Korea-Krise: Proteste in der Bevölkerung begleiten Anlieferung des THAAD-Systems

Korea-Krise: Proteste in der Bevölkerung begleiten Anlieferung des THAAD-Systems
Ein Militärfahrzeug zur Lieferung von Teilen des THAAD-Systems trifft unter Protesten der Bevölkerung in Seongju ein; Südkorea, 26. April 2017.
Das amerikanische THAAD-System, gedacht als Schutzschild für die Südkoreaner gegen den Feind aus dem Norden, hat Seoul bisher nur Nachteile gebracht. Proteste der Bürger werden von der Übergangsregierung in Seoul überhört. Die Lieferung von THAAD geht voran.

Es war die Stimme des Volkes, die die ehemalige Präsidentin Park Geun-hye nach Korruptionsskandalen aus ihrem Amt zwang. Seither wird Südkorea von einer Übergangsregierung geleitet, die ihre Entscheidungen jedoch ebenfalls nicht unbedingt im Sinne des südkoreanischen Volkes trifft. Insbesondere das US-amerikanische THAAD-System ist drauf und dran, seinen Sinn und Zweck zu verfehlen.

Das THAAD-System ist ein Raketenabwehrsystem der US-Armee gegen ballistische Raketen. Sobald der Bodenradar des Systems eine anfliegende Rakete erkennt, feuert dieses seinerseits eine Rakete ab, um diese abzufangen. Das Potenzial zum Abfangen von Interkontinentalraketen ist jedoch begrenzt. Die Reichweite der THAAD-Raketen liegt bei 200 Kilometern und die Flughöhe bei 150 Kilometern.

Die Amerikaner pochten auf die Dringlichkeit der Lieferung, da das System den Süden vor einem möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Raketenangriff beschützen solle.

Die Drohungen des Nordens blieben bisher aber verbaler Natur und die Raketentests endeten vorzeitig in den Gewässern der koreanischen Halbinsel oder noch davor. Stattdessen machte China zwar seine Drohungen gegenüber Nordkorea bezüglich der Beschränkung von Kohleimporten wahr, ging aber auch kompromisslos gegen Südkorea vor, das gegen den Willen Pekings die THAAD-Systeme aus den USA stationierte.

Chinas faktischer Handelsboykott

Der Großkonzern Lotte bekam die Repressalien Chinas als erster zu spüren. Lotte hatte für die Aufstellung des Raketenschutzschildes einen seiner Golfplätze mittels eines Landtauschabkommens mit der südkoreanischen Regierung zur Verfügung gestellt. China aber fürchtet, dass das Militärgerät einem anderen Zweck dient und Peking ausspionieren könnte.

Was folgte, waren Razzien bei Lotte in China. Unter dem Vorwand unzureichender Feuerschutzbestimmungen in dessen Gebäuden musste der Konzern einen Großteil seiner Standorte in der Volksrepublik schließen. Auch ein millionenschweres Bauvorhaben Lottes in China fand ein unfreiwilliges, vorzeitiges Ende. Und mehr noch: Der wirtschaftliche Boykott weitete sich schließlich auf ganz Südkorea aus. China wollte erreichen, dass sich Südkorea zwischen Peking und Washington entscheidet. Pauschalreisen kaufkräftiger Chinesen in den Süden Koreas kamen zum Erliegen und die Regierung hielt die Chinesen dazu an, nicht mehr in den beliebten Duty-Free-Läden von Lotte zu konsumieren.

Die chinesische Regierung handelte bei ihrem Boykott taktisch und sprach nie offiziell aus, dass es sich bei den Maßnahmen um Repressalien handle, die eine Reaktion auf THAAD seien. Doch der südkoreanischen Regierung ging all dies zu weit. Sie suchte Hilfe bei der Welthandelsorganisation (WTO). Bereits während eines WTO-Treffens Ende März in der Schweiz machte die koreanische Agentur für Technologie und Standards (KATS) auf Chinas faktischen Handelsboykott aufmerksam. Neben dem wirtschaftlichen Boykott vonseiten der Chinesen wähnen die Südkoreaner weitere Repressalien wegen des THAAD-Systems hinter chinesischen Hackerangriffen. Südkorea hat unterdessen seine Sicherheitsstufe gegen Hacker erhöht. Anfang des Jahres war bereits die Lotte-Gruppe Ziel von Hackerangriffen. 

Ein Soldat filmt nordkoreanische Soldaten, Offiziere und hochrangige Offizielle während einer Militärparade zum Geburtstag des Gründungsvaters Kim Jong-il in Pjöngjang, Nordkorea, 15. April 2017.

Der von den Südkoreanern favorisierte Kandidat für die bevorstehende Präsidentschaftswahl, Moon Jae-in, ein liberaler Demokrat, will eine Kehrtwende weg von der Doktrin Washingtons erreichen. Er spricht sich für die Wiederaufnahme der Diplomatie mit Nordkorea aus. Die Stimmung im Lande kippte nicht zuletzt, nachdem US-Präsident Trump bewiesen hatte, wie lückenhaft sein Wissen in Bezug auf die Geschichte und Gegenwart der Region ist. Historiker protestierten in Seoul, man fühlte sich wie ein kolonialisiertes Land unter der Herrschaft eines ignoranten und unkalkulierbaren amerikanischen Präsidenten.

Drohnen-Mission aus dem Norden blieb beinahe unbemerkt

Am frühen Mittwochmorgen, um 4 Uhr 45 Ortszeit, kam es zu Zusammenstößen zwischen protestierenden Bürgern und der Polizei, als in Seongju 20 US-amerikanische Militärlaster eintrafen, die mit Teilen des THAAD-Systems beladen waren. Trotz des Zeitpunktes in den frühen Morgenstunden hatten sich in kurzer Zeit 8.000 Demonstranten vor dem Golfplatz Seongju eingefunden. Die Protestierenden begründen ihre gegnerische Haltung zu THAAD damit, dass dieses sie erst recht zum Ziel Pjöngjangs mache. Bis Ende des Jahres soll das THAAD-System zum Einsatz kommen. Bereits im vergangenen Juli hatten sich Washington und Seoul über die Lieferung des Raketenabwehrsystems geeinigt. Russland warnte vor der Aufstellung. Diese werde zu noch mehr Spannungen in der Region führen. 

Ein südkoreanischer Spitzenbeamter erklärte gegenüber den Yonhap-Nachrichten am Mittwochmorgen:

Wir wissen, dass zwei Raketenwerfer, die auf den US-Stützpunkten in Wakgok-gun, Chilgok-kun standen, geliefert wurden. Wir wissen, dass Radar, Abfangjäger, Generatoren und Kühlgeräte etc., anders als die mobilen Raketenwerfer, von Pusan aus auf Anhänger positioniert wurden.

Eine einzige THAAD-Batterie kostet 827,6 Millionen US-Dollar. Nordkorea kann jedoch auch andere Wege finden, um Seoul anzugreifen, als über eine Rakete. Im Jahr 2014 flogen nordkoreanische Drohnen über der südkoreanischen Hauptstadt und machten Bilder. Erst dadurch, dass die Drohnen auf dem Rückweg in den Norden abstürzten, erlangte Südkorea Kenntnis hierüber.

Eine Installation aus Milchnahrung für Säuglinge von Ai Wei Wei - Kunstwerk aus 1.815 Milchpuderdosen; Hongkong, China, 16. Mai 2013.

China, welches sich in der Rolle eines Diplomaten zwischen den verfeindeten Parteien sieht, um den Status quo in der Region zu erhalten, fürchtet, bald von amerikanischem Kriegsgerät umzingelt zu sein. Denn dieses reicht bald von Japan über Taiwan nach Südkorea und auch im Südchinesischen Meer patrouillieren die Amerikaner, um die Japaner zu unterstützen. Der Vertrauensvorschuss Chinas an US-Präsident Donald Trump war zudem nach seinen Falschaussagen im Zusammenhang mit der Verlegung des Flugzeugträgers USS Carl Vinson und der diesem folgenden Kriegsschiffe aufgebraucht.

China sah sich infolge der unzutreffenden Information gezwungen, seine eigenen Aufklärungsschiffe in die Region zu entsenden. Bei den Protesten am Mittwochmorgen wurde ein Demonstrant verhaftet, zehn bei den Zusammenstößen mit der Polizei verletzt. Tausende Polizisten versuchten die THAAD-Gegner im Zaum zu halten.