Südkorea im Schock: Zwischen Sekten und Diktatoren-Kindern

Südkorea im Schock: Zwischen Sekten und Diktatoren-Kindern
Demonstranten verkleiden sich mit Gesichtsmasken der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye (rechts) und ihrer Beraterin Choi Soon-sil, 27. Oktober 2016.
Südkorea hatte sich zu einem Musterland in Asien entwickelt. Wirtschaftlich überholte das Land endlich die japanische Konkurrenz. Aber nach Mängeln bei Samsung bahnt sich nun ein politischer Skandal an. Auf riesigen Demonstrationen wird der Rücktritt der Präsidentin gefordert.

von Olga Banach

Bei Südkorea handelt es sich im Jahr 2016 um ein entwickeltes Land mit der höchsten Ungleichheit zwischen Mann und Frau. Es ist ein hoch industrialisiertes Land, in dem junge Frauen und Mädchen zum Abschluss der Schule von ihren Eltern Schönheitsoperationen geschenkt bekommen. Kieferknochen werden gebrochen, um das Gesicht schmaler wirken zu lassen, Beine operativ verlängert und begradigt. Seit dem Jahr 2013, nur Tage nach dem dritten Nukleartest Nordkoreas, regiert jedoch eine unverheiratete Frau die asiatische Tiger-Insel: Park Geun Hye.

Diese Sensation könnte aufgrund der jüngsten Skandale um sie bald ein Ende finden. In der vergangenen Woche kamen in der Hauptstadt Seoul bei Massendemonstrationen bis zu 30.000 Teilnehmer zusammen. Sie forderten den Rücktritt ihrer Präsidentin, die in koreanischen Medien bereits als „Rasputin“ bezeichnet wird.

Am Montag nahm die Polizei eine enge Vertraute der koreanischen Präsidentin fest. Bei Choi Soon-sil handelt es sich um die Tochter eines bekannten Sektenführers. Die öffentliche Anklage gegen Choi Soon-sil lautet auf Korruption. Choi soll sich Spendengelder zu Nutze gemacht haben. In den Medien kursieren Zahlen von 70 Millionen Dollar, die aber noch der Prüfung bedürfen.

Als Choi am Dienstag zum Verhör gebracht wurde, versuchte ein Koreaner sie anzugreifen. Er äußerte später gegenüber der Polizei, dass Choi Soon-sil ein Verbrechen begangen habe, für dass sie den Tod verdiene. Er habe ihr dabei behilflich sein wollen. Diese Ereignis zeigt an, wie aufgeheizt die Stimmung ist.

Südkorea ist in einem Skandal gefangen, der in diesem Ausmaß noch nie dagewesen ist. Im Mittelpunkt steht die bekannte religiöse Gruppe 'Kirche für ein ewiges Leben'. Dies ist der Name der Sekte, der Choi angehört. Es handelt sich um eine Glaubensrichtung mit einer Mischung aus Buddhismus, Christentum und konfuzianischem Schamanismus.

Seit die spätere Präsidentin Park Geun Hye 23 Jahre alt war, pflegte sie eine Beziehung zu Choi und deren Vater, der sich als ein Gesandter Gottes sah und die 'Kirche für ein ewiges Leben' begründet hatte. 

Am Anfang dieser Beziehung stand ein tragisches Attentat, bei dem Parks Mutter umkam. Eigentlich hatte der Angriff ihrem Vater gegolten. Ihr Vater, Park Chung-hee, war damals Präsident, der das Land fast zwei Jahrzehnte lang führte. Park Chung-hee stand für eine gute ökonomische Entwicklung des südlichen Koreas, aber auch für eine diktatorische Führung, die den demokratischen Fortschritt unterdrückte.

Bei Choi und deren Vater fand sie Trost in dieser Zeit, versprach ihr die Sekte durch sie in Kontakt mit der getöteten Mutter treten zu können. Nach der Ermordung ihrer Mutter wurde Park zu Koreas „First Lady“, was sie auf ihre spätere politische Karriere vorbereitete. Im Jahr 1979 tötete sein eigener Geheimdienstchef den Präsidenten nach einem gescheiterten Putsch.

Die Beziehung Parks zu der Sekte war dem Volk zuvor bekannt geworden. Zuvor hieß es aber lediglich, dass Park persönliche und keine politischen Beziehungen zur Choi-Familie gepflegt habe. Nun scheint es, als wurde das Land von einem unheimlichen Familienclan gelenkt. Die Öffentlichkeit diskutiert, ob Choi Soon-sil Entscheidungen für Park getroffen und Einfluss auf die Politik Koreas genommen hat. Steckte hinter der Beziehung zur Sekte ein lang gehegter Plan, Park an die Spitze des Landes zu bringen? 

Das Land rätselt über den Skandal. Es soll angeblich einen Geheimbund mit dem Namen „Acht Göttinnen“ geben, welchem Park angehört und der die Geschicke Südkoreas lenkt. Der Ärger darüber, dass das Land international das Gesicht verliert, ist groß. Nordkorea nutzt den Skandal, um im eigenen Volk Stimmung gegen den liberalen Süden zu machen. Südkorea sei ein schlechtes Beispiel für ein von Korruption durchtränktes System.

Die nun verhaftete Choi erklärte noch in der letzten Woche vor der koreanischen Presse, dass sie Entwürfe für Parks Reden nach deren Wahl erhalten habe, aber nie Zugriff auf andere offizielle Dokumente hatte. Auch habe sie nie Einfluss auf staatliche Entwicklungen gehabt, oder sich finanziell begünstigen lassen. 

Doch die Gerüchteküche brodelt. In Korea geht sogar das Gerücht um, Park habe mit dem Schiffsunglück im Jahr 2014 zu tun, bei dem 250 Kinder an Bord ums Leben kamen. Denn Bilder von Park, die sie mit ihrem Volk geeint in Trauer zeigten, gab es damals nicht. Sie war bei einer Trauerfeier, um den 20. Todestag von Chois Vater, dem Sektenführer, zu feiern. 

Laut Umfragen schenken ihr nur noch 17 Prozent ihr Vertrauen. Der Skandal war auch an der koreanischen Börse spürbar. Bisher haben alle Bemühungen und öffentlichen Entschuldigungen Parks das Volk nicht dazu bewegen können, seine Meinung zu ändern. 

Koreanische Schüler im In- und Ausland haben sich inzwischen dem Protest angeschlossen und Poster in ihren Schulen aufgehängt, die den Rücktritt Parks fordern. Ihr Ärger richtet sich auch gegen die materielle Ungleichheit der Bevölkerungsschichten. Reiche Schüler hätten bessere Chancen in ihrem Land:

„Korea ist ein Land, in dem nicht nur eine Sektenführerin das Sagen in der Politik hat, es werden auch die Hoffnungen und Träume von hart arbeiteten Studenten zerstört und zertreten -  von einer handvoll Leute, die mit einem Silberlöffel im Mund zur Welt kommen.“

Chois Tochter Chung soll Vorteile bei der Benotung gehabt haben. Chung soll sich in Sozialen Medien folgendermaßen geäußert haben:

„Wenn du arm bist, mach deine Eltern verantwortlich. Geld ist Kompetenz!“  

Inzwischen hat Park Geun-hye einen neuen Premierminister und einen Finanzminister ins Amt berufen. Aber in einem Land, dessen Kultur auf Kollektivismus beruht, ist es schwer, nach derartigen Skandalen und Gerüchten wieder eine Harmonie herzustellen. Nächste Demonstrationen sind für den 12. November angekündigt.