Droht neue US-Intervention in Afghanistan? Taliban in der Provinz Helmand weiter auf dem Vormarsch

Droht neue US-Intervention in Afghanistan? Taliban in der Provinz Helmand weiter auf dem Vormarsch
Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Die radikal-islamischen Taliban befinden sich in der paschtunisch dominierten Provinz Helmand weiter auf dem Vormarsch. Den Angaben eines Provinzialrats zufolge waren Kämpfer der Miliz in der Nacht zum Dienstag in das Zentrum der 17.000 Einwohner zählenden Bezirkshauptstadt Chanaschin vorgedrungen. Die Kämpfe um die Kleinstadt sollen noch andauern.

Bereits im Vorjahr war es den Taliban gelungen, mehrere Bezirke der Provinz, darunter Dischu, Baghran und Nawzad, unter ihre Kontrolle zu bringen und den Regierungseinheiten schwere Verluste zuzufügen. Von den weiteren Bezirken konnten sie wesentliche Teile erobern. Am 8. März verübten die Taliban Selbstmordanschläge auf Polizeiwachen und staatliche Einrichtungen in Girischk, der Hauptstadt des dörflich geprägten Bezirks Nahri Saraj. Dies sollte offenbar der Auftakt zu einer breit angelegten Frühlingsoffensive werden.

Die Taliban schaffen es vor allem in den fast ausschließlich von Paschtunen bevölkerten Regionen der Provinz, territoriale Gewinne zu erzielen. Ausnahme ist der südliche Bezirk Dischu, in dem auch bedeutende Anteile der Bevölkerung von Belutschen, Turkmenen oder Hazara gestellt werden.

Neben Helmand konnten die radikalen Islamisten auch jeweils einen oder mehrere Bezirke in den Provinzen Dschuzdschan an der turkmenischen Grenze, in Kunduz, wo sich bis Ende 2013 die deutsche ISAF-Mission befand, und sechs anderen Regionen unter ihre Kontrolle bringen.

Gefahr droht den Taliban derzeit vonseiten der Regierungstruppen oder lokalen Sicherheitskräfte kaum. Ihr größter Gegner sind derzeit sie selbst. In der hauptsächlich tadschikisch bewohnten westafghanischen Provinz Herat stehen einander zwei Taliban-Warlords im Kampf um die Vorherrschaft gegenüber.

Zum einen handelt es sich dabei um den aus dem Umfeld des verstorbenen Mullahs Omar stammenden Kommandanten Samad, zum anderen um den Mullah Nangiali, der in Diensten des ehemaligen Taliban-Gouverneurs von Nimrus, Muhammad Rasul, steht.

In der Vorwoche sollen im Zuge der Diadochenkämpfe in der Ortschaft Zirkoh im Bezirk Shindand nach Angaben des Gouverneursamtes 200 Taliban-Kämpfer getötet worden sein. Es soll aber auch zu Plünderungen und Übergriffen gegen Unbeteiligte und zu Tötungen von Zivilisten gekommen sein.

Auch vonseiten der dschihadistischen Konkurrenz droht den Taliban Ungemach: In den Provinzen Nangarhar und Kunar, in Ersterer gibt es eine arabische Minderheit, sollen zwischen 1.000 und 3.000 Kämpfer dem so genannten „Islamischen Staat“ (IS; Daesh) die Treue geschworen haben. Die in Nangarhar gelegene Bergregion Tora Bora wurde im Januar und Februar 2016 über mehrere Wochen hinweg von US-Truppen aus der Luft angegriffen, zudem fanden mehrere Razzien statt.

Dabei sollen mehr als 100 IS-Milizionäre ausgeschaltet worden sein. Regierungstruppen konnten mit US-Unterstützung zudem auch einen erfolgreichen Feldzug gegen den IS in Achin und Schimwar durchführen. In Helmond und Farah scheint die Terrormiliz hingegen noch unbesiegt zu sein.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg traf sich deshalb am Dienstag in Kabul mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani und stellte diesem zusätzliche Ausbilder und weitere Finanzhilfen in Aussicht. Truppen soll es vonseiten des westlichen Bündnisses jedoch nicht mehr geben.

NATO-Sprecher Wilson Shoffner geht davon aus, dass mindestens 25.000 NATO-Soldaten nötig wären, um die Taliban wieder zurückzudrängen. Ein weiterer Kampfeinsatz mit Bodentruppen erscheint jedoch in den NATO-Ländern politisch als nicht durchsetzbar.