Die kreative Umgehung von Zugangsbeschränkungen auf chinesischen Straßen

Die kreative Umgehung von Zugangsbeschränkungen auf chinesischen Straßen
In Chinas Metropolen gehören lokale Autokennzeichen zu jenen Luxusartikeln, deren Besitz mit hohem Sozialprestige und handfesten Privilegien einhergeht. Viele versuchen deshalb, die begehrten Schilder jenseits der Legalität zu erlangen.

von Olga Banach

Nicht wenige Reklametafeln in Shanghai erinnern Pendler daran, dass Zeit Geld ist. Jeder, der in die Stadt kommt, scheint sich schnellstmöglichst durch diese hindurchbewegen zu wollen.

Bereits auf den ersten Blick lässt sich dabei eine Transporthierarchie erkennen, die von unten nach oben wie folgt aussieht: Fußgänger, Radfahrer, Mopedfahrer, Autofahrer.

Die aufstrebende, chinesische Mittelschicht leistet sich ein Auto. Es ist ein Statussymbol, welches die Heiratschancen des chinesischen Mannes erhöht.

Mit einem Auto allein ist es aber noch nicht getan. Hier wird auch noch nach der Herkunft der Kennzeichen unterschieden. Der höchste Luxus ist ein Autokennzeichen aus Shanghai, oder aber ein Militärkennzeichen, denn nur diese Kennzeichen erlauben die uneingeschränkte Nutzung aller Straßen der Stadt zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Es gibt sogar eigens Auktionen, auf denen die begehrten Schilder versteigert werden. Dabei kann es sein, dass man gegen 2.000 Mitbieter antreten muss. In Shanghai kann ein Autokennzeichen derzeit bis zu 12.000 Dollar kosten. Viele Autofahrer kaufen daher Schilder anderer Provinzen. Die Auktionen begannen 1994 in Shanghai, andere chinesische Metropolen zogen nach. Hierbei orientierte sich die Regierung an Singapur, wo Autobesitzer ebenfalls im Wege einer Versteigerung um ein zehnjähriges Recht an einem Autokennzeichen bieten.

Chinesische Armeeangestellte haben hingegen das Privileg eines eigens gekennzeichneten Nummernschildes. Der besondere Nutzen daran: Die Polizei drückt bei Verstößen gegen Verkehrsregeln, die mittels dieser Fahrzeuge erfolgen, gerne auch mal beide Augen zu.

Natürlich sind gerade deshalb auch gefälschte Kennzeichen im Umlauf. So wurde 2011 ein chinesischer Bauer zu lebenslanger Haft verurteilt, weil er auf zwei seiner Laster gefälschte Militärschilder angebracht hatte. Auf diese Weise hatte er bis zu seiner Enttarnung über die Jahre umgerechnet 600.000 US-Dollar eingespart.

In diesem Fall musste die Regierung allerdings dem Druck der Masse nachgeben. Viele sympathisierten mit dem Bauern und machten ihrem Ärger über das harte Urteils in den sozialen Medien Luft. Außerdem wurde dieses Urteil nach der Veröffentlichung von Bildern gefällt, die im Internet kursierten. Auf ihnen waren auch Luxusautos mit Militärkennzeichen zu sehen, die vor Nachtclubs geparkt waren. Über ähnliche Maßnahmen gegen deren Besitzer war bis dahin jedoch nichts bekannt. Letztendlich wurde die Haftstrafe auf zweieinhalb Jahre reduziert.

Die neueren Militärkennzeichen sollen nun schwerer zu fälschen sein und nicht auf jedem Typ von Auto angebracht werden dürfen.

Nach Jahren der Ignoranz hat sich die Regierung zudem nun auch dem Kampf gegen den Smog verschrieben. Alljährlich sterben 1,6 Millionen Chinesen an den gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung. Besitzer von Elektroautos erhalten deshalb ihr Nummernschild jetzt umsonst. Es ist trotzdem schwer, die chinesischen Kunden vom Kauf eines Elektroautos zu überzeugen. Sie fürchten eine geringe Reichweite des Fahrzeugs und fehlende Ladestationen. Bis 2020 will die chinesische Regierung deshalb 12.000 Ladestationen in Shanghai bauen.

Das Problem der Luftverschmutzung ist hierdurch aber noch lange nicht gelöst, denn viele erwerben ein Kennzeichen einer anderen Provinz. Dieses erlaubt es den Besitzern aber nicht, die Schnellstraßen der Stadt zu Berufsverkehrszeiten zu nutzen.

Seit dem 19. Juli ist der Erwerb eines Shanghaier Autokennzeichens noch schwieriger geworden: Von diesem Tag an dürfen nur noch jene Bewohner der Metropole mitbieten, die mindestens drei Jahre lang ununterbrochen in Shanghai Steuern gezahlt und im Jahr vor der Auktion keinerlei Verkehrsverstöße begangen haben. Beijing nutzt derzeit wiederum ein Lotterieverfahren für die Vergabe der begehrten Nummern.

Der günstige Ausweg: Es gibt auch Sticker zu kaufen, die über das eigentliche Kennzeichen geklebt werden können, um die Herkunft zu vertuschen. Allerdings führt auch dies, sobald es auffliegt, zu einer Gefängnisstrafe und dem Verlust des Führerscheins. Zahlreiche Menschen in Shanghai sind jedoch so risikofreudig, wenn es darum geht, gegenüber der Konkurrenz im Sozial- und Geschäftsleben zu bestehen, dass sie auch dieses Risiko bereitwillig eingehen.