Heute vor 15 Jahren begann der Afghanistan-Krieg: Die Taliban überrennen Kunduz

Heute vor 15 Jahren begann der Afghanistan-Krieg: Die Taliban überrennen Kunduz
Der "Angriff beweist das Scheitern der USA in Afghanistan". Die Taktik der Taliban, der Regierung in Kabul und ihren westlichen Verbündeten gezielte Nadelstiche zu versetzen, hatte zu Beginn der Woche in Kunduz erneut Erfolg. Die Miliz konnte mit einer Offensive bis in den Stadtkern vordringen.

Pünktlich zum 15. Jahrestag der ersten amerikanischen Angriffe auf Afghanistan haben die islamisch-konservativen Taliban-Milizen am Sonntagabend die wichtige nordafghanische Stadt Kunduz angegriffen.

Die Einheiten rückten bis in das Stadtzentrum vor. Die Aufständischen plünderten unter anderem Militär- und Polizeiposten. Inzwischen sollen NATO-Kampfflugzeuge und Spezialeinheiten den Stadtkern wieder freigekämpft haben. Der Vormarsch der Taliban beweist, dass der Westen mit seinem im Jahr 2001 gefassten Vorhaben gescheitert ist, die Miliz effektiv zu bekämpfen.

Der Einmarsch sollte den mutmaßlich verantwortlichen für die Angriffe auf das Pentagon und die World Trade Center in den USA, Osama bin Laden, aus dem nordostasiatischen Land vertreiben. Die amerikanischen Sicherheitsbehörden benannten zwar hauptsächlich Staatsbürger Saudi-Arabiens als angebliche Täter. Da das Netzwerk der internationalen Mudschahedin, al-Qaida, bei den afghanischen Taliban zu Gast war, richtete sich der erste Vergeltungsschlag gegen das völlig verarmte Land. 

Inzwischen haben die Taliban zum wiederholten Mal die Stadt Kunduz eingenommen. Wie bereits 2015 stießen die Taliban im Rahmen einer koordinierten Offensive auf Kunduz vor. Damals hielten die islamischen Kämpfer die Stadt für rund zwei Wochen unter ihrer Kontrolle. Diesmal behauptete das Innenministerium bereits am Tag nach dem Angriff, der Feind würde fliehen, die Realität sah nach dem nächtlichen Angriff zu Beginn der Woche jedoch lange Zeit kritisch aus.

Die Taliban hatten in kleinen Gruppen die Stadt infiltriert. Anschließend begannen sie, in konzentrierter Art und Weise Sicherheitskräfte anzugreifen. So fanden Kämpfe unter anderem vor dem Hauptquartier des Geheimdienstes und dem wichtigsten Rekrutierungsbüro der Armee statt.

Der Hauptplatz und mehrere Stadtteile wurden überrannt", berichtete der Fernsehsender Tolo TV.

Zu Beginn der zweiten Nacht, in der die Kämpfe andauerten, blieb die Lage unübersichtlich. Mit massiver Unterstützung vonseiten der USA brachten die afghanischen Sicherheitskräfte in einem Großeinsatz die Stadt wieder unter ihre Kontrolle, berichtete die Tagesschau am Dienstag. Der Polizeichef der Stadt informierte, dass rund 25 Taliban dabei getötet wurden. Darüber hinaus seien "mehrere Plätze zurückerobert" worden.

Experten bezweifeln diese offiziellen Berichte. Sie vermuten, dass die Kämpfe in der Stadt und Region noch anhalten. Die Regierung in Kabul gibt sich zögerlich. Die internationale Nachrichtenagentur AFP berichtet, dass sich die Kämpfer der Taliban an den Stadtrand zurückgezogen hätten. Reuters hingegen spricht von weiteren Zusammenstößen im Stadtkern.

Der Afghanistan-Experte Ahmet Yar veröffentlichte auf Twitter Videomaterial der Taliban aus Bala Hisar. Dieser Ort liegt am Stadtrand von Kunduz, von wo aus die Gruppe afghanische Sicherheitskräfte mittels Mörsergranaten ins Visier nimmt.

Die außergewöhnliche schwache Verfassung der afghanischen Streitkräfte auch noch nach jahrelanger Ausbildung wirft in jedem Fall eine Reihe von Fragen auf. Beweisvideos zeigen, wie die Taliban zahlreiche Posten der Armee und Polizei im Handstreich einnehmen konnten. Dabei fanden sie umfangreiche Waffenarsenale und plünderten diese.

Kunduz steht nicht zuletzt deshalb im Fokus der überregionalen Aufmerksamkeit, da ausgerechnet die Bundeswehr bis 2014 dort eine große Militärbasis unterhielt. Noch immer findet sich am Stadtrand eine kleinere deutsche Militärpräsenz wieder, die afghanische Sicherheitskräfte berät – offenbar nicht in einer sehr effizienten Art und Weise. Trotz jahrelanger deutscher Militäraktivitäten in Kunduz konnten die Taliban, die seit 2001 vom Westen bekämpft werden, diese Stadt zum zweiten Mal binnen eines einzigen Jahres überrennen.

Verstörend wirken dabei auch Aussagen des Brigadegenerals Hartmut Renk, Kommandeur der deutschen Einheiten in Nordafghanistan, gegenüber der Tagesschau über die Lage in Kunduz am Montag. Er bestätigte:

Wir haben Kämpfe an allen vier Stadträndern. Wir haben aber auch eine kleine Gruppe in der Stadt."

Insgesamt handle es sich dabei aber um eine nur "kleine Gruppe" an Taliban. "Die Taliban sind nur leicht bewaffnet und dadurch extrem mobil", zitiert die Tagesschau Renk. "Dem zu begegnen ist unglaublich schwer."

Im Gespräch mit RT machte die politische Analystin Catherine Shakdam die USA mitverantwortlich für die Entwicklungen in Kunduz. Ihrer Meinung nach scheiterte der Westen daran, die Kernprobleme des Landes anzugehen. Dazu gehöre in erster Linie die Bekämpfung von Armut und Perspektivlosigkeit. Außerdem würde die Bevormundung vonseiten der USA dazu führen, dass die Regierung in Kabul keinerlei Legitimität unter der Lokalbevölkerung genießt.

Am Dienstag begann die sogenannte 11. Internationale Geberkonferenz Afghanistan. Diese findet in Brüssel statt. Dabei setzt die pro-westliche Regierung in Kabul vor allem auf neue westliche Finanzzuwendungen für den Wiederaufbau des Staates.