US-Truppen hielten bei Afghanistan-Einsatz Kinder-Missbrauch jahrelang für kulturelle Normalität

US-Truppen hielten bei Afghanistan-Einsatz Kinder-Missbrauch jahrelang für kulturelle Normalität
Afghanische Kinder in Kabul, Afghanistan, 11. April 2017
Jahrelang hielten in Afghanistan stationierte US-Soldaten den sexuellen Missbrauch von Kindern für in der afghanischen Kultur gemeinhin akzeptiert. Entsprechend ignorierten die Soldaten immer wieder Übergriffe an Kindern durch afghanische Sicherheitskräfte.

Erst vor zwei Jahren hat das US-Verteidigungsministerium US-amerikanische Soldaten darüber aufgeklärt, dass sexuelle Handlungen an Kindern auch in Afghanistan nach geltendem Gesetz unter Strafe stehen. Aus einem Bericht des Pentagon geht hervor, dass erst, nachdem Medien über Untätigkeit amerikanischer Truppen in Anbetracht von Übergriffen auf Kinder berichtet hatten, dieses Thema auch auf die Tagesordnung der Streitkräfte gelangte. 

Der Irak war 2016 am stärksten von Terror betroffen. Auf dem Bild: Angehörige der Terrormiliz IS exekutieren einen Regierungsbeamten im April 2016. Dieser wurde zuvor auf einem Kontrollposten gefangen genommen. Das Bild stammt aus einem IS-Propagandavideo.

Aus dem Bericht geht hervor, dass die Meldung von Verbrechen dieser Art nicht Teil der Agenda des Truppeneinsatzes war: 

In einigen Fällen erklärten die Befragten, dass sie oder Personen, die sie kannten, gesagt bekommen hätten, man könne nichts gegen sexuellen Missbrauch an Kindern unternehmen, dass dies nicht zu einer Priorität des Kommandos zähle, dass es das Beste sei, diese Vorgänge zu ignorieren und die Sache der regionalen Polizei zu überlassen. 

Im Bericht geht es vor allem um sexuelle Gewalt gegen afghanische Jungen. Der Begriff "Bacha bazi" auf Dari beschreibt die "Unterhaltung" durch Jungen oder junge Männer und auch den Missbrauch durch Erwachsene. Oft geht dies mit sexueller Sklaverei und Kinderprostitution einher. Die Regierung in Afghanistan kämpft offiziell gegen diese Praktiken, aber oftmals sind die Verbrecher selbst ranghohe Militärs oder Mitglieder von Regionalregierungen und Stämmen.

Lustknaben als alltägliche Erscheinung bis in die höchsten Institutionen

Die betroffenen Jungen werden als Frauen verkleidet und sollen durch Tänze die Männer unterhalten. Eine Studie der NGO Hagar International aus dem Jahr 2014 hatte zum Ergebnis, dass einer von zehn afghanischen Jungen in seinem Leben mindestens einmal Erfahrung mit Kidnapping und sexuellem Missbrauch gemacht habe. Zudem ist es oft die Armut, die Jungen in die sexuelle Sklaverei treibt. Die Erwerber der tanzenden Jungen zahlen an die verarmten Familien für den Besitz ihres Sohnes. Zu einer Anzeige bringen die versklavten Jungen die Kriminellen nur selten. Ihnen fehlt es an Geld und Einfluss und sie sind es, die letztlich mit einer Gefängnisstrafe rechnen müssen. Ein Entkommen wird ihnen nicht zuletzt durch verwehrte Ausbildung unmöglich gemacht. Besonders in den Bereichen des Militärs, der Polizei und in Kreisen der Regierung kommt die Praktik noch immer vor. 

(Symbolbild) Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche war ein lange weitgehend ignoriertes Geschehen. Seit Mitte der 1990er Jahre erhält es weltweit größere öffentliche Aufmerksamkeit. Der Großteil sexueller Missbrauchsfälle findet jedoch außerhalb kirchlicher Institutionen statt.

Die kulturellen Anweisungen der US-Armee an die Soldaten zum Einsatz in Afghanistan hatten auf mögliche Frustration infolge kultureller Differenzen hingewiesen. In diesem Zusammenhang war auch von Pädophilie die Rede, der die Soldaten in ihrem Einsatzgebiet begegnen könnten. Eine Anleitung zum Handeln im Falle einer Beobachtung von Missbrauch oder Missbrauchsversuchen gab es jedoch es nicht. 

Genaue Anzahl der Fälle nicht bezifferbar

Seit 2011 wies die Regierung in Washington die US-amerikanischen Soldaten dazu an, bei ihren Einsätzen Verletzungen von Menschenrechten zu melden. Sexuelle Verbrechen an Kindern zählten jedoch nicht dazu. Zwischen 2010 und 2016 wurden entsprechend nur 16 Fälle des Kindesmissbrauchs beim Pentagon gemeldet. Ein fehlender Mechanismus zum Umgang mit diesen Erscheinungen machte auch die Ermittlung einer genauen Zahl an damit verbundenen Straftaten unmöglich. Erst im September 2015 gab die US-Armee ein Handbuch heraus, das auch Verhaltensregeln im Fall der Beobachtung pädophiler Übergriffe enthielt.