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Flüchten tatsächlich Millionen Menschen aus Venezuela?

Flüchten tatsächlich Millionen Menschen aus Venezuela?
Anhänger der venezolanischen Regierung protestieren gegen die Politik der US-Regierung (Caracas, 11. September)
Washington droht immer offener mit einem Regime Change in Venezuela. Alle Optionen seien auf dem Tisch. Indes macht die Behauptung die Runde, Millionen Venezolaner würden aus ihrem Heimatland fliehen. Doch stimmt das überhaupt?

von Maria Müller

US-Präsident Donald Trump drohte wiederholt mit militärischer Gewalt. Sei es gegenüber Nordkorea, Syrien, dem Iran oder eben auch Venezuela. Bereits vor einem Jahr hatte er erklärt:

Wir haben viele Optionen für Venezuela, und ich schließe dabei militärische Optionen nicht aus.

Venezuela im Visier: Beratergespräche im Weißen Haus ...

Am 22. August wiederholte nun die Pressesprecherin des Weißen Hauses, Sarah Huckabee Sanders den bedrohlichen Satz: "Alle Optionen sind auf dem Tisch". Luis Almagro, der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) bläst ins gleiche Horn. Am 7.September verkündete er in Miami:

Wir können keine Maßnahme ausschließen, um die Diktatur Maduros niederzuschlagen.

Tatsache ist, dass die Migrantenfrage zum Medienangriff auf Venezuela benutzt wird. Luis Almagro rief vergangene Woche zu einer Sondersitzung der OAS, um Hilfsmaßnahmen zu erörtern und Venezuela deswegen zu verurteilen.

Der starke Anstieg der ausreisenden Venezolaner seit Anfang 2018 fällt zeitgleich mit den härtesten Sanktionen zusammen, die jemals von den USA und der EU gegen ein lateinamerikanisches Land verhängt wurden. Sie verschlechtern direkt die Lage der Bevölkerung. Doch auch die wachsende Kriegsgefahr erzeugt Angst und wirkt als weiteres Motiv für die Auswandernden. 

US-Sanktionen machen Venezolanern das Leben schwer

US-Präsident Trump verfügte am 24. August neuerliche Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela. Sie verbieten den Handel mit venezolanischen Anleihen, durch deren Verkauf auf den internationalen Finanzmärkten das Land Auslandsschulden und Zinsen begleichen will. Bis zum Jahresende könnte das ein Schulden-Default hervorrufen. Auch die Lebensmittelimporte geraten so weiter in Bedrängnis.

Die Maßnahmen treffen vor allem die Grundversorgung der Bevölkerung, da sie auch den Import von Medikamenten erschweren. Alle Versuche der Regierung von Nicolas Maduro, die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, werden von den USA sofort mit Gegenmaßnahmen blockiert. Allerdings soll das Importverbot von venezolanischem Rohöl in die USA wieder aufgehoben werden, da es den US-Raffinerien zu sehr schadet.

Im Schatten der Kriegsgefahr verteidigt sich die Regierung von Nicolas Maduro beim Thema Abwanderer und stellt sie in den regionalen Zusammenhang. Venezuela habe jahrelang ebenfalls hunderttausende Flüchtlinge aus Kolumbien aufgenommen. Die gegenwärtigen Berichte seien weit übertrieben und ein neuerlicher Versuch, Venezuela als "gescheiterten Staat" darzustellen, dessen Bevölkerung nur noch durch militärische Gewalt von außen gerettet werden könne.

Obwohl an dieser Stelle die Krisenursachen nicht aufgeschlüsselt werden können, ist die Wirkung der Sanktionen plausibel. Solange die Länder, die nun wegen der Migranten besorgt sind, gleichzeitig die wirtschaftliche Blockade befürworten, wird die venezolanische Bevölkerung weiterhin darunter leiden und auswandern.

Unbequem und äußerst scharfzüngig: Die US-Journalistin Abby Martin.

Das Sondertreffen der amerikanischen Staaten beschloss, vor allem Geldmittel für die Länder mit hohen venezolanischen Einwandererzahlen aufzubringen. Doch niemand dachte daran, auch Venezuela wegen der allein im Jahr 2017 eingewanderten 123.000 Migranten ebenfalls finanzielle Hilfe anzubieten. (Daten laut dem Flüchtlingshilfswerk der UN - UNHCR)

Programm für Rückkehrwillige

In den vergangenen zwei Wochen hat Venezuela ein Programm für rückkehrwillige Bürger gestartet. Sie können kostenlos mit von Venezuela finanzierten Flügen heimkehren. Das hat bereits Wirkung gezeigt. Aus Peru folgten inzwischen 189 Venezolaner der Einladung zurück nach Caracas. Aus Ecuador kehrten am Donnerstag 92 Venezolaner heim, weitere 200 haben sich dafür angemeldet. Auch aus Brasilien sind 1.350 Personen in Reisebussen zurückgekommen, aus Kolumbien 52 Angehörige eines Indianerstamms und aus Argentinien 90 Personen per Flugzeug. Sie berichten von mangelnder ärztliche Versorgung, Arbeitslosigkeit und Anfeindungen. An den venezolanischen Botschaften in verschiedenen Hauptstädten kann man Menschenschlangen beobachten, die sich für eine Rückkehr einschreiben.

Viele Venezolaner glauben falschen Versprechungen über den Lebensstandard in den Nachbarländern, die vor allem über die sozialen Netzwerke verbreitet werden. Einige Rückkehrwillige gaben bei einem Interview in Boa Vista/Brasilien an, dass sie sich getäuscht fühlten. Nach den Gerüchten sei es im Ausland immer besser als in Venezuela. Doch nun hätten sie gesehen, dass es in Brasilien für sie nur schlechtbezahlte Arbeit auf sehr niedriger Niveau gebe. Eine Frau sagte, sie musste hungern, was ihr in Venezuela noch nie passiert sei. 

Stark schwankende Zahlen 

Die in den letzten Monaten in Medien veröffentlichten Zahlen über venezolanische Zuwanderer schwanken stark. Grund dafür sind, neben offenkundigen Manipulationen, dass sie zum Teil für verschiedene Zeiträume und nach unterschiedlichen Kriterien erfasst wurden. Die Statistiken unterscheiden nicht immer zwischen Grenzgängern (1,6 Millionen), Saisonarbeitern, Durchreisenden, Rückkehrern und echten Einwanderern, zum Beispiel an der Grenze zu Kolumbien.

Vor allem die verstärkte Rückwanderung von Exil-Kolumbianern aus Venezuela wird für Kolumbien zum Problem. Hunderttausende flüchteten während der vergangenen Jahrzehnte vor dem internen Krieg in Kolumbien. Doch welche Staatsangehörigkeit haben sie?

"Den Kolumbianern, die heute ihre Landsleute empfangen, fällt es schwer zu verstehen, dass es Kolumbianer gibt, die keinen einzigen Tag im Land gelebt haben und venezolanische Gewohnheiten und Gebräuche mitbringen, weil sie auch Venezolaner sind", schreibt Ronal F. Rodríguez, Professor an der Universität von Rosario in Argentinien. Er erklärt, warum Kolumbianer vielfach eine doppelte Nationalität besitzen:

Wenn man eine der gemäßigten Schätzungen annimmt und von einer Zahl von 1.500.000 Kolumbianern ausgeht, die in den vergangenen 30 Jahren aufgrund des internen Krieges nach Venezuela ausgewandert sind, muss man in Betracht ziehen, dass diese Menschen Familien bildeten. Wenn man pro Familie durchschnittlich zwei Kinder annimmt, würden wir von mindestens viereinhalb Millionen Kolumbianern sprechen, die heute in ihre frühere Heimat zurückkehren könnten.

Dazu kommen ihre venezolanischen Partner, die auch das Recht haben, in Kolumbien zu bleiben. Wenn nur die Hälfte von ihnen zurückkehrt, müssen wir von über zwei Millionen Landsleuten sprechen, die das Migrationsphänomen, das Kolumbien heute lebt, komplexer machen.  

Sie alle werden an der kolumbianischen Grenze als Venezolaner registriert, denn sie lebten bisher mit venezolanischen Papieren. 

Übrigens verzeichnete 2015 die internationale Organisation für Migration (IOM) die Zahl von 1.404.448 (Millionen) Einwanderern in Venezuela und bestätigt damit die hohen Aufnahmezahlen. Venezuela integrierte die Migranten in sein Sozialsystem, ohne jemals Hilfe anzufordern oder zu erhalten. Damals waren 2.638.852 (Millionen) kolumbianische Emigranten unterwegs, womit das Land in Lateinamerika an erster Stelle stand. Hörte man je von einer Sitzung der OAS deswegen?

Venezuela ist Heimatstätte für Millionen Kolumbianer

Im Mai bestätigte der frühere Präsident Kolumbiens, Andrés Pastrana in einem Interview, dass Millionen Kolumbianer in den letzten 30 Jahren in Venezuela Zuflucht fanden:

In Venezuela gibt es zwischen vier bis fünf Millionen Kolumbianer. Wenn diese Kolumbianer in unser Land zurückkommen, haben wir eine Tragödie wie die, die wir gerade erleben.

Präsident Nicolas Maduro verkündete am vergangenen Montag, nun auch eine internationale Entschädigung für die riesigen Kosten einzuklagen, die mehrere Millionen kolumbianische Einwanderer dem Land Venezuela verursacht haben. Sie erhielten Unterkunft, kostenlose Bildung und ärztliche Versorgung und wurden in das Sozialsystem integriert. Venezuela hat nie von einem humanitären Notstand gesprochen.

Venezuela schreibt Oppositionsführer Julio Borges weltweit zur Fahndung aus (Archivbild)

Das Flüchtlingshilfswerk der UN empfiehlt, die Aufnahmestaaten sollten den Migranten einen flüchtlingsähnlichen Status gewähren, damit sie ein Recht auf Hilfsleistungen haben. Denn Flüchtlingen stehen bevorzugt Unterkünfte, Arbeitsplätze, Übergangsgelder und mehrjährige Aufenthaltsgenehmigungen zu. Das erklärt die hohe Zahl von Asylanträgen der Venezolaner, jedoch auch der Kolumbianer.

Im Bericht "Globale Tendenzen - Zwangsvertreibungen 2017" zeigt das UNHCR ab S.64 zwei Tabellen mit einer Gesamtübersicht aller Staaten weltweit, die in irgendeiner Form von Flucht und Migration betroffen sind. Die Ziffern entstammen Regierungsangaben und gelten für Ende 2017.

Nach Angaben der venezolanischen Regierung sind unter den 123.714 Aufgenommenen rund 100.000 Kolumbianer, die immer noch vor der bewaffneten Gewalt in ihrem eigenen Land flüchten.

Die Kolumbianische Migrationsbehörde veröffentlichte am 1. September neueste Daten. Sie unterscheiden sich sehr stark von den Daten, die die UNHCR 2017 erhielt. Danach gibt es 468.428 Venezolaner, die bereits Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen besitzen, zusätzlich 361.399 Venezolaner im Aufnahmeprozess, sowie 105.788 Undokumentierte. Des weiteren seien 250.000 Kolumbianer aus Venezuela zurückgekehrt.

Im Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) vom 27.Februar 2018 werden die venezolanischen Zuwanderer in Kolumbien im Zeitraum 2017 mit 600.000 beziffert. Insgesamt seien weltweit 1.600.000 venezolanische Migranten unterwegs (Nordamerika und Europa mit eingeschlossen).

Zum Schluss ein interessanter Vergleich der IOM-Migrantenzahlen südamerikanischer Länder im Jahr 2015. Sie zeigen, dass die Migrantenzahlen der Nachbarn mit denen Venezuelas gleichziehen -  Kolumbien: 2.600.000, Venezuela 606.340, Brasilien 1.500.000, Ecuador 1.100.000, Peru 1.400.000, Bolivien 799.000, Chile 612.000, Paraguay 850.000, Uruguay 350.000 und Argentinien 940.000.

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