Rohingya in Myanmar als Spielball der Macht: Christen würden mehr Aufmerksamkeit im Westen kriegen

Rohingya in Myanmar als Spielball der Macht: Christen würden mehr Aufmerksamkeit im Westen kriegen
Über das Schicksal der muslimischen Rohingya in Myanmar und die Hintergründe des Konflikts ist im medialen Mainstream Deutschlands nur wenig bekannt. Zuletzt kamen Berichte über einen Genozid auf und dass zehntausende Menschen in das benachbarte Bangladesch fliehen mussten. RT Deutsch sprach mit dem Direktor der Gesellschaft für bedrohte Völker Ulrich Delius.

Von Ali Özkök

Die muslimische Minderheit der Rohingya in Myanmar werden in einem Machtkampf zwischen der einflussreichen Armee und der Regierung unter der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi regelrecht aufgerieben. Sie sind die am meisten verfolgte muslimische Gruppe der Welt.

RT: Warum vertreibt Myanmar die Rohingyas und welche Akteure stehen konkret hinter dieser Initiative?

Völker Ulrich Delius: Die Rohingya sind Spielball in einem Machtkampf zwischen Militär und ziviler Regierung unter Staatsrätin Aung San Suu Kyi. Die Armee setzt auf mehr Repression und Gewalt gegen Rohingya, um deutlich zu machen, dass Myanmars Regierung auf das Militär angewiesen ist, um mehr Chaos und Krieg in dem Land zu verhindern. Ihr grausames Kalkül geht durchaus auf, weil nun aus dem Nichts eine bewaffnete Gruppe von Rohingya entstanden ist, die mit ihrer Gewalt der Armee den Vorwand liefert, gewaltsam gegen bewaffnete Rohingya und die Zivilbevölkerung vorzugehen.

Eigentlich geht es dabei aber nicht um die Rohingya. Sie werden von der Armee im Machtkampf mit Aung San Suu Kyi um die Kontrolle des Landes nur instrumentalisiert, um der Friedensnobelpreisträgerin deutlich zu machen, dass sie ohne das Militär nicht regieren kann und sie jeden Versuch unterlassen soll, das Militär weiter aus der politischen Verantwortung zu drängen oder die Demokratisierung Myanmars voranzutreiben.

Regierungsvertreter von Myanmar sprechen regelmäßig von „islamistischen Terroristen“, die sich unter den Rohingyas verstecken. Was halten Sie von diesen Anschuldigungen?

Rohingya-Flüchtlinge in Kutupalong, Bangladesch; 21. Februar 2017.

Der Vorwurf des "islamistischen Terrorismus" ist irreführend. Es ist eine hausgemachte Gewalt, für deren Entstehen Myanmars Regierung und Militär entscheidend verantwortlich sind. Der Aufstand hat nichts primär mit Islamismus zu tun und diese Eskalation der Gewalt war auch schon länger voraussehbar. Denn dass Rohingya nun zu den Waffen greifen, ist nur eine Reaktion auf die massive Gewalt der Armee gegen die Zivilbevölkerung im Rakhine Staat.

Rohingya haben sich immer distanziert von islamistischen Terrorbewegungen wie den Taliban oder dem IS. Dass Staaten wie der Iran oder islamistische Bewegungen versuchen, die Verfolgung und das Leiden der Rohingya für sich politisch zu instrumentalisieren, kann den Rohingya nicht angelastet werden. Sie sind nur die am meisten verfolgte muslimische Gruppe der Welt, so dass ihr Schicksal in den muslimischen Staaten besonders aufmerksam verfolgt wird.

In deutschen Medien ist nur wenig vom Schicksal der muslimischen Minderheit zu lesen. Auch scheint es international kaum Bewegung zu geben in dieser Angelegenheit. Wie erklären Sie sich die Passivität?

Es gibt viele Gründe, warum das Engagement und Interesse an der Lage der Rohingya in den EU-Staaten geringer ist als in muslimischen Ländern. Viele Regierungen von EU-Staaten befürchten, dass der Rohingya-Konflikt dazu führen wird, dass die Demokratisierung Myanmars scheitert und die Armee sich gegen die zivile Regierung durchsetzt. Lange schwieg man deshalb öffentlich zum kläglichen Umgang von Myanmars Regierung mit dem Rohingya-Konflikt, obwohl man genau über die Hintergründe informiert war und oft auch die kritische Analyse von Menschenrechtsorganisationen teilte. So wollte man Aung San Suu Kyi nicht noch mehr öffentlich kritisieren und bloßstellen. Erst als Myanmars Behörden UN-Menschenrechtsexperten die Einreise verweigerten, äußerten sich auch die EU-Staaten sehr kritisch.

Eine verfolgte christliche Minderheit würde sicherlich mehr Aufmerksamkeit in Deutschland finden. Dass Muslime auch wegen ihres Glaubens verfolgt werden, ist für viele Menschen in Mitteleuropa offensichtlich nicht so leicht nachvollziehbar. Aber es gab auch hier Momente, wo das Leid der Rohingya große Aufmerksamkeit bekam. So waren die Schlagzeilen deutscher Medien im Mai 2016 auch den Rohingya gewidmet, als der Exodus von Rohingya-Boatpeople eskalierte und südostasiatische Nachbarländer den Verfolgten die Aufnahme verweigerten.