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Vietnam feierte seinen Sieg: Über die US-Armee vor 45 Jahren – und über das Coronavirus

Vietnam feierte seinen Sieg: Über die US-Armee vor 45 Jahren – und über das Coronavirus
Ein Plakat in Hanoi fordert zum Kampf gegen COVID-19 auf. (1. April 2020)
Vietnam feierte am 30. April den 45. Jahrestag seines Sieges über die Invasionstruppen der USA. Zum gleichen Zeitpunkt gab das südostasiatische Land Entwarnung im Krieg gegen das Coronavirus. Man stellte in der zweiten Aprilhälfte keine neuen Infektionen mehr fest.

von Maria Müller

Die bisherige Bilanz der Corona-Epidemie in Vietnam: 271 Infizierte, 219 Genesene – und kein einziges Todesopfer. Und das bei einer knapp 100 Millionen zählenden Bevölkerung dieses Landes mit einer Bevölkerungsdichte von mehr als 300 Bewohnern pro Quadratkilometer!

Länder mit einer meist geringeren Einwohnerdichte, vor allem in Europa, weisen hingegen Hunderttausende von Infizierten und Zehntausende von Todesfällen auf. An erster Stelle in der Welt stehen dabei die Vereinigten Staaten mit Anfang Mai 68.276 Toten, womit sie die Zahl der gefallenen US-Soldaten in eben diesem Vietnamkrieg (58.220) überrunden, wie in den letzten Tagen durch die Presse ging.

Ein Veteran des Vietnamkriegs bei der Eröffnungszeremonie für den

Die Online- Siegesfeier und das Ende der Epidemie

Die diesjährige Siegesfeier Vietnams, die ansonsten stets von Militärparaden und massenhaft besuchten Festakten begleitet wurde, fand aus Gesundheitsgründen vorsorglich nur in einem kleinen Format "online" statt. Maximal 30 Personen durften sich dafür zusammenfinden – natürlich mit Mundschutz und im gebührenden Sicherheitsabstand, der auch eingehalten wurde. Die Vietnamesen sind ein fleißiges und diszipliniertes Volk.

"Im Moment können wir sagen, dass Vietnam das Virus abgewehrt hat", sagte Premierminister Nguyễn Xuân Phúc am Tag des Sieges. Er hatte sich bisher in seinen öffentlichen Ansprachen vorsichtig optimistisch ausgedrückt und immer an die Gefahr der Epidemie erinnert. Nun kehrt das Land allmählich zu seiner Normalität zurück, die Inlandsflüge verkehren wieder häufiger, Restaurants und Hotels öffnen nach und nach wieder, die Heimarbeit wird weniger und in den seit drei Monaten geschlossenen Schulen soll im Mai nach einem Stufenplan wieder der Unterricht beginnen. 

Manche Analytiker, die dieses südostasiatische Land in den vergangenen Monaten genauer beobachteten, schreiben den Erfolg der Vietnamesen mehreren Faktoren zu.

Präventive Notfallpläne schon im Dezember 2019

Die Regierung habe relativ schnell, entschlossen und nach einem strategischen Plan gehandelt. Laut dem Vize-Ministerpräsidenten entwickelten das Gesundheitsministerium, die Streitkräfte und die Büros der öffentlichen Dienstleistungen bereits im Dezember 2019 präventiv mehrere Notpläne für den Fall, dass es auch in Vietnam zu Corona-Infizierten kommen würde. Die ersten Anzeichen im Nachbarland China hatten die Staatsführung der kommunistischen Partei alarmiert.

Mitte Januar, als die Epidemie im Nachbarstaat China sprunghaft anstieg, verweigerte man Einreisen aus der Stadt Wuhan, dem "Epizentrum" der Seuche. Am 30. Januar schloss Vietnam seine 1.440 km lange Grenze zu China gänzlich. Alle Handelsströme wurden unterbrochen. Am 31. März löste eine generelle landesweite Quarantäne – bis zum 15. April – die bis dahin örtlichen Isolationsmaßnahmen ab.

Die Strategie der Einkreisung

Manche Beobachter meinen, das Land habe seine Planungen gegen die Epidemie an erprobten Mustern aus den Zeiten des Guerillakrieges ausgerichtet. Dazu gehörten das Einkreisen der Zonen, in denen sich "der Feind" sammelt, und das Beschränken seiner Bewegungsmöglichkeiten.

In den darauffolgenden Wochen erließ die Regierung strenge Quarantänebestimmungen in Bezirken der großen Metropolen oder in jenen Kleinstädten und Dörfern, in denen Fälle von Infizierten aufgetaucht waren. So geschehen beispielsweise mit einer 200.000 Einwohner zählenden Satellitensiedlung am Rande von Hanoi, der hauptstädtischen 8-Millionen-Metropole. Diese Siedlung wurde am 13. Februar drei Wochen lang komplett abgeriegelt. Zu diesem Zeitpunkt soll es erst zehn Infizierte in ganz Vietnam gegeben haben.

In anderen Zonen von Hanoi und des Landes ging das Leben seinen gewohnten Gang weiter, mit Ausnahme des bereits am 30. Januar stillgelegten Lehrbetriebs in Bildungseinrichtungen. Am 31. März verordnete die vietnamesische Regierung dann eine generelle landesweite Quarantäne bis zum 15. April.

Disziplin in den Quarantänegebieten und Kontrolle der Infizierten

In den isolierten Gebieten herrschte eine eiserne Disziplin. Gesichtsmasken waren Pflicht, die Häuser konnten nur vereinzelt verlassen werden. Hier zeigt sich auch die Wirkung einer stark organisierten Gesellschaft, ähnlich wie in Venezuela. Die Stadtteil-Komitees konnten jeden einzelnen Fall versorgen – und kontrollieren. Auch Militärische Einrichtungen wirkten an dieser Kontrolle mit. Nicht nur Infizierte, sondern auch ihre Kontaktpersonen wurden ausgemacht, auf Corona getestet und wenn nötig rigoros isoliert. Ärzte kamen möglichst ins Haus und verhinderten dadurch die Verbreitung des Virus durch die Infizierten auf der Straße.

Erkrankte und ihr derzeitiger Aufenthalt wurden in den Netzwerken bekanntgegeben. Ähnliche Programme machen auch in anderen Ländern die Runde oder werden zumindest diskutiert, wobei  die Persönlichkeitsrechte von Patienten und ihren Kontakten hier bedenklich außer Kraft gesetzt werden. Das war eine kritische Entwicklung, die im konkreten Fall jedoch mit zur Eindämmung des Virus beigetragen haben soll.

Unzureichende Ressourcen im Gesundheitswesen

Das Gesundheitssystem Vietnams wäre nicht in der Lage gewesen, eine sich in großem Umfang ausbreitende Epidemie aufzufangen. Nguyễn Thành Phong, der Bürgermeister der Millionenmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden, erklärte, dass dort nur knapp 900 Betten in Intensivstationen zur Verfügung stehen.

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Insofern musste man alles daran setzen, um unter den Bedingungen von geringen Ressourcen die Epidemie so frühzeitig wie möglich einzudämmen. Auch die Probetest-Sets waren rationiert, ebenso Atemschutzmittel und Schutzkleidung. Die gezieltere Verwendung der Tests ist eine Konsequenz des Mangels. In erster Linie hat man Personen auf eine COVID-19-Erkrankung getestet, die im Alltag Kontakte in einem größeren sozialen Umfeld haben. Bis heute führte man in Vietnam lediglich 261.000 Tests durch, bei einer Bevölkerung von fast 100 Millionen ein sehr niedriger Anteil. Es fehlt auch an Laboren und Instrumenten für massenweise Testungen. Allerdings gab es laut WHO hier auch die höchste Positiv-Rate der Welt.

Werbekampagne der Regierung für gemeinsame Verantwortung

Ein weiterer wichtiger Faktor der erfolgreichen Strategie sei die intensive Werbekampagne der Regierung gewesen. Attraktive großflächige Plakate auf den Märkten, an den Verkehrsknotenpunkten und in den Hauptstraßen erinnerten die Einwohner daran, auf jeden Fall Gesichtsmasken zu tragen, um sich so gemeinsam vor Ansteckungen zu schützen. Auch ein beliebtes Lied wurde in diesem Sinne umgedichtet und machte in den sozialen Netzen die Runde. Man appellierte an die gemeinsame Verantwortung.  

Noch nie habe ich so viel Solidarität unter den Menschen erlebt wie heute", sagte eine junge Vietnamesin gegenüber Journalisten. "Wir rücken alle zusammen und lassen unsere Differenzen für die Zeit nach der Epidemie ruhen. Es geht um unser Überleben.

Militärische Rhetorik der Regierung

Die Vorstellung von einem Überlebenskampf, der nur gewonnen werden kann, wenn alle Menschen diszipliniert und solidarisch handeln, spiegelte sich auch in der Rhetorik der Regierungsvertreter. Sie gingen noch einen Schritt weiter und benutzten den Begriff des Krieges, den es um jeden Preis zu gewinnen gelte. Worte aus den Zeiten des Befreiungskampfes gegen die US-Besatzer tauchten in den Reden wieder auf.

Das Virus hat einen Krieg gegen uns entfacht. Es ist ein Feind, der viele Menschen töten kann, und wir müssen uns dagegen vereinen", sagte der Premierminister im März in einer seiner Reden. "Alle Unternehmen, alle Bürger, alle Wohngebiete müssen sich in eine Festung verwandeln, um die Epidemie zu besiegen.

Der Wiederaufbau Vietnams aus der völligen Zerstörung

In der Zeit der Quarantäne mussten 3.000 Betriebe geschlossen werden. Heute will Vietnam über eine Milliarde US-Dollar in die Wirtschaft investieren. Nach dem 20 Jahre andauernden Krieg, der das schöne Land zerbombte und vergiftete und in dem über drei Millionen Vietnamesen ermordet wurden, musste sich das Land ohne die geringste Reparationszahlung seitens der USA selbst wieder aufrichten.

Ein Bild, das Vietnam erspart blieb.

Heute ist Vietnam ein Entwicklungsland, das jedoch seine extreme Armut und Rückständigkeit überwinden konnte und zielstrebig eine produktive Landwirtschaft, eine eigenständige Industrialisierung und den Tourismus voranbrachte. Seit mehreren Jahren erreicht es eine durchschnittliche Wachstumsrate von 6,5 Prozent pro Jahr. Es besitzt einen mittleren Lebensstandard, eine Gesellschaft ohne extreme Unterschiede zwischen arm und reich. Das nach dem Sieg der Vietnamesen über die französische Kolonialmacht 1945 in zwei Teile aufgespaltene Land konnte am 30. April 1975, dem Tag des definitiven Sieges der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams über die US-Streitkräfte, den Prozess der Wiedervereinigung beginnen.

Missbildungen als Spätfolgen des Krieges

Nach Kriegsende wurden eine halbe Million missgebildeter Kinder geboren. Das Rote Kreuz Vietnams berechnete, dass heute eine Million Menschen mit angeborenen Behinderungen und Gesundheitsproblemen in Vietnam leben. Das sind Spätfolgen der Entlaubungsaktionen der vietnamesischen Wälder durch die US-Armee. Sie besprühte im Krieg Tausende von Quadratkilometern Vegetation mit dem von der "Monsanto Corporation" entwickelten Pflanzengift "Agent Orange", das Pflanzen vernichtet und beim Menschen schwere genetische Schädigungen bewirkt. Agent Orange ist übrigens mit dem heutigen Pflanzengift Glyphosat von Bayer/Monsanto chemisch eng verwandt, das über den exzessiven Einsatz in der Landwirtschaft bereits in einem Großteil der Nahrungsmittel der Weltbevölkerung vorhanden ist.

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