Boykott wegen THAAD-Raketensystem: China geht massiv gegen südkoreanischen Lotte-Konzern vor

Boykott wegen THAAD-Raketensystem: China geht massiv gegen südkoreanischen Lotte-Konzern vor
Chinesische Touristen in einem Duty-Free-Einkaufszentrum der Firma Lotte in Seoul, Südkorea; 21. Februar 2016.
Peking will den südkoreanischen Konzern Lotte boykottieren, der Land für das umstrittene US-Raketenabwehrsystem THAAD bereitstellen will. China ist überzeugt, dass THAAD auf südkoreanischem Boden die Sicherheit und das Vertrauen in der Region gefährdet.

Jüngst sprach Peking eine Warnung an den südkoreanischen Großkonzern Lotte aus. Sollte das Unternehmen an der Aufstellung des amerikanischen Systems THAAD (Terminal High Altitude Area Defense) mitwirken, werde das zu Repressalien gegen die mächtige Firma führen. Die Chinesen, so hieß es, werden keine Firma unterstützen, die ihre Sicherheit in Frage stelle.

Der drohende wirtschaftliche Verlust könnte Lotte hart treffen. Zivile Gruppen in China schließen sich dem Boykott an, für die Chinesen stellt das Vorhaben eine Verletzung der chinesisch-südkoreanischen Freundschaft dar.

Der Lotte-Konzern hatte sich bereit erklärt, einen seiner Golfplätze in Seongju zur Verfügung zu stellen, um dort die Stationierung des US-amerikanischen Militärgeräts zu ermöglichen. Der Name des 1948 gegründeten Konzerns weist übrigens einen Bezug zu Deutschland auf. Gründer Shin Kyuk-Ho kannte zwar wahrscheinlich noch nicht die Sportfreunde aus der gleichnamigen Kleinstadt bei Osnabrück, die mittlerweile im Profifußball für Furore sorgen. Umso mehr faszinierte ihn jedoch die literarische Figur der Charlotte aus Goethes "Leiden des jungen Werther". Sie inspirierte Kyuk-Ho, sein Unternehmen nach ihr zu benennen.

Heute beschäftigt die Unternehmensgruppe Lotte 60.000 Mitarbeiter. Sie stellt Süßigkeiten und Getränke her, betreibt Hotels und Schnellrestaurants, darüber hinaus bietet sie Einzelhandelsgeschäfte, Finanzdienstleistungen, Elektronik und IT an. Damit nicht genug, ist Lotte mittlerweile auch noch in der Bauindustrie, der Unterhaltungsbranche, im Verlagswesen und im Bereich der Schwerchemikalien-Herstellung tätig. 

Die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua fand zum umstrittenen neuen Projekt des Unternehmens drastische Worte: 

Die Direktoren der Lotte-Gruppe müssen noch eine Entscheidung bezüglich des Abkommens über die Bereitstellung ihres Grundstücks treffen. Sie spielen mit dem Feuer, was regionale Beziehungen in Flammen aufgehen lassen könnte.

China hat bereits ein Milliarden-Bauprojekt Lottes im nordöstlichen Shenyang unter dem Vorwand einer Feuerinspektion gestoppt. Das Bauprojekt umfasst 1,45 Millionen Quadratmeter. Das Einkaufszentrum und Kino des Areals sind bereits geöffnet, die Wohnungen befanden sich noch im Bau. Weitere Untersuchungen anderer Lotte-Gebäude folgten und Regierungsinstitutionen haben mittlerweile auch damit begonnen, die Buchhaltung des mächtigen Konzerns unter die Lupe zu nehmen.

Lottes Geschäfte auf der Online-Plattform des chinesischen Internetriesen Alibaba, Taobao.com, wurden ebenfalls unterbunden. Chinesische Touristen werden angehalten, bei einem Besuch in Südkorea nicht in zollfreien Lotte-Einkaufszentrum zu konsumieren. Die chinesischen Touristen tragen hier zu rund 70 Prozent des Umsatzes bei. Die Firma unterhält rund 150 Geschäfte in China. Zuvor hatte China Südkorea bereits durch Absagen geplanter Auftritte südkoreanischer Künstler sowie dem Boykott von Unterhaltungsformaten gerügt.

Weiter hieß es bei Xinhua: 

Gegen militärische Bedrohung mit militärischer Drohung vorzugehen, wird die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel nicht verbessern, sondern im Gegenteil die regionale, strategische Balance unterminieren.

Nach einem erneuten Raketentest Nordkoreas wurden unterdessen Forderungen Washingtons gegenüber Peking noch lauter, Pjöngjang noch weiter zu isolieren. Die Volksrepublik unternahm daraufhin einen vorsichtigen Schritt und sanktionierte Kohle-Lieferungen aus Nordkorea. Offiziell stellt die chinesische Regierung auch keine Verbindung zwischen den Schritten gegen Lotte und der Aufstellung des THAAD-Systems her. Die sozialen Medien und die chinesische Presse aber sprechen deutlich aus, was auf der Hand liegt. 

Der südkoreanische Finanzminister Yoo Il-Ho erklärte dazu:

Wenn China offiziell unlautere Aktionen gegen Südkorea unternimmt, werden wir unweigerlich dagegen vorgehen. Aber solange die Handlungen nicht offiziell in Verbindung mit THAAD stehen, kann die südkoreanische Regierung China nicht der Rache beschuldigen.

Nordkoreanische KPA-Einheiten starten Raketen von MLRS-Geschosswerfern. Pjöngjang, 12. Dezember 2016.

Ein Treffen zur Landübergabe vonseiten der Unternehmensgruppe an die Amerikaner ist für Ende des Monats geplant. Als Entschädigung für die Übergabe des Golf-Kurses soll Lotte einen Teil des derzeit von der südkoreanischen Armee genutzten Grundes in Namyangju erhalten, das in der Provinz Gyeonggi liegt.

Sollte das Abkommen unterzeichnet werden, würde es zu weiteren Schritten vonseiten der Regierung in Peking und der chinesischen Bevölkerung gegen Lotte kommen. China sieht THAAD nicht nur als Bedrohung der Stabilität in der Region, zu der auch ein Status Quo hinsichtlich Nordkoreas beitrage, sondern auch ein Weg für die Amerikaner, die Volksrepublik auszuspionieren.

Auch in Südkorea stieß das THAAD-System vielfach auf Ablehnung innerhalb der Bevölkerung und es kam zu Protesten. Die derzeitige Regierung Südkoreas befindet sich in einer Übergangsphase. Diese wird andauern, bis das Amtsenthebungsverfahren der nicht mehr agierenden Präsidentin Park beendet ist und Neuwahlen im Frühjahr stattgefunden haben. Einer der favorisierten Kandidaten der Demokratischen Partei, Moon Jae-In, hat sich im Wahlkampf gegen THAAD ausgesprochen.

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