einwohner Okinawas seine Eindrücke von der Präsenz der US-Soldaten. Das US-Militär sei sich selbst überlassen, es fehle an Führung. Traumatisierte Soldaten stellten eine Gefahr dar und Unfälle würden vertuscht.

Okinawa ist ein Idyll fernab der japanischen Hauptstadt Tokio. Für Anwohner wie Tamio Ota, Journalist und Filmemacher auf Okinawa, stellt die starke Präsenz von US-Amerikanern eine Gefahr für das fragile Ökosystem Okinawas und für die Sicherheit der Menschen dar. Gegenüber RT Deutsch gibt er seine Erfahrungen wieder.

Herr Ota, bitte schildern Sie uns Ihre Erfahrungen in Bezug auf die Präsenz der US-Soldaten auf der Insel. 

Ich bin sehr besorgt. Ich habe das Gefühl, dass das Militär, speziell die Marines, nicht unter einer zivilgerichtlichen Kontrolle stehen. Sie sind sich selbst überlassen. Es wird sehr gefährlich. Ich habe das Gefühl, dass das Militär sich selbst kontrolliert. Es gibt nicht einmal Anweisungen aus Washington. In jedem demokratischen Land bedarf es einer zivilen Kontrolle. Wenn man eine nicht den allgemeinen Gesetzen unterworfene Präsenz in irgendeinem fremden Land hat, wird es sehr gefährlich. 

Der abgestürzte Transporthelikopter der US-Armee CH-53E im Dorf Higashi auf Okinawa, Japan 12. Oktober 2017.

Flugunfälle auf Okinawa - Verdacht der Vertuschung 

Einen der jüngsten Unfälle mit einem Osprey-Hubschrauber konnte Herr Ota von seinem Haus aus beobachten. Auf den Unfall folgte jedoch ein Versuch der Vertuschung. Aufseiten der Bevölkerung Okinawas ist das Vertrauen in das amerikanische Militär seither noch stärker gesunken. Tamio Ota sagt dazu:

Sie veröffentlichen keine Ergebnisse zu den Nachforschungen über die Absturzursache. Sie [die US-Soldaten] haben das Gebiet auch mit abgereichertem Uran kontaminiert. Das Militär vertuschte es. Es gab keine Nachforschungen, denke ich. Sie riegelten das gesamte landwirtschaftliche Gebiet ab. Sie wussten, dass diese Kriegsmaschinen abgreichertes Uran verwenden. Sie haben das ganze Gebiet verschmutzt. Die Erde trugen sie ab und transportierten sie in einem Militär-LKW weg von der Unfallstelle. Ob Berichte nach Washington gehen, weiß ich nicht. Sie vertuschen etwas, vielleicht sogar vor Washington. Erst sollte es Nachforschungen geben und dann sollten sie doch die Erlaubnis haben, weiterzufliegen. Keine Resultate, keine weiteren Ergebnisse. Der General des Marine Corps sagte, es sei eine fantastische kontrollierte Landung gewesen. Aber tatsächlich war es ein Absturz. Am nächsten Tag flogen sie trotz allem wieder und niemand spricht darüber. An dem Tag gab es sogar zwei Abstürze. Die Osprey-Maschine, die in Futenma abstürzte, flog über mein Haus hinweg. Ich sah sie. Die Maschine gab seltsame Geräusche von sich. Wir haben das Gefühl, dass das Militär etwas vor uns verbirgt.  

Traumatisierte US-Soldaten suchen Trost im Alkohol und gefährden die Bevölkerung

Ein weiterer tödlicher Autounfall durch einen angetrunkenen US-Soldaten hat mittlerweile zu einem Verbot von Alkoholkonsum für die Angehörigen der Truppe geführt. Auch Ota hat sich zum Alkoholproblem junger US-amerikanischer Soldaten, die aus dem Krieg nach Okinawa kommen, seine Gedanken gemacht: 

Eine der Aktivistinnen auf Okinawa führte eine eigene Studie zum Thema japanischer Frauen und US-Soldaten durch. Man muss verstehen, dass die USA im Krieg sind. Hier gibt es viele junge Männer [unter den US-Soldaten] und wenn sie aus dem Nahen Osten zurückkehren, leiden sie unter posttraumatischen Belastungsstörungen, die sie versuchen, im Alkohol zu ertränken. Sie sind sehr stark dem Alkohol verfallen und können sich selbst nicht mehr kontrollieren. Meiner Meinung nach ist es eine Gefahr, dass dies keine fröhlichen Trinker sind. Sie haben psychische Störungen. Sie gehen nicht nach draußen mit ihren Freunden, um eine gute Zeit zu haben und gemeinsam zu trinken. Sie trinken in ihren Baracken und Wohnungen und stellen dann, wenn sie hinausgehen, eine Gefahr dar. Neben dem jungen Mann, der einen Japaner durch Trunkenheit am Steuer umbrachte, gab es vor einigen Tagen auch eine Soldatin, sie war 20 Jahre alt und saß betrunken am Steuer eines Militärjeeps, den sie steuerte. Sie wurde festgenommen. 

Luftbild des US-Stützpunkts Camp Schwab, Henoko in Nago, auf Okinawa, Japan, 11. März 2010.

Ist es gefährlich, ein Aktivist auf Okinawa zu sein? 

Ja, ist es. Ich hatte gerade erst eine Auseinandersetzung. Die Demonstranten hielten mich für einen Menschen mit rechter Gesinnung, denn diese Leute zeichnen die Aktivisten auf und geben sie der Öffentlichkeit preis. Auch ich filmte. Wir hatten einen tibetischen Journalisten eingeladen und wollten ihm einen Eindruck von der Situation in Okinawa vermitteln. Da es den Tibetern um den Frieden geht, brachten wir ihn zur Basis Henoko [hier finden regelmäßig Demonstrationen der Anwohner gegen die Präsenz der Amerikaner statt; RT]. Die Aktivisten wollen und müssen sich schützen. 

Was unternimmt die Regierung Okinawas, um die Lage für die Anwohner zu verbessern? 

Es ist schwer für die ausländischen Medien, an den Gouverneur Okinawas, Herrn Onaga, heranzukommen. Er spricht nur mit der Regionalpresse. Wenn sich die ausländische Presse an ihn wendet, reagiert er sehr negativ. Er ist für die Menschen nicht erreichbar. Immer heißt es, er sei zu beschäftigt. Aber er spielt seinem Volk nur was vor. Er unternimmt nichts zur Änderung der Lage. 

Wir bedanken uns für das Gespräch. 

Die Menschen wissen nicht, dass die Vorkomnisse nicht über die Insel hinaus bekannt sind. Es ist sehr wichtig, dass auch im Ausland darüber berichtet wird. 

Das Interview führte RT-Deutsch-Redakteurin Olga Banach.