RT-Deutsch-Interview: Lernen von der Architektur Pjöngjangs für die Stadt von Morgen

RT-Deutsch-Interview: Lernen von der Architektur Pjöngjangs für die Stadt von Morgen
Nachbau eines nordkoreanischen Balkons im Rahmen der Architektur-Biennale in Seoul, Südkorea, September 2017.
Dongwoo Yim will Nordkorea den Menschen im Süden zugänglich machen. Der Architekt brachte zwei Bücher zu urbanem Leben heraus und entwarf eine viel bestaunte, begehbare Ausstellung zur Architekturbiennale mit. Diese soll Pjöngjang als Stadt erfahrbar macht.

Dongwoo Kim ist ein südkoreanischer Architekt, der sich mit nordkoreanischer Architektur befasst und an der Harvard-Universität seinen Master in Architektur absolviert hat. Seine Forschung auf dem Gebiet der Architektur konzentriert sich auf den Urbanen Raum. Er glaubt, dass auch die hiesige Architektur von jener im so fern erscheinenden Nordkorea lernen kann. Die Inspiration zu seiner begehbaren Ausstellung erhielt er durch eine Ausstellung zu Zagrebs Wandel, die in den USA gastierte. Sie brachte ihn auf die Idee, sich mit Nordkorea zu beschäftigen. In Südkorea will er auf diese Art auch die Sichtweise auf Pjöngjang verändern. 

RT Deutsch sprach mit dem Architekten.

Dongwoo Yim: In Südkorea sehen wir [Pjöngjang] nicht als sozialistische Stadt. Wir sahen sie als eine verzerrte Version, besonders für Südkoreaner, weil wir eine politische Haltung zu Nordkorea halten. Viele Menschen denken nicht an Pjöngjang als reguläre Stadt. Also sehen es die Menschen als Stadt für den Diktator. Auf eine Art ist dies richtig, was ich aber feststellte, ist, dass es hier mehr gibt. Und dies ist die Perspektive, die ich in meine Forschung und Studie miteinbeziehen möchte: wie die Idee einer sozialistischen urbanen Planung anders als die von westlichen Städten ist. Mir wurde deutlich, dass Pjöngjang eine einzigartige Möglichkeit hatte, um die Idee der urbanen Planung umzusetzen. Verglichen mit anderen Städten mussten diese sich mit dem auseinandersetzen, was zuvor war, aber der Krieg hat die Stadtstruktur vernichtet und so konnte Pjöngjang neu aufgebaut werden. Eine einmalige Chance. Dies ist die Art, auf die ich mir dachte, die Stadt zu sehen und dies hat mein Interesse an Pjöngjang vor zehn Jahren geweckt. 2011 habe ich mein erstes Buch herausgebracht.

Erzählen Sie uns mehr zu Ihren Projekten mit Bezug auf Nordkorea. 

Neben dem "Korea-Atlas" und einem neuen Buch gibt es derzeit eine Ausstellung in Seoul mit dem Titel "Unprecedented Pjöngjang" [Noch nie dagewesenes Pjöngjang/Pjöngjang Sallim]. Meine Perspektive bei all den Projekten ist es, die Stadt als Stadt ohne politische Haltung zu verstehen. Ich analysiere physisch und nicht politisch. 

Es hat mich nur fünf Minuten Überlegungszeit gekostet, um [zur Architektur-Biennale in Seoul] ein Modellhaus zu erstellen. In Südkorea sind Modellhäuser der normale Weg, wenn man ein neues Apartment erwirbt. Erst wird ausgestellt, dann gebaut. 

Schlafzimmer wie in Pjöngjang zur Ausstellung der Architekturbiennale in Seoul, Südkorea.

Die Gegenwart Nordkoreas existiert in unserem Leben nicht, daher habe ich mich für das begehbare Apartment entschieden.

Was ist der Unterschied zwischen einem Apartment in Seoul und einem in Pjöngjang? Wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, weil es ein Wohnraum ist und wir in diesem Lebensraum eine gemeinsame Kultur teilen, sie ist sich sehr ähnlich, außer in den Jahren der Trennung. Diese Lebensweise entstammt Tausenden von Jahren. Wenn man die Wohnung betritt, muss man seine Schuhe ausziehen und einen Schritt nach oben machen. Die Toiletten haben einen Boden, der waschbar ist, man muss vom Wohnzimmer aus einen Schritt nach unten machen. Das ist typisch, für Nord- und Südkorea. Sogar das Layout des Apartments ist gleich, das Wohnzimmer ist immer ein zentraler Punkt zu allen Zimmern. 

Wohnzimmer wie in Pjöngjang zur Ausstellung der Architekturbiennale in Seoul, Südkorea.

Natürlich gibt es auch Unterschiede: die Materialien, die Art, wie sie ihre Wohneinheiten dekorieren, aber wenn Südkoreaner sich durch die nordkoreanische Wohnung bewegen, dann denken sie, es gibt ein paar überholte Elemente, aber es ist eine koreanische Wohnung. 

Ein Unterschied ist der Balkon. 

Balkon wie in Pjöngjang zur Ausstellung der Architekturbiennale in Seoul, Südkorea.

In Südkorea sind die Balkone innenliegend mit Glas verkleidet, damit man den Raum als Innenraum nutzen kann, weil Raum rar ist. Aber in Nordkorea nutzt man diesen noch als offenen Balkon. Manchmal werden die dort lebenden Menschen angewiesen, Blumen aufzustellen, weil man die Balkone von außen einsehen kann. 

Der russische Politiker und Medienmacher Puschkow verglich Nordkorea mit einem pharaonischen Kult. Wie findet die Zuneigung zum nordkoreanischen Regierungsführer seinen Weg in die Architektur und in den Lebensraum? 

Ich denke, dass das Bild des Regierungsführers ein zentrales Element in den Apartments von Pjöngjang ist. Aber wir wissen auch nicht, wie die Wirklichkeit aussieht. Diejenigen, die wir sehen, sind sichtbar für die Öffentlichkeit, ob es einem gefällt oder nicht. Wegen der Restriktionen in Südkorea durften wir nur ein schemenhaftes Bild der beiden Regierungsführer [Nordkoreas] aufhängen, weil es illegal ist, solche Porträts aufzuhängen. Auch für die nordkoreanische Flagge konnten wir keine Erlaubnis erhalten. Ich hoffte, dass jemand fragen würde: Warum können wir nicht deren Bilder zeigen? Wenn jemand diese Frage stellt, wird er/sie begreifen, dass es nicht nur um Nordkorea geht, sondern auch um Südkorea. Meiner Meinung nach sollte es keine Restriktionen geben, insbesondere nicht in einer Ausstellung. Es gab viel Kritik an der Ausstellung. 

Wohnzimmer wie in Pjöngjang zur Ausstellung der Architekturbiennale in Seoul, Südkorea.

Können Sie uns einige Kommentare zur Ausstellung nennen? 

Es ist positiv, dass wir soviel Kritik bekommen haben. Die Ausstellung ist recht populär. Wir hatten bisher mehr als 10.000 Besucher. Wir haben uns sehr bemüht, Erklärungen zum Inhalt auszustellen, aber das interessiert die Leute nicht. Die meisten finden es cool und ziehen keine Vergleiche zwischen Südkorea und Nordkorea. Die meisten sehen es als eine Wohnung in einem anderen Land an. 

Was sind unsere gemeinsamen Problem im urbanen Lebensraum? Wie können wir diese durch die Architektur lösen? 

Sie [Nordkorea] haben damit begonnen, sich von der Idee des "microdistrict" [Lebenswelt im Kleinen] zu verabschieden. Dies ist eine Form der urbanen Planung, in welcher die Umgebung mit Kindergärten, Schulen, allem ausgestattet ist, was man braucht, aber jetzt haben sie mit Wohntürmen begonnen und einigen kommerziellen Gegenden, was sehr typisch für kapitalistische Gesellschaften ist. Es könnte neue Modelle geben, die die Idee des "Microdistrict" erhalten. Sie haben sich davon verabschiedet, weil diese nicht mehr profitabel sind. Aber ich denke dennoch, dass es gute Aspekte dieser Bauweise gibt. Deshalb bedaure ich die jüngsten Entwicklungen [in Pjöngjang]. Was ich an "Microdistricts" mag, ist, dass sie eine lokale Gemeinschaft schaffen, es gibt eine Beziehung zwischen den Produzierenden und den Kaufenden. Die soziale Kette kann durch die Gemeinschaft verbessert werden. Die Nachbarschaft kann sich um die Versorgung der Kinder kümmern. Dies ist etwas, was wir in Südkorea verloren haben. Alles ist privatisiert. Wir verlieren die Idee der Gemeinschaft und Nachbarschaft. In Südkorea haben wir keinen Platz, aber wir können es im Kleinen übernehmen. In Nordkorea werden Dinge in größerem Umfang umgesetzt. Die Idee der sozialistischen Stadt wird wieder populärer. Jetzt reden wir über urbanes Anbauen, aber im vergangenen Jahrhundert konnten wir dies nicht. Alles drehte sich um die Massenproduktion. Es war mit der vorherigen Technologie nicht vereinbar, aber jetzt ist eine gute Zeit, um diese Idee wieder in unsere Städte zu bringen.

Architekt Dongwoo Yim

Wie sehen Sie ihre Rolle als Architekt im Bezug auf Nordkorea und die Krise?

Meine Rolle als Architekt ist es, darüber nachzudenken, wie wir mit Pjöngjang ohne den Gedanken der Wiedervereinigung umgehen können. Egal, ob es diplomatische Probleme geht: Tatsache ist, dass Pjöngjang sich wandelt. Es geht nicht um Politik, sondern um das Verständnis für das Leben der Menschen. Wenn wir dies nicht als eine Möglichkeit für uns sehen, werden wir nicht gelassen. Wir müssen einen Weg finden, um zu kollaborieren und in den Wandel miteinbezogen zu werden. Jedes Mal, wenn ich eine Vorlesung halte, ist die erste Frage die nach der Wiedervereinigung. Die Südkoreaner stehen so unter Druck. Also denke ich, es ist meine Aufgabe, ihre Perspektive zu erweitern. Sie sollten an Nordkorea als eines ihrer Nachbarländer denken. 

Ich denke nicht, dass die Südkoreaner sehr sensibel gegenüber den Spannungen sind. In einer Gesellschaft voller Wettbewerb kümmert man sich um anderes. Der Hauptgrund ist, dass es seit mehr als 20 Jahren so ist. Jedes Mal heißt es, es gibt ernsthafte Spannungen. Wenn dies immer wieder der Fall ist, wird man irgendwann taub. Wir hatten diese Spannungen immer und die Südkoreaner denken, dass schon nichts Schlimmes passieren wird. Ein Teil dieser Ignoranz ist auch Hoffnung. 

Wir bedanken uns bei Ihnen für das Interview.

Das Interview führte die RT-Deutsch-Redakteurin Olga Banach.