Konsum statt Karoshi: Die Strategie der japanischen Regierung gegen den Tod durch Überarbeitung

Konsum statt Karoshi: Die Strategie der japanischen Regierung gegen den Tod durch Überarbeitung
Japans Premierminister Shinzo Abe
Die Zahl derjenigen, die sich im Reich der aufgehenden Sonne aufgrund übermäßiger Arbeitsbelastung das Leben nehmen, wächst stetig. Nun versucht Japans Regierung egenzusteuern. Künftig sollen die Japaner etwas weniger arbeiten und dafür mehr konsumieren.

Am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 2015 nahm sich die 24-jährige Angestellte der Tokioter Werbeagentur Dentsu, Matsuri Takahashi, das Leben. Ihr letzter verzweifelter Hilferuf verhallte ungehört in den sozialen Medien:

Ich muss am Wochenende schon wieder arbeiten. Ich will wirklich sterben.

Der russische Präsident Wladimir Putin mit Japans Premier Shinzo Abe auf einem Judo-Wettkampf in der Kodokan Judo-Halle in Tokyo, 16. December 2016.

Allein im November jenes Jahres hatte die erfolgreiche Angestellte 105 Überstunden angehäuft. Zum Vergleich: Ein gesamter deutscher Arbeitsmonat hat durchschnittlich 154 Stunden. Doch in einem Land, in dem derlei Zahlen eher die Regel als die Ausnahme sind, konnte Takahashi bislang nicht auf viel Verständnis oder gar Hilfe hoffen. Nachdem Dentsu in Reaktion auf den Tod seiner eigenen Angestellte lediglich sein Bedauern über den Freitod ausgedrückt hatte, kündigte Tadashi Ishii, der CEO der Werbeagentur, nun seinen Rücktritt an – mehr ein Jahr nach dem tragischen Selbstmord der Angestellten.

Nach Angaben des japanischen Gesundheitsministeriums nahmen sich im bis März 2016 reichenden Geschäftsjahr 2016 insgesamt 2.310 Menschen das Leben, weil sie dem Arbeitsdruck und den damit gekoppelten gesellschaftlichen und oftmals familiären Erwartungen nicht mehr gewachsen waren.

Arbeite weniger und gebe mehr Geld aus!

Mit dieser Formel will Japan nun dieser fatalen Entwicklung entgegenwirken und gleichzeitig der heimischen Wirtschaft durch gesteigerten Konsum neue Impulse geben. Die entsprechende Kampagne unter dem Titel "Premium Friday", die von der japanischen Regierung und 15 Wirtschaftsverbänden ins Leben gerufen wurde, soll Ende Februar 2017 beginnen. Die Idee dahinter: Angestellte und Arbeiter sollen am letzten Freitag des Monats schon um 15:00 Uhr die Arbeit beenden, um "das Leben zu genießen", aber vor allem, um zu konsumieren und damit der lahmenden Konjunktur neue Impulse zu geben.

Mit dem Wort "Karoshi" ist Japan wohl weltweit das bislang einzige Land, das für den Tod durch Überarbeitung einen eigenen Begriff kreiert hat. Laut einem Weißbuch der japanischen Regierung brummt derweil etwa ein Viertel der Unternehmen im Land seinen Angestellten 80 bis 100 Stunden an Arbeit im Monat auf. Nicht weniger als 11,9 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass ihre Belegschaft über 100 Überstunden im Monat ableiste.

Dies fällt jedoch in Japan bislang auf kulturell fruchtbaren Boden, denn für die Japaner gehört es seit jeher zum guten Ton, möglichst viel zu arbeiten.

Obwohl Japan mit 16 offiziellen Feiertagen so viele gesetzliche Ruhetage wie nur wenige andere Nationen besitzt, verzichten die Arbeitnehmer zusätzlich zu ihren Überstunden oft freiwillig auf einen Teil der ihnen zustehenden Urlaubstage. Dadurch wollen sie ihr gesellschaftliches Ansehen steigern. Doch die geleistete Mehrarbeit übersetzt sich dabei nicht in eine höhere Produktivität der japanischen Arbeiterschaft. Dies legen zumindest Zahlen des "Japan Productivity Center" nahe, denen zufolge das Land die niedrigste Arbeitsproduktivität innerhalb der G7-Staaten aufweist.

Im Gegensatz dazu rangiert Japan hinsichtlich der Zahl geleisteter Arbeitsstunden OECD-weit mit 1.719 an dritter Stelle. Geschlagen wird das Land bei diesem tragischen Wettlauf nur - seit wenigen Jahren wieder - von den USA und vom wirtschaftlichen Rivalen Südkorea. Für Deutschland meldet die OECD hingegen eine durchschnittliche Jahresstundenzahl von lediglich 1.371 Stunden. Der durchschnittliche Japaner arbeitet somit um 348 Stunden im Jahr mehr als ein deutscher Arbeiter. Umgerechnet entspricht dies etwa drei Monaten.

Die genannten Missverhältnisse mögen ein Grund sein, warum sich die japanische Regierung nun dazu entschlossen hat, dem Phänomen "Karoshi" entgegenzusteuern - vier Jahre, nachdem Ministerpräsident Shinzo Abe einen notwendigen Wandel der Arbeitskultur ausgerufen hatte. Die Tage scheinen gezählt, in denen dem Tod durch Überarbeitung, ähnlich wie dem Freitod eines Samurai, etwas Heldenhaftes anhaftete.

So kündigte die Regierung im Dezember zudem an, dass sie die Arbeitsverhältnisse der Japaner künftig einer stärkeren Kontrolle unterziehen möchte. Dies bedeutet etwa auch, dass neben der Einführung des "Premium Friday" auch Unternehmen, deren Mitarbeiter mehr als 80 Überstunden monatlich leisten, öffentlich genannt und dadurch bloßgestellt werden sollen. Dies soll ebenso für Unternehmen gelten, bei denen in mehreren Niederlassungen Todesfälle durch Überarbeitung auftreten.

Nach dem Atomunfall infolge der Tsunamikatastrophe vom März 2011 in Fukushima entwickeln sich die Folgekosten in einem Ausmaß, das weit über die ursprünglichen Annahmen hinausreicht.

Derweil kämpft Japan auch mit einer weiteren Herausforderung: Die permanenten Überstunden fördern darüber hinaus auch nicht die Kampagne der Regierung, mit der diese für mehr Familiengründungen wirbt. Was die Kinderarmut und die damit einhergehende gesellschaftliche Vergreisung anbelangt, belegt Japan weltweit den Spitzenplatz.

Die Gründe hierfür sind vielfältig. Wenn sich junge Japaner heute trotz des enormen Arbeitsdrucks für eine Familie entscheiden, wird beispielsweise die spätere Ausbildung der Kinder extrem teuer.

Hinzu kommt die Tatsache, dass Festanstellungen, spätestens seit der Finanzkrise beginnend im Jahr 2008, trotz bester Abschlüsse Seltenheitswert aufweisen. Auch sehr gut ausgebildete junge Japanerinnen sehen ihr Lebensideal nicht mehr zwingend in der Gründung einer Familie und sind darüber hinaus auch nicht mehr auf einen Ehemann als Versorger angewiesen.

Immer mehr junge Japaner mögen auch nicht mehr in die Fußstapfen ihrer Eltern treten, die oft bis zur Erschöpfung und darüber hinaus arbeiteten und die sie nur selten zu Gesicht bekommen hatten. Das bisherige Gesellschaftsmodell verliert mehr und mehr an Attraktivität in der jungen Generation. Auch die Tage des "Karoshi" scheinen damit - hoffentlich - gezählt zu sein.

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