Leak: Videoaufnahme zeigt Treffen von Vertretern der pakistanischen Regierung mit Terroristen-Chefs

Indische Soldaten tragen einen Sarg mit dem Körper ihres Kollegen Ravi Paul, der bei einem Attentat auf einen indischen Armeeposten in Kaschmir sein Leben ließ, 19. September 2016.
Indische Soldaten tragen einen Sarg mit dem Körper ihres Kollegen Ravi Paul, der bei einem Attentat auf einen indischen Armeeposten in Kaschmir sein Leben ließ, 19. September 2016.
"Nicht offizielle Akteure", so nennt man eine Reihe terroristischer Gruppen in Pakistan, die mit Anschlägen den Konflikt mit Indien anheizen. Geleakte Videoaufnahmen werfen nun neue Fragen über das Verhältnis zwischen Terroristen und der Regierung in Islamabad auf.

von Olga Banach

Ein überaus brisantes Dokument bringt die pakistanische Führung in Rechtfertigungsnot – inmitten einer gefährlich zugespitzten Konfliktsituation rund um die Provinz Kaschmir. Die Aufnahme, die der in Indien operierende, englischsprachige Nachrichtensender NewsX veröffentlicht hat, zeigt Repräsentanten der pakistanischen Regierung zusammen mit bekannten Anführern von Terrorgruppen.

Screenshot NewsX Video
Screenshot NewsX Video

Bestätigt das angebliche Beweismittel eine Verbindung zwischen der pakistanischen Regierung und den jüngsten Anschlägen pakistanischer Terroristen in Kaschmir, bei denen insgesamt 18 indische Soldaten ermordet wurden?

Auf dem Bild ist unter anderem Hafiz Saeed zu sehen, einer der mutmaßlichen Verantwortlichen für die Serie von Terroranschlägen, die im November 2008 erschütterten. Auch Abdullah Gul ist zu erkennen, der Sohn des ehemaligen pakistanischen Geheimdienstchefs Hamid Gul, der nach seiner Hinwendung zum radikalen Islamismus auch als "Pate des Terrorismus" bezeichnet wurde und 2015 starb. Gul unterstützte die Gruppe Hafiz Saeeds. Mit dem Ableben seines Vaters scheint nun der Sohn die ehemaligen Verbindungen zu der Terrorgruppe übernommen zu haben.

Im Zusammenhang mit dem Kaschmir-Konflikt ist der Name Hafiz Saeed in pakistanischen Regierungskreisen und am Rande internationaler Regierungstreffen bereits wiederholt aufgetaucht. Erst 2012 lobten die USA ein Kopfgeld von 10 Millionen US-Dollar auf Saeeds Ergreifung und Auslieferung aus, denn den Anschlägen in Mumbai waren auch sechs Amerikaner zum Opfer gefallen.

Auch Indien fordert seit 2008 die Auslieferung des mutmaßlichen Topterroristen, aber bisher gibt es kein Auslieferungsabkommen zwischen beiden Ländern. Heute lebt Saeed unbehelligt in einem Haus in Lahore, welches eher einer Festung gleicht.

Bei einem außenpolitischen Treffen von pakistanischen Regierungsmitgliedern, bei dem es um die zunehmende internationale Isolation Pakistans ging, warf der pakistanische Politiker Rana Muhammad Afzal die Frage auf:

Welche Früchte birgt Hafiz Saeed, dass wir ihn weiterhin durchfüttern?

Auch Maulana Sami ul Haq, der Kopf des berüchtigten "Haqqania-Seminars", einer augenscheinlichen Kaderschmiede für Dschihadisten, war angeblich Teilnehmer des Treffens, auf das sich das Enthüllungsfoto bezieht. Ul Haq rühmt sich damit, einst den Taliban-Anführer Mullah Omar unterrichtet zu haben. Die umstrittene Bildungseinrichtung liegt an der Grenze zu Afghanistan und gehört zu jenen religiösen Schulen, aus denen die Pakistanis und die Amerikaner einst Dschihad-Kämpfer rekrutierten, um gegen die sowjetische Präsenz in Afghanistan zu kämpfen.

Heute bringt sie vor allem Talibankämpfer hervor, die sich auf militante Weise gegen die westliche Präsenz in Pakistan und Afghanistan wenden. Einer Unterstützung vonseiten der pakistanischen Regierung steht dies jedoch nicht entgegen: Die Schule erhielt erst jüngst in diesem Sommer drei Millionen US-Dollar an Zuwendung vonseiten der Regierung. Diese begründete die großzügige Unterstützung unter anderem damit, dass das Seminar einem Plan folge, die Madrasas anderen Schulen anzupassen.

Die Schüler der Einrichtung entstammen für gewöhnlich Familien, die nicht in der Lage sind, die Schulgelder in privaten oder öffentlichen Schulen zu bezahlen.

Auch die Haqqani-Brüder sind auf dem Bild zu sehen. Das berüchtigte Haqqani-Netzwerk ist eine afghanische Terrorgruppe, die von Maulvi Jalaludin Haqqani und dessen Sohn Sirajuddin Haqqani geleitet wird. Jalaludin ist bekannt für seine Erfolge bei der Rekrutierung fremder Kämpfer für den bewaffneten Dschihad. Auch Osama Bin Laden begann einst seine Terror-Karriere als Haqqani-Kämpfer. Ziel der Gruppe ist die flächendeckende Durchsetzung strengster islamischer Regeln in Afghanistan. Die Haqqani-Anhänger sind dabei eng mit al-Qaida verbunden, verfolgen aber im Unterschied zu dieser keine Ambitionen in Richtung eines globalen Dschihad.

Damit war die Riege der bekanntesten mutmaßlichen Terror-Köpfe in Pakistan, die sich dem Bild zufolge mit Regierungsvertretern ein Stelldichein gegeben haben sollen, noch nicht vollständig.

Auch der Anführer der offiziellen Partei "Awami Muslim League", Sheikh Rashid, soll bei dem Treffen zugegen gewesen seien. Bekannt wurde er durch seine derbe Redensart und durch Hetzkampagnen, für welche bereits mehrere Staatsanwälte ihn in Pakistan vor Gericht stellen wollten.

Auch wenn sich die Echtheit des Bildes bis dato nicht zweifelsfrei belegen lässt, bestärkt es doch in weiten Teilen der Gesellschaft gehegten Argwohn hinsichtlich einer möglichen Verbindung der Politik mit fragwürdigen und zum Teil extrem gefährlichen Akteuren.

Der Parteiführer der linken, oppositionellen "Pakistan People's Party", Aitzaz Ahsan, erklärt dazu:

Die Regierung hat bei der Einengung nicht offizieller Akteure völlig versagt.

Eine vorsichtige Umschreibung für die Existenz von Terroristen im eigenen Land und die – ob gewollt oder ungewollt - im Ergebnis jedenfalls unzureichenden Anstrengungen, deren Aktionsradius einzudämmen.

Diese "nicht offiziellen" Akteure würden bis heute Proteste leiten und die Menschen indoktrinieren.

Ahsan betonte zudem:

Ich will keine Instabilität in irgendeinem Land, denn dann fällt die Schuld wegen dieser nicht offiziellen Akteure auf uns.

Der Politiker kritisierte auch die generelle, ungeprüfte Abwehr aller Behauptungen hinsichtlich einer möglichen Involvierung Pakistans in die Anschläge in Kaschmir vonseiten der Politik. Es sei äußerst unklar, ob nicht tatsächlich die "Inoffiziellen" dahinterstecken.