Behaltet euren Müll: China will Importverbot für westlichen Plastikabfall

Behaltet euren Müll: China will Importverbot für westlichen Plastikabfall
Ein illegaler Recycling-Betrieb in Nanchang, China
Bislang galt China als Eldorado für die Entsorgung westlichen Wohlstandsmülls. Jetzt kündigte Peking an, den Import von 24 Abfallarten zu untersagen. Dies würde bedeuten, dass westliche Industrienationen auf ihrem Müll sitzen bleiben. EU- und US-Exporteure erwarten Milliardenverluste.

Plastik. Was einst als Werkstoff der Zukunft galt, gerät immer mehr zum Synonym für den Preis, den die Menschheit für die industrielle Nutzung des billigen und widerstandsfähigen Kunststoffs zu zahlen hat. Der größte Teil des Plastikmülls, der etwa in die Meere gelangt, stammt demnach hauptsächlich aus Asien. Europa wiederum exportiert seinen eigenen Plastikmüll bevorzugt nach Asien.

Auf dem Weg auf die Seidenstraße: Chinas Regierungschef Xi Jinping zusammen mit den anderen Teilnehmern am Belt and Road Forum in Peking, 15. Mai 2017.

Vor allem China tut sich hierbei als weltweit größter Müll-Importeur hervor. Wie die gesamte Plastikproduktion hat sich in den letzten Jahren auch das Recyceln des Werkstoffes nach Asien, allen voran China, verschoben.

Wie der Rat für nachhaltige Entwicklung in einem Bericht feststellte, liegt der Anteil der „stofflichen Verwertung von Plastikabfällen“ etwa in Deutschland bei lediglich zwölf Prozent. Schätzungen gehen davon aus, dass vom allgemeinen Anteil des neu hergestellten Plastiks, nur etwa fünf Prozent recycelt werden. Der gesamte Rest wird entweder nach China exportiert oder landet in Müllverbrennungsanlagen. Dies entspricht mehr als 50 Prozent des weltweiten Plastikmülls, wodurch China zum weltgrößten Importeur aufstieg. Folglich sind es auch die westlichen Wohlstandsnationen, die für die Verseuchung der Weltmeere und Flüsse Asiens mitverantwortlich sind. Die entsprechende Entwicklung stellt das Reich der Mitte vor enorme Herausforderungen.

Die EU gilt als Hauptexporteur von Plastikmüll, von dem nach Informationen des Scientific American 87 Prozent über Hongkong nach China gelangen. So stammten von den 2016 insgesamt 7,3 Millionen Tonnen nach China exportierten Plastikabfällen 1,6 Millionen Tonnen aus Staaten der EU. Wenn es nach dem Willen der chinesischen Regierung geht, soll dieser Entwicklung nun jedoch ein Riegel vorgeschoben werden. So teilte Peking der Welthandelsorganisation (WTO) bereits im Juni mit, dass man gedenke, den Import von insgesamt 24 Abfallarten bis zum Jahresende zu untersagen.

Mehr zum Thema: EU einigt sich auf neues Schutzsystem gegen Billigimporte aus China

Die Kampagne gegen „yang laji“ (ausländischer Müll) bezieht sich dabei auf Metall- und Elektroschrott, Plastiksorten wie PET, PVC, Polyethylen oder Polystyrol, Mischpapier und Kunststoffschlacke. Die staatliche Initiative soll demnach durch das Recyceln eigener Waren zu einer starken Reduzierung der entsprechend importierten Güter führen.

Doch nicht nur Europa ist demzufolge betroffen, denn auch die USA und Japan sind auf China als Abnehmer ihres Plastikmülls angewiesen. Die Entscheidung Chinas wird daher schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Derzeit gibt es keine politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen, um auf die einschneidende Entscheidung Pekings zu reagieren. Wohin also mit all dem Müll wird die Frage lauten, wenn die praktische Maxime des „aus den Augen aus dem Sinn“ keine Zukunft mehr hat. Welche Alternativen existieren, wenn China als lukrativer Markt für den eigenen Müll ausfällt, und der Müll die Umwelt dort belastet, wo die entsprechenden Produkte gekauft und verwertet werden? Auf diese Frage gibt es bislang keine befriedigende Antwort.

Eines scheint jedoch sicher, dem lukrativen Geschäft mit dem toxischen Müll stehen schwere Zeiten bevor. Das Institute of Scrap Recycling Industries (ISRI) verwies auf mögliche wirtschafts- und arbeitsmarktspezifische Implikationen:

Mit einem Gesamtwert von über 5,6 Milliarden US-Dollar, den die USA im vergangenen Jahr (2016) an Müll nach China exportierten, ist der Handel mit (…) Metallen, Papier und Plastikarten zwischen den Vereinigten Staaten und China von kritischer Wichtigkeit für die Gesundheit und den Erfolg der in den USA beheimateten Recycling-Industrie. Im Fall der Umsetzung wird das Importverbot zum Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen und dem Bankrott vieler Recycling-Unternehmen in den gesamten USA führen."

Die ISRI-Offizielle Adina Adler spricht in diesem Zusammenhang von aufkommender Panik:

Auf kurze Sicht werden wir einen signifikanten Rückgang der Exporte aus den USA nach China sehen, und es gibt eine gewisse Panikstimmung auf dem Markt. (…) Ein Importverbot von Schrott und Abfällen nach China wäre katastrophal für die Recycling-Industrie."

Dies auch in Anbetracht der Tatsache, dass Müll und Schrott an sechster Stelle aller Exporte aus den USA nach China stehen. Bislang existieren in den Vereinigten Staaten kaum Möglichkeiten dafür, den anfallenden Elektroschrott und Plastikmüll im eigenen Land der Wiederverwertung zuzuführen. Dies liegt auch daran, dass es bis dato billiger war, den Industrieabfall nach China zu verschiffen, als diesen etwa von Los Angeles nach Chicago zu transportieren.

Da bislang Unsicherheit darüber herrscht, wann die chinesische Regierung das Importverbot implementieren wird, herrschen in der Industrie derzeit Unsicherheit und Verwirrung:

Die Verwirrung, die das mit sich bringt, verursacht genauso viel Schaden für unseren Markt wie die politische Richtlinie selbst“, erklärte etwa Kevin Duncombe, Präsident des US-Recycling-Unternehmens Western Pacific Pulp and Paper.

Die Organisation ISRI kündigte denn auch bereits an, die Müll-Initiative Chinas zu bekämpfen:

China ist mit einer Umweltkrise konfrontiert, und sie müssen daher etwas tun, aber wir stimmen nicht damit überein, dass dies durch die Einführung eines Banns erfolgen sollte“, erklärte Adina Adler.

Im Jahr 2016 sorgte der Film "Plastic China" des chinesischen Regisseurs Jiuliang Wang auf internationalen Filmfestivals für Furore. Der Film behandelt das Leben der 11-jährigen Yi-Jie. Deren Familie lebt von und im Plastikmüll einer chinesischen Stadt. Der Film behandelt die Auswirkungen des Recycelns von Plastikmüll auf die Gesundheit und das Leben der Familie des jungen Mädchens und sie selbst. Die Produktion versteht sich aber auch als Metapher für den Preis, den China für seinen wirtschaftlichen Aufstieg zahlt. So wird der rasante Aufstieg Chinas mit dem Effekt plastischer Chirurgie verglichen - eine auf vielen Ebenen schön anzusehende Fassade, hinter der sich etliche fragile Entwicklungen mit ungewissem Ausgang verbergen.