Amerikaner in Afghanistan: USA haben Angst vor einer Allianz aus Russland, China und Pakistan

Amerikaner in Afghanistan: USA haben Angst vor einer Allianz aus Russland, China und Pakistan
Die USA wollen Pakistan gemeinsam mit Afghanistan und Indien in die Zange nehmen. Pakistan hingegen versucht, den US-Druck durch eine Allianz mit Russland, China und pragmatischen Beziehungen zu den Taliban zu durchbrechen. RT Deutsch sprach mit dem Pakistan-Experten Khalid Muhammad über die geopolitische Dynamik in Afghanistan.

von Ali Özkök

Khalid Muhammad ist Generaldirektor der militärwissenschaftlichen Denkfabrik CommandEleven mit Sitz in Islamabad. In der Organisation finden sich zahlreiche ehemalige hochrangige pakistanische Militärs, die auf die Themen nationale Sicherheit, Aufstandsbekämpfung und Extremismus auf dem indischen Subkontinent fokussieren. CommandEleven arbeitet mit dem pakistanischen Militär zusammen.

Zum 70ten Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs präsentiert die chinesische Armee ihren neuesten Exportschlager auf dem Tiananmen-Platz: Bewaffnete Drohnen made in China, 3. September 2015.

Glauben Sie, dass die Taliban nach der US-Invasion 2001 wieder zur alten Stärke zurückgekehrt und zum faktischen Machthaber zumindest in den ländlichen Gebieten Afghanistans aufgestiegen sind?

Das ist richtig. Die Taliban haben sich in Abwesenheit einer wirklich funktionierenden Regierung in Afghanistan erholt. Sie greifen wieder nach der Kontrolle im Land. Sie sind stärker und beliebter denn je. Militärisch betrachtet ziehen die afghanischen Streitkräfte, die vom Westen ausgebildet wurden, den Kürzeren gegen die Taliban, die in der Bevölkerung willkommener sind.

Die USA unter Präsident Donald Trump haben entschieden, neue Truppen nach Afghanistan zu entsenden. Wird das das Scheitern der UN-gedeckten Regierung in Kabul nur aufschieben?

Die Truppenstationierung der USA machte von vornherein gar keinen Sinn. Das Problem an den US-Truppen, die nach Afghanistan geschickt werden, ist, dass sie nach all den Jahren immer noch keine Perspektive für die Zukunft des Landes und damit für die eigene Stationierung entwickelt haben.

Gegenwärtig sind rund 8.400 US-Soldaten im Land stationiert. Offiziell trainieren sie die afghanische Armee, die aber schwach ist, und bekämpfen den „Islamischen Staat“ und die Taliban, die immer stärker werden.

Was ist der Grund für die Schwäche der Kabuler Regierung?

Ganz einfach, es ist die allgegenwärtige Schwäche der Regierung von Präsident Aschraf Ghani. Sie hat überhaupt keine Autorität, noch nicht einmal mancherorts in der Hauptstadt Kabul selbst. Der Einfluss der UN-gedeckten Regierung beschränkt sich auf das Gebiet, das direkt von der ISAF kontrolliert wird.

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Aus pakistanischer Perspektive ist das, was wir in Kabul sehen, die Wiederholung der Ereignisse aus den 1970er Jahren. Der US-Einfluss ist zu groß im Land. Außerdem nehmen die Aggressionen Kabuls auf Wunsch Washingtons gegen Pakistan zu. Kabul unterliegt dem Irrglauben, dass Washington auf ewig hinter ihnen stehen würde.

Diese Gedankenkultur bringt Kabul mehr Probleme als Gutes. Die USA versuchen, eine schwache und unfähige Regierung in Kabul gegen Pakistan aufzubringen.

Hilft die Militärpräsenz der USA dem afghanischen Volk oder ist sie Teil des Problems, dass das Land nicht zur Ruhe kommt?

Die US-Präsenz war das Problem Nummer eins in Afghanistan vom ersten Tag der Invasion an. Die USA zwingen die Regierung, nicht mit den Taliban oder anderen Gruppen zu verhandeln. Das ist, was dabei rauskommt. Wir haben eine gescheiterte Regierung. Schuld daran sind die USA und nicht die Kabuler Regierung.

Im Westen wird immer anklagend behauptet, dass Pakistan die Taliban unterstützt. Stimmt das?

Pakistan hat die Taliban unterstützt. Unsere Beziehungen trübten sich allerdings im Zuge des „Krieges gegen den Terror“ ein. Wir unterhalten noch freundschaftliche Beziehungen. Das brauchen wir auch, um sie an den Verhandlungstisch zu bringen oder zu einem Waffenstillstand zu bewegen. Wir müssen unsere Grenze sicher halten. Pragmatische Beziehungen sind dabei vonnöten. Die USA haben bewiesen, dass sie die Taliban nicht besiegen konnten. Es geht auch darum, dass wir die US-unterstützte Regierung in Kabul auf Distanz halten müssen.

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Die pakistanische Regierung arbeitet mit den Taliban zusammen, um die weit gefährlichere Terrormiliz „Islamischer Staat“ im Tora-Bora-Gebiet zu bekämpfen. Dafür hat sie auch einer Splittergruppe der Taliban aktiv Unterstützung gegen den IS zukommen lassen.

Welche anderen Akteure steuern zur Situation in Afghanistan bei?

In den letzten Jahren hat Indien an Einfluss gewonnen. Neben den USA hat Afghanistan in Indien, das große Probleme mit Pakistan und China hat, einen mächtigen Unterstützer gewonnen.

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Angefangen hat Delhi mit Investitionen und der Militärausbildung der afghanischen Armee. Heute gibt es nicht nur zahlreiche pro-amerikanische, sondern auch pro-indische Regierungsberater, die in Kabul ein und aus gehen.

Beispielsweise gilt der mächtige Sicherheitschef von Afghanistan Amrullah Salih als Brückenbauer nach Indien. Er war unter der Karsai-Regierung Vorsitzender des Geheimdienstes Nationales Direktorat für Sicherheit und ist Chef für Polizeireformen in der Ghani-Regierung. Diese Leute nehmen im Rahmen einer wachsenden US-Allianz mit Indien den traditionellen pakistanischen Einfluss in der Grenzregion gezielt ins Visier.

Bedeutet es, dass die USA Druck auf Islamabad von Afghanistan und mit Indien vom Osten aufbauen?

Es ist ganz einfach. Die USA greifen uns an, indem sie uns einen Terrorstaat nennen. Indien beschuldigt uns, grenzübergreifende Operationen durchzuführen. Es hat eine klare Agenda. Pakistan soll an der kurzen Leine gehalten werden.

Wovor haben die USA regional betrachtet Angst, wenn es um Pakistan geht?

Sie wollen nicht, dass Pakistan sich geopolitisch neu aufstellt und Teil eines unabhängigen Blocks in Südasien wird. Washington hat vor der regionalen Troika Russland, China und Pakistan in Südasien Angst. Besonders große Furcht haben die USA davor, dass Russland, China und Pakistan gerade in Afghanistan auf Kosten der USA und Indien kooperieren könnten. Das würde die dominierende Position der USA langfristig in Afghanistan in Frage stellen.

Ein praktisches Beispiel ist: Es gibt derzeit Anstrengungen in Afghanistan, eine politische Bewegung aufzubauen, die echte afghanische Interessen vertritt und nicht von den USA dominiert wird. Der Vizepräsident Abdul Raschid Dostum baut diese Allianz mit dem Ziel auf, die Ghani-Regierung politisch herauszufordern.

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