"Jangmadang": Nordkorea und die kapitalistische Revolution aus dem Untergrund

DATE IMPORTED:
18 September, 2016
Der nord-koreanische Präsident Kim besucht eine Apfelfarm der Kosan Combined Fruit Farm, Pyongyang, September 2016.
DATE IMPORTED: 18 September, 2016 Der nord-koreanische Präsident Kim besucht eine Apfelfarm der Kosan Combined Fruit Farm, Pyongyang, September 2016.
Sanktionen sollen Nordkorea und seine Bevölkerung isolieren. Dieser Weg bewirkt jedoch keinen Sinneswandel in dem Land. Nun versuchen Sympathisanten, mittels geheimer Kapitaltransfers in den Norden die Entstehung dezentraler Märkte zu fördern.

Von Olga Banach

Südkoreanische Luftstreitkräfte schauen auf ein E-3 Sentry AWACS, US-Luftwaffenbasis in Osan, Südkoera.

Während die Phalanx der Verbündeten Seouls im Süden Koreas unter Protesten der Bevölkerung amerikanische Raketenabwehrsysteme gegen die vermeintlich allgegenwärtige Bedrohung aus dem Norden einrichtet und die Welt über weitere Sanktionen verhandelt, findet weithin unbemerkt ein geheimer Kapitalfluss in den Norden statt. Dieser ist Ausdruck eines Versuches, dort die Lebensbedingungen zu verbessern.

"Jangmadang" werden die Geschäftstätigkeiten genannt, die in der Amtszeit des "Geliebten Führers" und Vorsitzender des Komitees für Staatsangelegenheiten der "Demokratischen Volksrepublik Korea", Kim Jong Un, eine Hochblüte erleben. Es handelt sich dabei um kleinere Geschäfte mit selbst hergestellten oder erworbenen Produkten aus China, die es den Betreibern ermöglichen, sich ein wenig von der Abhängigkeit vom Regime zu befreien.

Zu den bedeutsamsten Unterstützern dieser Geschäfte im Norden gehört ein im Süden lebender Abtrünniger des nordkoreanischen Regimes, der sich zunächst nach China abgesetzt hatte. Dieser erhofft sich von seinen Beiträgen zur nordkoreanischen Wirtschaft die Entstehung eines alternativen, kapitalistischen Schwarz- oder Graumarktes.

Die Summen, die der Mann, der nicht erkannt werden will, in Richtung Norden schickt, erscheinen aus unserer Sicht schwindend gering: Neben Produkten, die zum Leben oder für die Geschäftstätigkeit erforderlich sind, stiftet der Gönner 3.000 bis 4.500 US-Dollar pro Jahr. Damit lassen sich im armen Norden jedoch viele kleinere Geschäfte eröffnen.

Gesicht hingegen zeigt der Aktivist Ji Seong-ho, ebenfalls ein Geflohener aus dem Norden, der den Weg der schleichenden kapitalistischen Revolution als richtig ansieht, da diese die Lebensumstände der Menschen verbessere. Seine Lebensgeschichte liest sich wie aus einem fiktionalen Drama, welches die brutale Lebensrealität in Nordkorea darstellt. Die Großmutter Jis starb im Norden den Hungertod, die Familie überlebte nur unter größten Mühen. Als Kind wurde er vor Hunger ohnmächtig, als er in einem fahrenden Zug unerlaubterweise nach Kohle suchte und zwischen die Waggons fiel. Der Zug fuhr über ihn hinweg und er wurde schwer verletzt.

Führerkult in Nordkorea. Dem russischen Regisseur Vitaly Mansky gelang ein außergewöhnlicher Film über das abgeschottete Land.

Die anschließende stundenlange Operation musste er ohne Betäubung über sich ergehen lassen und verlor dabei ein Bein und eine Hand. Sein Vater hatte bis zu diesem Unfall die Partei bedingungslos unterstützt. Ji, dessen Mutter und seine Schwester schafften es schließlich nach China und letztendlich nach Südkorea. Sein Vater aber wurde bei der Flucht festgenommen und zu Tode gefoltert.

Auch die südkoreanische Regierung hat den Kapitalismus als einen Weg zur Schaffung positiver Impulse zur Veränderung entdeckt und legte die Idee in einem 2015 veröffentlichten Bericht dar. Während Nordkorea jeden Kontakt seiner Bürger mit dem Süden unter Todesstrafe stellt, sieht der Süden gerne einmal weg, wenn Verwandte ihre Familienangehörigen im Norden finanziell unterstützen. Bis zu zehn Millionen US-Dollar sollen es im Jahr sein, die auf diese Weise in den Norden fließen. Dieser Weg wird nun auch von den Unterstützern der kleinkapitalistischen Entwicklung in Nordkorea beschritten.

Hong Soon-jick, Professor in einem eigens mit Blick auf den Tag X einer Wiedervereinigung gegründeten Instituts Südkoreas, macht deutlich:

Dies ist ein Weg, den Markt auszubauen und Informationen zirkulieren zu lassen."

Die bislang gewohnten Methoden der Subversion in Form des Schmuggels von USB-Sticks mit Informationen oder die Beschallung mit südkoreanischer Popmusik aus dem Süden haben bisher keinen Erfolg gebracht. Erst nach seiner Flucht lernte Ji, was Freiheit bedeutet. Für ihn war diese zuvor unabdingbar mit dem "Geliebten Führer" und der Partei verbunden.

Unterstützung statt Isolation erscheint ihm und vielen anderen jedoch als ein politisch besserer und verheißungsvollerer Weg, um den Wandel im Norden herbeizuführen. Sobald es der Bevölkerung wirtschaftlich bessergeht, so der Gedanke hinter der Strategie, wird sie auch die politische Doktrin in Frage stellen, unter der sie lebt.