Taliban auf dem Vormarsch: Afghanische Regierungstruppen verlieren strategischen Bezirk Sangin

Taliban auf dem Vormarsch: Afghanische Regierungstruppen verlieren strategischen Bezirk Sangin
Die Taliban haben am Donnerstag den strategisch wichtigen Bezirk Sangin in der südafghanischen Provinz Helmand eingenommen. Dies gibt ihnen die Kontrolle über den dortigen Opiumhandel. Etwa die Hälfte der Gebiete des Landes ist nicht mehr in Regierungshand.

von Ali Özkök

Während Pressesprecher der Zentralregierung in Kabul den militärischen Verlust dementieren, haben andere offizielle Quellen eingeräumt, dass die radikalislamischen Aufständischen die von den USA ausgebildeten Regierungstruppen überrannt haben.

Lokale afghanische Regierungs- und Militärvertreter bestätigten laut einem Bericht der New York Times, es gebe keinen Zweifel darüber, dass Sangin in die Hände des Feindes gefallen ist. Kabuls Truppen hatten zuvor versucht, das Stadtzentrum von Sangin und mehrere Regierungsgebäude zu schützen. Sangin galt als letzter Vorposten Kabuls in Süd-Afghanistan.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Afghanistan, 22.12.2016.

Sangin ist bereits seit Jahren instabil und ein beliebtes Infiltrationsgebiet der mehrheitlich paschtunisch geprägten Taliban. Bei Kämpfen in Sangin starben bereits in der Vergangenheit mehr britische und US-amerikanische Soldaten als in allen anderen 400 Bezirken Afghanistans.

RT Deutsch sprach mit dem paschtunischen Taliban-Experten Asfyandar Bhittani über die jüngsten Entwicklungen in Helmand. Bhittani, der für die renommierte Tageszeitung Daily Pakistan als Journalist arbeitet, sagte:

Der Fall von Sangin bedeutet nicht, dass die Taliban die Region für immer kontrollieren werden, aber er wird ihnen genug Zeit geben, den florierenden Opium-Handel in der Region zu kontrollieren. Sangin gilt als Zentrum der so genannten Handelsroute für Opium im Süden Afghanistans.

Im Jahr 2013 hatte die US-geführte internationale Militärkoalition ihre Präsenz in Afghanistan deutlich reduziert. Kritiker vermuten, dass die Regierung Trump ihre Unterstützung für Kabul wieder hochschrauben muss, will sie nicht den vollständigen Bedeutungsverlust der von den UN unterstützten Regierung in Kabul riskieren.

U.S. Army beim Videospielen auf ihrem Stützpunkt im Kherwar Distrikt, Logar Provinz, Afghanistan, 24. Mai 2012.

Seit dem Abzug der meisten US-geführten Koalitionstruppen stiegen die Verluste der Sicherheitskräfte angesichts des Ausbleibens westlicher Unterstützung stark an. Hunderte afghanische Soldaten und Polizisten verloren bei der Verteidigung von Sangin ihr Leben. US-amerikanische Spezialeinheiten und Bombergeschwader scheiterten bereits in der Vergangenheit beim Versuch, Stabilität in die Provinz Helmand zu bringen.

Asfyandar Bhittani glaubt, dass die US-amerikanische Unterstützung für afghanische Sicherheitskräfte de facto gescheitert ist. Gegenüber RT Deutsch erläuterte er:

Die Taliban-Offensive offenbart die enormen Mängel der afghanischen Armee. Die Armee ist an keiner Front mehr gegen die Taliban in der Offensive. Vielmehr versuchen sie Gebiete, die sie besitzen, möglichst zu halten. Der Fall von Sangin beweist, dass die Einheiten nicht mal das können. Wenn die Taliban wollen, können sie in wenigen Stunden ganze Bezirke einnehmen.