Billiglohnland China? Mindestlohn in Shanghai mittlerweile höher als in einigen EU-Staaten

Billiglohnland China? Mindestlohn in Shanghai mittlerweile höher als in einigen EU-Staaten
"Revolutionäre Ausschüsse sind gut" - so zumindest dieses chinesische Propagandaposter aus dem Jahr 1968.
Westliche Kommentatoren haben die Volksrepublik oft als Niedriglohnland verpönt. Aber die Wahrheit ist komplizierter. Inzwischen liegt der Mindestlohn in der Riesenmetropole Shanghai auf oder über dem Niveau einiger EU-Staaten.

Seit Anfang dieses Monats müssen Shanghaier Firmen ihren Mitarbeitern umgerechnet 2,59 Euro pro Stunde zahlen, berichtete die Junge Welt. Die wirkliche Kaufkraft der chinesischen Währung dürfte allerdings höher liegen, denn sie sei zum Euro stark unterbewertet. Der Mindestlohn habe sich in den letzten Jahren kontinuierlich gesteigert.

Während im Reich der Mitte die rote Arbeitersonne aufgeht, senkt sich über Europa eine finstere lohnpolitische Nacht. Der radikale Sparkurs, den die Bundesregierung den ost- und südeuropäischen EU-Staaten nach der Eurokrise aufzwang, führte dort zu einem Rückgang der Mindestlöhne.

Der Mindestlohn in Shanghai liegt deutlich über dem von Bulgarien, wo 1,42 Euro pro Stunde gezahlt werden, und etwa auf dem Niveau von Lettland (2,25), Litauen (2,35) und Polen mit 2,65 Euro pro Stunde, so die Junge Welt. In Griechenland (3,35), Portugal (3,36) und sogar Spanien mit 4,29 Euro pro Stunde ist der gesetzliche Mindestlohn nicht viel höher als in der Volksrepublik, das die Weltbank als Entwicklungsland einstuft.

In Shanghai stieg der Mindestlohn in diesem Jahr laut der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg um 8,4 Prozent, was der niedrigste Wert in den letzten acht Jahren sei.

In China legen die Regionalverwaltungen den örtlichen Mindestlohn fest. Der niedrigste Wert liegt bei 1,29 Euro, der höchste bei 2,86 in Beijing.

Zu diesen Werten müsse man jedoch die für die Region verhältnismäßig umfangreichen sozialen Sicherungssysteme in China hinzurechnen, so die südkoreanische Zeitung Korea Business. Das würde ergeben, dass ein chinesischer Mindestlohnempfänger in den wirtschaftlich starken Großstädten schon immerhin etwa 70 Prozent des Einkommens seines südkoreanischen Kollegen erhalte.

Mit dem aktuellen Fünfjahresplan, der im letzten Jahr begann, strebt die chinesische Zentralregierung „die Vollendung einer Gesellschaft in bescheidenem Wohlstand an“, so ein Wirtschaftswissenschaftler der Universität Peking gegenüber der Badischen Zeitung. Einer der Schwerpunkte ist es, die Unterschiede zwischen ländlichen Regionen und Metropolen auszugleichen. Zu dem 13. Fünfjahresplan gibt es sogar ein eigenes Musikvideo auf Englisch.