Auf Eskalationskurs: Kommt es zu einem neuen Korea-Krieg?

Auf Eskalationskurs: Kommt es zu einem neuen Korea-Krieg?
Ein Denkmal in Washington erinnert an den Korea-Krieg in den 1950er Jahren. Werden zukünftige Generationen Denkmäler eines neuen Korea-Krieges besichtigen können?
Die Kontrahenten Trump und Kim rasen auf Kollisionskurs aufeinander zu und keiner will abbiegen. Aber dieser Krieg wird für niemanden gut enden, sondern er verspricht Tod, Zerstörung und unermessliches menschliches Leid in absolut beispiellosem Ausmaß.

von Rainer Rupp

Zwei Drittel der US-Bevölkerung befürwortet inzwischen die Entsendung von US-Bodentruppen in einen neuen, potentiellen Korea-Krieg. Die Jahrzehnte lange Verteufelung Nordkoreas durch US-Politik und Mainstream Medien haben die US-Bevölkerung innerhalb von 25 Jahren vom einem entschiedenen Gegner eines neuen Krieges in Korea zu einem Befürworter gemacht. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage in den USA, die „The Chicago Council on Global Affairs“ vor dem Hintergrund der ungestümen rhetorischen Eskalation der Kriegsdrohungen zwischen US-Präsident Donald Trump und seinem nordkoreanischen Gegenspieler Kim Jong-un durchgeführt hat.

Ein Bildschirm in Tokio zeigt den Start einer nordkoreanischen Rakete, Japan 10. August 2017.

Im US-Militär gibt es ein Sprichwort: „Die Luftwaffe und Kriegsmarine macht keine Witwen und Waisen“. Das soll heißen: bei der US-Army, also bei den Bodentruppen hat es bisher immer die weitaus meisten Gefallenen und Verwundeten gegeben. Folglich war die große Mitte der US-Gesellschaft bei großen Kriegen stets direkt betroffen, siehe beispielsweise Vietnam. Daher hat die Frage nach dem Einsatz von US-Bodentruppen in Korea besondere Bedeutung. Im Jahr 1990 waren es nur 26 Prozent der US-Bürger, die bereit waren, das Leben von US-Bodentruppen wieder in Korea zu riskieren. In der aktuellen Umfrage waren es dagegen erstaunliche 62 Prozent.

Die Kriegsbereitschaft der US-Bevölkerung ist aktuell also erschreckend hoch. Das heißt, die öffentliche Meinung stellt für eine politische Entscheidung in Richtung Krieg kein Hindernis mehr dar, zumal das Kriegsgeschrei des Pentagon neue Dimensionen erreicht hat, die jegliche Stimme der Vernunft zu ersticken droht.

Nur wenige Stunden nach Trumps Drohung mit „Feuer, Wut und Gewalt“ am Dienstag vergangene Woche hat das Pentagon mit der Vorstellung eines spezifischen Plans für einen nicht nuklearen „Präventivangriff“ auf Nordkoreas Raketenanlagen, Atomkraftwerke und wichtige Infrastrukturziele ein neues Crescendo erreicht. In der Erklärung des „Pacific Airforces“ Kommandos vom 8. August heißt es, dass dieser Angriffsplan mit B-1 Bombern jeder Zeit in die Tat umgesetzt werden könnte. Sollte Präsident Trump einen solchen Angriff anordnen, könnte er „noch heute Nacht durchgeführt werden“. Jeder dieser B-1 Bomber kann pro Einsatz 152 Bomben mit je 500 Kilogramm Sprengstoff punktgenau ins Ziel bringen.

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Aber selbst der neo-konservative Falke, US Admiral a.D. Stavridis – ehemaliger Oberbefehlshaber der NATO-Streitkräfte Europa – hat diesen Plan lediglich als die beste von ausschließlich schlechten Optionen bezeichnet. Denn, so Stavridis: „Von allen militärischen Optionen, die Präsident Trump vorliegen, wäre das zumindest eine Möglichkeit, dass die Lage nicht weiter (nuklear) eskaliert“. Aber daran glaubt Stavridis nicht einmal selbst. Später sagte er gegenüber NBC-News, dass selbst im Fall eines konventionellen Angriffs „Kim Jong-un gezwungen sein würde zu reagieren“. Der Admiral führt aus:

Im Juli führte Nordkorea erstmals einen erfolgreichen Test mit einer ballistischen Interkontinentalrakete durch.

Er würde sich militärisch zumindest gegen Südkorea, und potenziell gegen weitentfernte Ziele, vielleicht auch gegen die US-Basis Guam richten. Insgesamt sind das nur schlechte Optionen, die uns zur Verfügung stehen.

Offensichtlich sind sich selbst knallharte Kriegstreiber der Tatsache bewusst, dass ein Krieg in Korea schwerwiegende und unberechenbare politische und ökonomische Konsequenzen nicht nur für die Region Ostasien, sondern auch für USA haben würde. In der Zeit enger, globaler wirtschaftlicher Verflechtungen, charakterisiert zum Beispiel durch die Abhängigkeit von „just in time“–Lieferungen, bei denen Südkorea eine wichtige Rolle in der Versorgungskette spielt, wären durch einen Krieg dort auch US-Interessen in Europa und zu Hause in Amerika betroffen.

China positioniert sich 

Zugleich hatte China am 11. August eine kalte Dusche für kriegsgeile US-Hitzköpfe parat. An dem Tag hat die „Global Times“, eine landesweit erscheinende Tageszeitung in englischer Sprache, die dem Organ der Kommunistischen Partei Chinas, Renmin Ribao, untersteht, in einem Leitartikel den US-Präsidenten in unzweideutiger Weise gewarnt, dass „China einen Regimewechsel in Nordkorea verhindern werden“. Weiter heißt es in dem Blatt:

Wenn die USA und Südkorea angreifen und versuchen sollten, das nordkoreanische Regime zu stürzen und die politische Struktur der koreanischen Halbinsel zu ändern, wird China sie davon abhalten, dies zu tun.

Zugleich aber warnt der Artikel aber auch die Führung in Pjöngjang, dass von China keine Unterstützung zu erwarten ist, wenn Nordkorea der Aggressor sein sollte.

Im Moment sind Nordkorea und die Trump-Administration in einem in den 1970er Jahren in den USA unter Jugendlichen weitbekannten „Game of Chicken“ engagiert. Bei diesem hochgefährlichen „Spiel“ rasen zwei Kontrahenten am Steuer eines Autos auf Kollisionskurs aufeinander zu. Wer zuerst abdreht, um den Zusammenstoß zu vermeiden, ist das „Hühnchen“ beziehungsweise der Angsthase. Nicht selten ging diese irre „Mutprobe“ mit schweren Verletzungen einher oder nahm gar ein tödliches Ende.

Mit fast schon kindlicher Freude goutiert Kim Jong-un den erfolgreichen Start einer Interkontinentalrakete.

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Aus Erfahrung: Nordkorea vertraut Zusagen der USA nicht

Diesmal scheinen Trump und Kim auf nuklearem Kollisionskurs aufeinander zuzurasen. Die Trump-Administration fordert vom Regime von Kim Jong Un, sein Atomwaffenprogramm aufzugeben und ist sogar bereit, im Gegenzug Pjöngjang ein Nichtangriffsversprechen zu geben. Für Nordkorea aber hat das keinen Wert, wie es bereits wiederholt unter Verweis auf Libyen unterstrichen hat. Gegen die Einstellung seine Atomwaffenprogramms hatte Washington seinerzeit Oberst Gaddafi versprochen, Libyen niemals anzugreifen, nur um das dann wenige Jahre später doch zu tun.

Die Tatsache, dass man US-Versprechen nicht trauen kann, hat sich inzwischen weltweit herumgesprochen. Man denke beispielsweise nur an die seinerzeit gegenüber dem Generalsekretär der Sowjetunion Michail Gorbatschow abgegebene Versicherung, dass die NATO bei einem Abzug der Roten Armee aus Osteuropa nicht dorthin expandieren werde.

Wenn aber Nordkorea sein Atomwaffenprogramm niemals aufgeben wird, bedeutet das, dass Donald Trump entweder - unter Gesichtsverlust - seine Forderung zurücknehmen und einen anderen Weg finden muss, um mit Nordkorea friedlich umzugehen, oder er zur militärische Gewalt greifen wird. Aber ebenso wenig wie Kim sein Atomwaffenprogramm freiwillig aufgeben wird, zeigt Trump Anzeichen, dass er gewillt wäre, von seinen Forderungen abzulassen.

Zugleich steht der US-Präsident innen- und außenpolitisch unter erheblichem Zugzwang, zumal er es selbst war, der die Nachricht von der Fähigkeit Nordkoreas, miniaturisierte Atomsprengköpfe zu produzieren, so hoch gespielt hatte. Tatsache aber ist, dass niemand wirklich weiß, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Atomsprengköpfe dieser Art Nordkorea zu diesem Zeitpunkt hat und in Zukunft produzieren kann. Dessen ungeachtet, wird jeder militärische Konflikt mit Nordkorea, - auch ein nicht nuklearer - , für niemanden auch nur halbwegs gut ausgehen. Vielmehr ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass bei einem US-Angriff auf Nordkorea das Land zurückschlagen wird und ein neuer Korea-Krieg Tod, Zerstörung und unermessliches menschliches Leid in absolut beispiellosem Ausmaß bringen wird.

Moskau und Peking präsentieren Vorschläge zur Deeskalation

Ein Hoffnungsschimmer bleibt. Der russische Außenminister Lavrow hat am 11. August vor der Presse erklärt, dass Russland und China eine "Reihe von Vorschlägen" haben, die auf die Verhinderung „eines der schlimmsten Konflikte … mit einer großen Zahl von Opfern" abzielen. Wörtlich sagte Lavrow:

Russland hat zusammen mit China einen Plan entwickelt, der ein ‘doppeltes Einfrieren“ vorschlägt: Kim Jong Un sollte seine Kernwaffenexperimente einfrieren und aufhören, irgendwelche Arten von ballistischen Raketen zu testen, während die USA und Südkorea ihre militärischen Großmanöver einfrieren sollten, die dem Norden als Rechtfertigung für seine Tests dienen.

Zugleich warnte der russische Außenminister vor der "überwältigende Menge absolut übertriebener Kriegs-Rhetorik“, die sowohl von der nordkoreanischen als auch von der US-amerikanischen Seite kommt. "Die Seite, die stärker und klüger ist", sollte den ersten Schritt machen, um die Spannungen zu entschärfen“. Ob der sehr kluge und bedachte russische Außenminister Russe Gehör findet, ist allerdings eine andere Sache.

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