"Machtdemonstration ohne Macht" - Lawrow: Neue US-Kriegsstrategie in Afghanistan ist eine Sackgasse

"Machtdemonstration ohne Macht" - Lawrow: Neue US-Kriegsstrategie in Afghanistan ist eine Sackgasse
Durch Taliban zerstörte Humvees der afghanischen Armee in der Provinz Helmand
Die neue US-Strategie in Afghanistan hat keine Chance auf Erfolg. Sie ist vor allem auf den Einsatz von Gewalt angewiesen, kritisierte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Experten aus Pakistan halten den Krieg im Gespräch mit RT Deutsch für verloren.

von Ali Özkök

"Der Schwerpunkt der neuen Strategie, die von Washington angekündigt wurde, liegt auf die Beilegung von Konflikten durch den Einsatz von Gewalt", sagte Lawrow auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. "Wir glauben, dass das ein Ansatz ist, der in eine Sackgasse führt."

RT Deutsch sprach mit dem Chefredakteur des pakistanischen Nachrichtensenders Samaa TV. Omar Quraishi, der die US-Bewegungen in Afghanistan kritisch betrachtet, gab den Anmerkungen Lawrows recht. Er sagte:

Die Gewalt in Afghanistan wird nicht enden. Ich gebe dem russischen Außenminister angesichts der jüngsten Entscheidungen der USA unmissverständlich Recht. Es gibt keine militärische Lösung in Afghanistan. Das weiß sogar die afghanische Regierung.

US-Strategie ermöglicht Verhandlungen mit Taliban ohne Vorbedingungen

Abgesehen davon ermögliche die neue US-Kriegsstrategie Verhandlungen mit den Taliban ohne irgendwelche Vorbedingungen. Das sei ein bedeutender Fehler, fügte Lawrow hinzu, denn es gefährde die einstimmige internationale Haltung des UN-Sicherheitsrates.

"Wenn ich die neue US-Strategie richtig verstanden habe, dann erlaubt sie die Kontaktaufnahme mit den Taliban, ohne dass diese irgendwelche Kriterien erfüllen müssen", merkte Lawrow an. "Ich glaube nicht, dass das im Einklang mit unserem gemeinsamen Interesse steht. Aber ich hoffe, dass wir im Rahmen der Experten-Kontakte mit unseren amerikanischen Kollegen in der Lage sind, diesen scheinbaren Widerspruch zu klären."

Lawrow betonte, dass der UN-Sicherheitsrat einen Verhandlungsprozess unter Zustimmung der Regierung Afghanistans mit den Taliban unter der Bedingung erlaubt, dass diese sich von terroristischen Verbindungen lossagen.

Zuvor unterstellte US-Außenminister Rex Tillerson Russland, Moskau habe Waffen an die Taliban geliefert. Am Montag warf Trump Pakistan vor, Terroristen einen sicheren Hafen zu gewähren.

Khalid Muhammed, der Generalsekretär des in Islamabad ansässigen Sicherheitsforschungsinstituts Command Eleven, das aus zahlreichen ehemaligen hochrangigen Offizieren der pakistanischen Armee zusammengesetzt ist, glaubt nicht, dass die USA es wirklich mit den Taliban in Afghanistan aufnehmen können. Deshalb gebe aus den USA widersprüchliche Angaben. Muhammed teilte RT Deutsch mit:

Die Taliban sind eine indigene militärische Kraft mit einer eingebetteten Ideologie. Sie besteht aus Afghanen in Afghanistan. Die USA können es sich nicht leisten, auf diese Weise die Bevölkerung zusätzlich gegen sich aufzubringen.

USA brauchen einen Ausweg ohne Gesichtsverlust

Auf der anderen Seite will insbesondere Trump nicht als Verlierer aus Afghanistan hervorgehen. Muhammed bemerkte:

International kann es sich Washington einfach nicht leisten, schwach auszusehen. Sie wollen sich nicht vor den Taliban beugen. Das, was wir gegenwärtig von den USA in Afghanistan sehen, ist eine Machtdemonstration ohne echte Macht. Die Taliban werden die USA immer und immer wieder in Afghanistan ausbluten lassen, bis die US-Armee in Schmach abzieht.

Präsident Donald Trump hat die neue Afghanistan-Strategie der USA am Montag auf der US-Militärbasis Myer-Henderson Hall bekanntgegeben. Trotz früherer Beteuerungen, aus Afghanistan abziehen zu wollen, scheint Trump nun eine ähnliche Politik wie seine Vorgänger-Präsidenten zu verfolgen. Er versprach, dass die US-Truppen "kämpfen werden, um zu gewinnen". Ein "eiliger Rückzug" würde nur Terroristen in die Hände spielen, behauptete Trump.

Entsendung von bis zu 4.000 weiteren Soldaten möglich

Gegenwärtig unterhalten die USA 8.000 Soldaten in Afghanistan. Laut den New York Times befinden sich weitere 4.000 Soldaten aus anderen NATO-Staaten zur Unterstützung der USA im Land. Infolge der Bekanntgabe einer neuen Kriegsstrategie könnte Washington weitere 4.000 Soldaten nach Afghanistan senden.

Der US-Präsident sagte, dass es nach einem effektiven Militärvorgehen vielleicht möglich wird, eine politische Beilegung zu erreichen, die "Elemente der Taliban in Afghanistan" beinhalte. US-Außenminister Rex Tillerson ergänzte wenig später, dass Washington bereit ist, "Friedensgespräche zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban ohne Vorbedingungen zu akzeptieren".

Der ehemalige Offizier in der pakistanischen Armee und Extremismusexperte Khalid Muhammed ist davon überzeugt, dass Afghanistan, sollten die USA wieder auf Gewalt setzen, noch tiefer ins "Chaos" sinken werde. Er sagte:

Die USA sollten Irak und Syrien vor den Augen haben. Waffengewalt führt zum massiven Tod von Zivilisten, Unruhen und dem Aufstieg des Islamischen Staates in einer Region mit zwei Nuklearmächten. Trump räumte ein, dass er Truppen nur entsendet, um 'Terroristen' zu töten.

Das beweise neben anderen Hinweisen, dass die US-Amerikaner nur ihr eigenes nationales Interesse im Sinn hätten. "Über die Belange der lokalen Bevölkerung wird nicht viel nachgedacht. Solange die USA ihr nationales Interesse bedienen, ist ein stabiles und funktionierendes Afghanistan zweitrangig", fügte der Generaldirektor von Command Eleven hinzu.