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Gegen ungesühnte Morde in Lateinamerika: Millionen Frauen machen mobil

Gegen ungesühnte Morde in Lateinamerika: Millionen Frauen machen mobil
Rund eine Million Menschen, vornehmlich Frauen, gingen in Mexiko Stadt zum Internationalen Frauentag auf die Straße.
In mehreren Ländern Lateinamerikas kam es zu beeindruckenden Frauenstreiks. Eine neue Generation junger Frauen zog in diesen Tagen in vielen Städten Lateinamerikas für ihre Rechte und gegen die alltägliche Gewalt der patriarchalischen Unkultur auf die Straßen.

von Maria Müller

Empörung und Verzweiflung über Tausende von ermordeten und verschwundenen Frauen und Mädchen waren wohl der stärkste Anlass der massenhaften Proteste. Doch auch die in den meisten Ländern immer noch nicht freigegebene Abtreibung, die sexistische Verfolgung am Arbeits- und Studienplatz, ungleiche Löhne und Gehälter oder auch die unzureichenden Maßnahmen von Staat und Justiz gegenüber der sexuellen Gewalt sind vorrangige Themen der Proteste.

Symbolbild: Kurdenproteste, Zypern, 24. Januar 2018.

Der Aufruf zu einem internationalen Streiktag am Montag, dem 9. März, fand vor allem in Chile, Mexiko und Argentinien ein starkes Echo.

Der Gewerkschaftsbund CGT zeigte ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Frauenstreik. Manche Einzelgewerkschaften beteiligten sich, andere reagierten mit passivem Schweigen, obwohl die Forderungen der Frauen seit einigen Jahren diskutiert und von manchen Arbeitnehmerorganisationen auch aktiv unterstützt werden.

In Argentinien riefen die Frauen am Sonntag in Buenos Aires deshalb: "Die CGT trinkt Tee und wir übernehmen die Straßen…"

Argentinien: 80.000 Frauen demonstrierten am 8. März in der Hauptstadt

Am Sonntag protestierten 80.000 Frauen im Stadtzentrum von Buenos Aires – mit einem riesigen grünen Kopftuch als verbreitetes Symbol für eine freie und kostenlose Abtreibung. Die Proteste richteten sich dort, vor der größten Kathedrale der Hauptstadt, gegen die Kirche, die gerade eine politisch ausgerichtete Messe gegen das Abtreibungsgesetz abgehalten hatte. Die Forderung nach einer klaren Trennung zwischen Staat und Kirche wird in Argentinien immer lauter. 

Gegen ungesühnte Morde in Lateinamerika: Millionen Frauen machen mobil
Demonstration in Buenos Aires.

In Anspielung auf die Verhandlungen der Regierung mit dem Internationalen Währungsfonds riefen die Frauen:

Weder mit dem Währungsfonds noch mit der Kirche: Der Staat muss seine Schulden mit uns Frauen begleichen!

Chile: Über eine Million Frauen in der Hauptstadt Santiago

Am Sonntag kamen über eine Million chilenischer Frauen zum "Platz der Würde". Sie füllten den Platz und die Zufahrtsstraßen bis zum Horizont. Der Ort ist seit dem massenhaften Volksaufstand gegen die Regierung von Präsident Piñeiro tagtäglich ein Treffpunkt für Kundgebungen. In weiteren Städten Chiles protestierten Hunderttausende. Sie machten deutlich, dass die geplante Verfassungsänderung sowie jegliche soziale und wirtschaftliche Erneuerung die Interessen der Frauen berücksichtigen müssten. 

Kurz zuvor hatte das chilenische Parlament die Geschlechterparität für die künftige verfassungsgebende Versammlung beschlossen und damit dem wachsenden Druck der Frauen nachgegeben.

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In Chile gingen über eine Million Menschen auf die Straße.

Auch in Chile ist die freie, kostenlose und sichere Abtreibung eine zentrale Forderung der Frauenbewegung. "Mein Bauch gehört mir" oder "Selbstbestimmung über unseren Körper!" lauten die Parolen. Mit Ausnahme Uruguays, Kubas und Guayanas ist Abtreibung in Lateinamerika nur bei Missbildungen des Fötus, unter medizinischen Ausnahmebedingungen oder – meistens – nur nach Vergewaltigungen legal. Ansonsten drohen immer noch mehrjährige Gefängnisstrafen.

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Die Proteste in Santiago de Chile blieben nicht immer friedlich.

In Ecuador sind selbst Schwangere infolge einer Vergewaltigung gezwungen, diese Schwangerschaft auszutragen, da sie keinen Zugang zu einer sicheren, legalen Abtreibung haben. In Peru werden jährlich über 20.000 Mädchen vergewaltigt und sind danach ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert.

Mexiko: Hunderte von Kundgebungen und Demonstrationen

In Mexiko geschah eine Art Erdrutsch in Sachen Feminismus. Demonstrationen in allen größeren Städten des Landes brachten Hunderttausende auf die Straßen, begleitet von einer Vielfalt kreativer Aktionen auf Plätzen und an Straßenecken. Damit hatte selbst der Präsident Andrés López (AMLO) nicht gerechnet, der bisher eher ausweichende Reaktionen zeigte – vor allem gegenüber dem angekündigten Frauenstreik. Angesichts der historischen Mobilisierung in ganz Mexiko beeilte er sich jedoch, die Frauen für ihren Kampf zu beglückwünschen.

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Am Rande der Demo in Mexiko Stadt stellt sich eine Frau vor eine Polizeikette.

Der Frauenstreik

"Keine einzige Frau auf der Straße, keine Frau auf der Arbeit, kein Mädchen in der Schule, keine Studentin in der Universität, keine einzige Frau beim Einkauf. Lasst unsere Aktivitäten einen einzigen Tag ruhen, damit sie merken, dass sie 52 Prozent der Bevölkerung ignorieren!"

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So lauteten die zentralen Sätze des Streikaufrufs, der über die sozialen Netze verbreitet und in mehreren Ländern des Kontinents breit aufgegriffen wurde. Nicht zuletzt sollten die Bedeutung der weiblichen Arbeitskraft und deren Beitrag für die Wirtschaft unübersehbar gemacht werden. Parolen wie "Wenn die Frauen still stehen, steht die Erde still", oder: "Ein Tag ohne uns" begleiteten den 24-Stunden-Streik. Erneut beteiligten sich Millionen Frauen auf dem ganzen Kontinent auf vielfältige Weise an dieser Aktion. 

Mexiko

So überraschend wie schon die breite Mobilisierung am Sonntag war dann auch die große Beteiligung am Frauenstreik am Montag. Einige Gewerkschaften unterstützten die Aktion mit eigenen Streiks und Forderungen. Die mexikanische Journalistin und Aktivistin Martha Canseco beschrieb die Situation so: 

Die Straßen der Hauptstadt waren leergefegt, man sah keine Frauen in den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Büros, in den Klassenzimmern, in den Supermärkten. Überall nur Männer, die sich bemühten, die Tätigkeiten der Frauen zu übernehmen. Nach Schätzungen der nationalen Presse waren 53 Prozent der weiblichen Bevölkerung in Mexiko zu Hause geblieben und die restlichen 43 Prozent, die nicht streiken konnten, trugen ein lila Kleidungsstück.

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Mexiko Stadt: Selbst die Farbe des Rauches war von den Demonstranten bewusst gewählt.

Auch in Mexiko standen die Morde und das gewaltsame Verschwinden von Frauen und Mädchen im Mittelpunkt der Aktionen. Diese Form von Gewalt hat in Mexiko seit 2015 um 137 Prozent zugenommen. Im vergangenen Jahr gab es laut offiziellen Zahlen tausend weibliche Todesopfer.

Argentinien und Chile 

In Argentinien und Chile gingen die Frauen am 9.März erneut aktiv auf die Straßen, anstatt wie in Mexiko den Streik mit radikaler Passivität durchzuführen. In Buenos Aires blockierten Frauengruppen einige Zufahrtsstraßen der Hauptstadt. Am Nachmittag zogen erneut Zehntausende vor das Kongressgebäude und forderten die Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung.

Demonstration gegen Gewalt an Frauen, Brüssel, Belgien, 24.November 2019.

Präsident Alberto Fernandez präsentiert in dieser Woche die neunte Fassung des umstrittenen Abtreibungsgesetzes vor dem Kongress, wo ihm die neuen Mehrheiten diesmal zum Erfolg verhelfen können.

Auch in Chile zogen wieder Zehntausende von Frauen demonstrativ durch die breite Avenida Alameda zum Regierungspalast "La Moneda" und zeigten auf diese Weise unübersehbar ihre Abwesenheit am Arbeitsplatz und in der Küche. In ganz Chile fanden gleichzeitig rund 30 Kundgebungen statt, an denen sich auch ganze Familien mit Kindern beteiligten.

Die zunehmende Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika

Laut CEPAL, der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik, ist Lateinamerika für Frauen die tödlichste Region der Welt – neben Afrika. Alle zwei Stunden wird in Lateinamerika eine Frau aufgrund ihres Geschlechts getötet. Im Jahr 2018 kam es zu über 3.500 Morden an Frauen und Mädchen. Erst seit 2015 werden Frauenmorde als solche anerkannt und gesondert registriert. 

Über 70 Prozent der Täter kommen aus dem engeren Familien- und Beziehungskreis der Opfer, obgleich sich auch schon politische Morde gegen Feministinnen häufen. Die Straflosigkeit liegt noch immer durchschnittlich über 80 Prozent.

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