Die Samsung-Republik: "Sie haben nur mit dem Volk gespielt"

Die Samsung-Republik: "Sie haben nur mit dem Volk gespielt"
Proteste in Soul gegen die amtierende Präsidentin Eun Park.
Die politische Krise in Südkorea spitzt sich zu. Gegenüber RT Deutsch weist Professor Shin Dong Kim in Seoul darauf hin, dass es vor allem um systematischen Einfluss des größten IT-Konzerns in Asien geht: Samsung ist seit Jahren für maßlosen Einfluss auf die Politik bekannt.

von Olga Banach

Am Samstag demonstrierten Millionen Koreaner gegen ihre derzeitige Präsidentin Park und die Herrschaft des Samsung-Konzerns. Alles deutet darauf hin, dass die Firma starken Einfluss auf die Politik genommen hat. Ein Gespräch mit Shin Dong Kim, einem südkoreanischen Professor für Kommunikationswissenschaften, über die jüngsten Entwicklungen des Skandals um Präsidentin Park.

Südkoreas Präsidentin Park Geun-hye im Gespräch mit dem kasachischen Präsidenten Nursultan Nazarbayev in Seoul, Südkorea, 10. November 2016.

Sehr geehrter Herr Kim, könnten Sie sich unseren Lesern kurz vorstellen? 

Gerne. Mein Name ist Shin Kim und ich unterrichte seit zwanzig Jahren Medien und Kommunikation an der Hallym Universität Seoul. Ich publiziere auch über koreanische Medien und Politik, die allgemeinen Entwicklungen der neuen Medien und die sozialen Auswirkungen. 

Könnten Sie unseren RT-Deutsch-Lesern die derzeitigen Ereignisse in Südkorea erklären? In der deutschen Presse wird das Thema Samsung kaum behandelt. 

Das ist seltsam, da Deutschland zu Beginn der Skandale direkt betroffen war. Denn Choi versteckte sich in Deutschland und ist nun in Untersuchungshaft in Korea. Auch deren Tochter hält sich noch in Deutschland auf. Aber vielleicht ist diese noch zu jung, um in den Skandal verwickelt zu sein.  

Wir, das südkoreanische Volk, haben bei der Präsidentschaftswahl eine schlechte Entscheidung getroffen. Park erhielt damals 51 Prozent der Stimmen. Ihre Gegner wussten dort bereits, dass sie keine intelligente Kandidatin war. Sie hat, ihre politische Karriere bis zur Wahl betreffend, nichts Besonderes erreicht. Aber dennoch hat sie es, dank der Karriere ihres Vaters, weit gebracht. Sie war populär genug, um zur Präsidentschaftskandidatin zu avancieren. Obwohl viele ihrer engen Freunde und politischen Kollegen wussten, dass sie dumm ist, war ihnen auch bewusst, dass sie genügend Popularität hatte, um gewählt zu werden.

Aber seit ihrer Wahl hat sie in Südkorea keinerlei positive Entwicklungen erreicht. Alles verschlechterte sich: die Steuern, die Wirtschaft, internationale Beziehungen sowie die Beziehungen mit Nordkorea. Jetzt wissen wir, was sie getan hat. Wir waren der Ansicht, dass sie auch trotz ihrer fehlenden Intelligenz die politische Routine verrichten könnte. Aber die großen Firmen, ihre Unterstützer und politischen Kollegen haben nur mit dem Volk gespielt. Sie haben es so aussehen lassen, als hätte sie ihre Arbeit verrichtet. 

Was hat sie verändert?

Die Menschen versammeln sich jedes Wochenende zum Protest vor dem „Blauen Haus“, dem südkoreanischen Parlament. Aber ihre Haltung blieb in den letzten vier Wochen unverändert. Sie hat ihr Volk weiterhin belogen und hört nicht darauf, dass sie das Vertrauen ihrer Wähler verloren hat. 

Einer Studie nach zu urteilen, glauben 93 Prozent der Koreaner daran, dass sie eine Fehlbesetzung ist. Bis jetzt ist ihre Reaktion sehr enttäuschend. Sie tritt nicht in den Medien auf und nutzt ihre Sprecher, um sich Gehör zu verschaffen. Sie verschanzt sich in ihrer Präsidentschaft. 

Demonstranten verkleiden sich mit Gesichtsmasken der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye (rechts) und ihrer Beraterin Choi Soon-sil, 27. Oktober 2016.

Wie steht es um Frau Choi? 

Sie steht unter Arrest und ist nicht in Kontakt mit den Medien. Sie wartet auf ihren Prozess. Sie spielte eine der Hauptrollen im Skandal. Aber wir sind noch immer bei der Aufarbeitung, was genau passiert ist. Samsung stand hinter ihr und hat sie mit sehr viel Geld gefüttert. Sie haben sie zu ihrer Marionette gemacht, weil sie wussten, wieviel Einfluss sie auf die Präsidentin hatte.

Frau Choi ist keine politische Expertin, dennoch war sie in zahlreiche politische Entscheidungen involviert. Von der THAAD-Raketenabwehrstationierung bis über Waffenkäufe von den USA. Wir nehmen allerdings an, dass sie einen Berater hatte. Daher wird nun Samsung näher untersucht. Es ist bekannt, dass Samsung sie geschmiert hat und ihr einen professionellen Coach beiseite stellte, um Entscheidungen zu treffen, die Samsung begünstigten. 

Was sind Samsungs Interessen?

Zwei Samsung-Tochtergesellschaften wollten sich vereinigen. Hierfür bedurfte es der Zustimmung der Großanteilseigner. Eine der größten war die nationale Rentenmanagement-Agentur, die Teil der Regierung ist. Diese Regierungsagentur hat unsere Rentengelder in Samsung investiert. Für die Rentenagentur bedeutete die Verflechtung der Tochtergesellschaften einen herben monetären Verlust. In einer rationalen und normalen Situation hätte sie diesem Plan nicht zustimmen können. Aber skurrilerweise hat der Chef der Agentur dem Deal zugestimmt und dies trotz der Verluste. 

Dass Samsung hinter dem Skandal steckt, wird nun zu einer Tatsache und es wird ein Verfahren geben. Die Vereinigung der Tochtergesellschaften bedeutete für Samsung einen hohen Gewinn und die Möglichkeit, den Chefposten des derzeitigen Inhabers an seinen Sohn weiter zu vererben. 

Frau Choi war ein Mittel, um Park zu beeinflussen und diesen Deal Wirklichkeit werden zu lassen. Präsidentin Park war zu naiv und gierig, um auf Samsungs dunklen Plan angemessen zu reagieren. 

Ist es also die Firma Samsung, die Korea regiert?

Das wird derzeit stark vermutet. Aber vieles liegt außerhalb der Macht des Volkes. Samsung hat tausende Anwälte. Der Präsident ändert sich alle fünf Jahre, aber die Besitzer Samsungs bleiben. Alle sind von der Firma abhängig: die Politiker, die Medien mit ihren Geldern durch Samsung-Werbung, die Presse, die Journalisten. Man muss schon sehr mutig sein, um gegen Samsung anzugehen. Wir nennen Korea auch die „Samsung-Republik“ im Volksmund. Wir haben natürlich auch andere Firmen, aber irgendwie sitzt Samsung immer an der Spitze von diesen.  

Die machtführende Partei ist nun zerstritten und es gibt keinen Weg zurück zueinander. Ein Teil ist pro Park, der andere gegen sie. Es ist nur eine Frage der Zeit, dass die Partei zusammenbricht. Jeder Teil erwartet ein Ausscheiden des anderen Teils. Aber die Überlebenden der Partei werden die Parteigelder erben. Und somit will keiner Platz machen. 

Einige Politiker der Opposition fordern eine Verfassungsänderung und einen Rücktritt der Präsidentin. Unsere Verfassung betreffend gilt: Wer auch immer Präsident ist, ist unantastbar. Auch die Presse kann leicht kontrolliert werden. Aber diesem Problem müssen wir uns annehmen, wenn wir uns der Präsidentin entledigt haben. 

Hatte der Skandal irgendeine Auswirkung auf Nordkorea? 

Bis jetzt ist es sehr gut, dass Nordkorea stillhält und nicht reagiert. Nordkorea wartet. Ich denke, dass Nordkorea die Entwicklungen als positiv erachtet. Unter Park war die Richtung gegenüber Nordkorea sehr feindselig. Nord- und Südkorea wollen das Gleiche: Parks Rücktritt. 

Auf welche Weise war Parks Politik gegenüber Nordkorea feindselig?

Es gab keinen Dialog mit Nordkorea und sie schloss Fabriken im Kaesong-Gebiet. Und dies, obwohl es keinen Grund für die Schließungen gab. Es wurde deutlich, dass diese Entscheidung von Choi getroffen wurde. Warum, entgeht jeder rationalen Erklärung. Choi ist verrückt. Deshalb konnten wir viele Entscheidungen in der Vergangenheit nicht verstehen. 

Ich habe gelesen, dass die Japaner Informationen an ihre Landsleute verteilen, wie sie sich im Falle eines nordkoreanischen Raketenangriffs verhalten sollten. Wie ist die Atmosphäre in Südkorea in Bezug auf die Spannungen mit dem Norden?

Wenn Sie die ausländische Presse lesen, sagt diese immer das Gleiche: sie warnt vor Konflikten und vor Krieg mit Nordkorea. Aber wenn man in Südkorea lebt, denkt man seltsamerweise nicht daran. Der Norden existiert in unserem Alltag nicht. Wir haben keine Zeit, über den Norden nachzudenken und im Moment bereiten sie uns keine Sorgen. Denn wenn Nordkorea jetzt Probleme bereiten würde, würde Park dies nutzen. Es wäre eine Entschuldigung für sie, eine militärische Mobilisierung auszurufen und vom Skandal abzulenken. 

Ich weiß, dass Sie eine Tochter haben. War die Präsidentin Park nicht auch ein Zeichen der Hoffnung, dass in einem noch chauvinistischen Land wie Südkorea es endliche eine Frau an die Spitze des Landes geschafft hat? Wenn man sich den „Gender Gap Index“ im weltweiten Vergleich ansieht, steht Korea nicht gut da. 

Darüber habe ich gestern in meinem Unterricht gesprochen und es ist sehr traurig, dass dies die Realität ist. Die männliche Dominanz ist sehr stark von Japan über Korea bis China. Taiwan, Singapur und Hongkong sind da vielleicht etwas besser, was ostasiatische Industrieländer anbelangt. Wir haben hier noch einen langen Weg vor uns.

Ich weise daher meine Tochter an, in den USA zu bleiben oder in Europa zu arbeiten. Ich habe meine Kinder dazu erzogen, Kosmopoliten zu sein und keine Nationalisten. Wenn es etwas in unserem Land gibt, von dem wir zuviel haben, dann sind es Nationalisten. Es gibt nun auch Erziehungsprogramme in Korea, die die Gleichheit zwischen Mann und Frau lehren. Sexuelle Belästigung ist ein großes Problem in Korea. 

Wie ist Ihr politischer Ausblick für die nächsten Wochen?

Die führende Partei und die Opposition werden sich voraussichtlich am 9. Dezember darauf einigen die Präsidentin ihres Amtes zu entheben. Dann verliert die Präsidentin ihre Macht und schließlich muss der Staatsgerichtshof hierzu ein Urteil fällen. Zwischenzeitlich wird der jetzige Premierminister die Macht übernehmen. Innerhalb von 60 Tagen muss ein neuer Präsident gewählt werden.

Dies ist nicht weiter schwer, es gibt mehrere Kandidaten, die in Frage kämen. Was aber weiterhin unklar bleibt, ist, wie wir gegen Samsung vorgehen können und eine notwendige politische Reform erringen. Aber man kann nie wissen, was morgen passieren wird. Die Nachforschungen sind noch im Gange und die koreanischen Medien können die Tatsachen in jede Richtung lenken.  

Olga Banach: Ich bedanke mich für das Gespräch.

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