Sechs Jahre nach Fukushima: Das Tschernobyl Asiens und ein Mythos der japanischen Regierung

Sechs Jahre nach Fukushima: Das Tschernobyl Asiens und ein Mythos der japanischen Regierung
Kurz nach der Katastrophe von Fukushima. Eine weinende Frau zwischen den Trümmern; Natori, Miyagi-Präfektur, Japan, 13. März 2011.
Die Katastrophe von Fukushima jährt sich zum sechsten Mal und die Abe-Regierung täuscht Normalität vor. In diesem Jahr will die Regierung die Menschen zurück in ihre kontaminierten Häuser holen. Das, obwohl die Strahlenmessdaten jenen in Tschernobyl ähneln.

Fukushima ist jenseits der Grenzen Japans seit dem schweren Störfall im japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima 1) bekannt. Am 11. März 2011 um 14.47 Uhr Ortszeit bebte die Erde in Japan. Besonders das Frühjahr, wenn Japan in seiner Kirschblüte (Sakura) erstrahlt, kommt es in der Region vermehrt zu Erdbeben. Dieses Beben vor der Küste aber erreichte die Stärke 9 und führte zu einer unbeschreiblichen Katastrophe, die Japan noch heute beschäftigt.

Das vollständige Ausmaß der Katastrophe von Fukushima ist auch nach sechs Jahren noch nicht vollständig bezifferbar. Auch der Rückbau des Unglücksreaktors wird noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen.

Auf das Erdbeben folgte eine 40 Meter hohe Tsunami-Welle und vier von sechs Reaktorblöcken des Kernkraftwerks wurden beschädigt, als die Fluten das Landesinnere erreichten.

Mehr als 18.000 Menschen ließen damals ihr Leben. Nun jährt sich die nukleare Katastrophe in Fukushima zum sechsten Mal. Mehr als 160.000 Menschen verloren im Zuge der Zerstörung und Verstrahlung ihre Heimat und Existenz. Sie leiden unter posttraumatischen Zuständen, Depressionen, Krebs, Fehl- und Totgeburten oder Fehlbildungen bei Neugeborenen.

In vier der Städte innerhalb der bisherigen Sperrzone sollen die Menschen jetzt wieder zurück in die Normalität finden. Insbesondere die 6.000 Bewohner Iitates erleben eine Zeit der Unsicherheit. Greenpeace mahnte an, dass die jüngst gewonnenen Messdaten in Iitate jenen in der Sperrzone Tschernobyls entsprächen und niemand in der Region leben könne.

Die Regierung Tokios ficht dieser Einwand jedoch nicht an und sie versucht, ihren Standpunkt mit Härte durchzusetzen. In einem Jahr werden - um den entsprechenden Entscheidungsprozess in die gewünschten Bahnen zu bringen - alle staatlichen Zahlungen an die Opfer der Katastrophe eingestellt werden. In einem Greenpeace-Bericht zur Rückführung der Einwohner heißt es: 

Über 160.000 Menschen wurden evakuiert und verloren ihre Heimat. Viele Zehntausende von ihnen leben heute, sechs Jahre nach der Katastrophe, immer noch in temporären Unterkünften. Trotzdem pocht die Regierung Abe darauf, die Nuklearkatastrophe zu normalisieren und kreiert den Mythos, dass nur wenige Jahre nach der flächendeckenden radioaktiven Kontamination, verursacht durch den Nuklearunfall vom 11. März 2011, Menschenleben und Gemeinden wieder aufgebaut und zurückgeholt werden können.

Der Forschungsreaktor Halden in Norwegen hätte im Oktober 2016 beinahe eine Katastrophe verursacht. Gesamtansicht des Forschungsreaktors; Oktober 2016.

Zu allem Überfluss erleben die betroffenen Gegenden ungebetenen Besuch. Wie in Tschernobyl hausieren dort, wo sich die Menschen zurückgezogen haben, nun Wildschweine. Die aggressiven Tiere sind strahlenverseucht. Strahlenmessungen ergaben, dass sie eine 300 Mal höhere Strahlendosis aufweisen als das sichere Maß erlaubt. Jagdteams sollen nun die Gegenden frei vom nicht erwünschten Schwarzwild machen. Auch Drohnen dienen dazu, die Tiere zu vertreiben. Die Regierung sucht derweil nach weiteren Möglichkeiten, die Wildschweine zu beerdigen. Drei Massengräber für 18.000 Tiere gibt es bereits.

Anlässlich des Jubiläums veröffentlichte Greenpeace auch eine Studie, die die Geschlechterkluft infolge des Fukushima-Unfalls untersucht. Die Frauen, die im Zuge der Katastrophe ihren Partner verloren, leben demnach heute am Rande der Gesellschaft in Armut. Viele Männer blieben in dem Katastrophengebiet zurück, Kinder und Frauen ließen sich evakuieren. Die Auszahlungen der Katastrophenhilfe aber richteten sich an die Männer.

Wie nach Hiroshima und Nagasaki trifft die weiblichen Überlebenden ein Stigma. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die so genannten Hibakusha, die dieses Schicksal erlebten - also diejenigen, die das große Feuer überlebten. Aus Angst vor Fehlgeburten, missgebildeten Kindern und Krebs fanden sie keine Ehepartner und wurden gemieden. Obama stattete Hiroshima 2016 einen historischen Besuch ab und verdammte in seiner Rede die Atomwaffen.

Groß war der Wunsch der letzten Überlebenden der Atombomben Hiroshimas und Nagasakis nach einer Entschuldigung der Amerikaner für die Opfer und Narben, die die Bomben Little Boy und Fat Man hinterließen. Aber bereits im Voraus wurde deutlich, dass Obamas Besuchsabsicht nicht einer Entschuldigung diente. Es ging nur um einen glänzenden Auftritt für den scheidenden Präsidenten. Sein Nachfolger Trump rief unterdessen bereits nach weiteren Atomwaffen und auch Japan will die Aufrüstung, um sich gegen Nordkorea und China zu wappnen. 

Symbolbild - Japanische Armee bei einem Artilleriemanöver, August 2016

Japan verfügt über mehr als 50 Atomkraftanlagen. Seit 1973 ist die Energiegewinnung durch Nuklearenergie ein strategisches Ziel des Landes. Weltweit gedenken Atomkraftgegner am 11. März der Opfer Fukushimas und demonstrieren für eine Kehrtwende in der Energiegewinnung.

Die Gefahr in Fukushima ist derweil keineswegs gebannt. Die Strahlungen im Unglücksreaktor würden einen Menschen in einem Atemzug töten und selbst die japanischen Roboter von Toshiba, auf die die Erdbebennation so stolz ist, konnten den Strahlungen nicht standhalten. Kontaminiertes Schmelzwasser fließt weiterhin in den Pazifik und macht sich mittlerweile auch an der Ostküste Nordamerikas bemerkbar. 

Den Frauen Fukushimas droht ein ähnliches Schicksal wie den Hibakusha. Für ihr Leid hat die japanische Gesellschaft aber bisher noch keinen Begriff gefunden.