Neuer südkoreanischer Präsident hält Krieg mit Nordkorea für "höchst wahrscheinlich"

Neuer südkoreanischer Präsident hält Krieg mit Nordkorea für "höchst wahrscheinlich"
Der südkoreanische Präsident Moon Jae-in bei seinem Amtseid, Seoul; Südkorea, 10. Mai 2017.
Der neu gewählte südkoreanische Präsident Moon Jae-in hält nach dem jüngsten Raketentest Nordkoreas einen Krieg gegen den Nachbarn für denkbar. Nachdem dessen Wahl Hoffnung auf eine Rückkehr zur Diplomatie erweckt hat, zeichnet sich nun eine Kehrtwende ab.

Die Wahl des liberal-demokratischen Präsidenten Moon Jae-in stand für reine Rückkehr zur Vernunft auf der koreanischen Halbinsel. Aber ein nordkoreanischer Raketentest zeigte erneut die Unberechenbarkeit der Regierung in Pjöngjang. Und auch Washington ist ein schwieriger Partner für die Regierung Seoul. Trump und Kim Jong-un haben zumindest eine Neigung zum Zickzack-Kurs gemeinsam. 

Nachdem er seinen Posten als Präsident angetreten hatte, erklärte Moon, dass er eine Reise nach Pjöngjang nicht ausschließen würde, wenn es die Umstände erlaubten. Auch Nordkorea schien sanftere Töne anschlagen zu wollen und rief nach einer Versöhnung mit dem Süden, da es sich schließlich um die gleiche Nation handeln würde.

Moon Jae-in, neugewählter Präsident Südkoreas, mit seiner Frau Kim Jong-sook (rechts), seiner Tochter und seinem Enkelsohn während seiner Kampagne in Seoul, Südkorea; 8. Mai 2017.

Diplomatischer Einfluss Chinas auf Nordkorea gering

Schon wenige Tage nach Moon Jae-ins Amtsantritt aber kam die Ernüchterung. Die Nordkoreaner testeten am vergangenen Sonntag eine Rakete. Die ausländischen Medien überboten sich gegenseitig mit Angaben über Höhe und Reichweite der Rakete und rätselten, um welchen Typ es sich handelte. Am Montag dann lüftete Nordkorea das Geheimnis und erklärte, dass es eine Mittel- bis Langstreckenrakete gewesen sei. Die Hwasong-12 flog 787 Kilometer und erreichte eine Höhe von 2.111,5 Kilometern. Die Regierung Pjöngjangs sprach von einem erfolgreichen Test. Kim Jong-un selbst nannte ihn einen "großen Erfolg". Die Hwasong-12 sei in der Lage, einen nuklearen Sprengkopf zu befördern und die USA ins Visier zu nehmen.

Kim Jong-un wird nachgesagt, in einem Status der Paranoia zu leben. Nach innen und nach außen glaubt er immer wieder, seine Machtstellung verteidigen zu müssen. Auch der Regierung in Peking ist Kim Jong-un fremd. Bisher kam es offiziellen Angaben zufolge noch zu keinem persönlichen Treffen zwischen Xi Jinping und Kim Jong-un. Der diplomatische Einfluss Chinas auf den "verrückten Hund", wie man Kim Jong-un in der Volksrepublik vielfach nennt, ist äußerst gering und auch China hat berechtigte Sorgen, ins Visier nordkoreanischer Raketen zu gelangen.

Das Interesse Pekings, amerikanischen Forderungen nachzukommen und Nordkorea so zu sanktionieren, dass das System kollabiert, ist allerdings ebenfalls äußerst gering. Aus Furcht vor einem Putschversuch ließ Kim Jong-un sogar seinen Onkel Jang Song-thaek hinrichten. Auch die Ermordung seines Halbbruders Kim Jong-nam soll Kim Jong-uns Auftrag geschuldet sein. Ähnlich wie sein amerikanischer Amtskollege verfolgt Kim Jong-un keine klare Linie und seine Handlungen lassen einen Zick-Zack-Kurs erkennen. Südkorea und China sehen sich jeweild in einer neuen Position in Anbetracht einer sich täglich ändernden Wetterlage, die bis zur Voraussage eines Nuklearkrieges reicht.

Hinzu kommen Differenzen zwischen China und Südkorea, die engere wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen zwischen den Ländern torpedieren. Verursacht hat diese Eiszeit das US-Raketenabwehrsystem THAAD. Nach Aufstellung des umstrittenen Militärgeräts hatte Trump von Seoul überraschend eine Zahlung von einer Milliarde US-Dollar gefordert.

Moon Jae-in, Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei Südkoreas und ersten Prognosen zufolge nächster Präsident, in Chungju, Südkorea, 7. Mai 2017.

Moon drängt auf Einigung in der "Trostfrauen"-Problematik

Noch zu Zeiten der Übergangsregierung in Südkorea erteilte Seoul Washington diesbezüglich eine Absage, denn das System werde allein von den Amerikanern betrieben. China und die Wähler Moon Jae-ins sind gegen das System, da es südkoreanischen Firmen keinen Schutz vor Raketen, sondern lediglich chinesische Wirtschaftsrepressalien einbrachte. Ende Juni wird es zu einer Zusammenkunft zwischen der neuen Regierung in Seoul und Washingtons kommen. Bei dieser Gelegenheit werden die Spitzen über die Gefahr aus Nordkorea debattieren - und auch über THAAD. Trump hatte Kim Jong-un zuletzt als "Smart Cookie" bezeichnet und Gespräche nicht ausgeschlossen.

Im Juli, auf der G-20 Konferenz im Hamburg, wird Moon Jae-in mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping und dem japanischen Premierminister Shinzo Abe zusammentreffen. Zwischen Japan und Südkorea herrscht noch immer Uneinigkeit um ein Erbe vergangener Tage. Während des Zweiten Weltkrieges zwangen die Japaner koreanische Frauen, sich zu prostituieren, um die "Moral" der japanischen Armee zu stärken. Die bisherigen Entschuldigungen und Wiedergutmachungsleistungen der japanischen Regierung sind den Südkoreanern und auch Moon nicht weitreichend genug. Die Einigung in dem Streit ist eine Voraussetzung für eine künftige Zusammenarbeit zwischen Südkorea, Japan und den USA, um Nordkorea von dessen Atomwaffenprogramm abzubringen.