45 Jahre Gedenken an den 11. September 1973 – Teil 1: Unidad Popular

45 Jahre Gedenken an den 11. September 1973 – Teil 1: Unidad Popular
Die Erinnerung an den Militärputsch im Jahr 1973 ist in Chile immer noch lebendig, wie diese jüngst in Santiago verklebten Plakate zeigen.
Seit dem Jahr 2001 verbinden die Menschen mit dem "11. September" die Terroranschläge in den USA. Es gibt aber auch noch einen "anderen 11. September": Vor 45 Jahren putschten die USA in Chile den linken Präsidenten Salvador Allende aus dem Amt.

von Felix Duček

45 Jahre? Ach ja, da war doch noch was, schon lange vor 9/11! Nach rund 1.000 Tagen Amtszeit der frei und demokratisch gewählten Regierung der Unidad Popular (UP) in Chile wurde ihr Präsident, der Sozialist und Arzt Dr. Salvador Allende Gossens in seinem Amtssitz, dem Präsidentenpalast La Moneda in Santiago de Chile von putschenden Generälen unter Führung des von General Augusto Pinochet und unter Anleitung und Planung des US-Geheimdienstes CIA aus dem Amt gebombt.

Bis heute trauern in Chile Angehörige um die Opfer des von den USA unterstützten Staatsstreichs

Der Tag sollte – auch neben dem Einsturz der Twin Towers (WTC 1 und WTC 2) in New York 28 Jahre später – ganz gewiss in Erinnerung behalten werden. Denn beide Ereignisse kann man in einigen Aspekten einander gegenüberstellen. Während viele Vermutungen um all die Ungereimtheiten der Angriffe durch Zivil-Flugzeuge, u.a. auf WTC 1 und WTC 2, und des ominösen Zusammensackens des abseits stehenden WTC 7 ohne ein Flugzeug als Verschwörungstheorie abgetan werden, brüstet sich noch heute ohne Scham die US-Administration, dass der Putsch in Chile gegen eine rechtmäßige Regierung durchaus eine hausgemachte, nahezu perfekt inszenierte Verschwörung war. Verschwörungstheorien müssen eben durchaus nicht immer verschrobene Theorien sein. Nur leider bekennen sich die Verschwörer oft nicht so schamlos zu ihrer Perfidie.

Wie konnte das nur geschehen?

Der Blick in die Geschichte kann – gerade heute bei immer neuen "Erfolgen" der Neokonservativen in den USA, fortschrittliche Regimes in Mittel- und Südamerika zu diskreditieren und zu destabilisieren – sehr lehrreich sein. Denn die Bilder gleichen sich – immer wieder – fast wie eine "Blaupause" der uralten Vorlagen.

Allendes steiniger Weg begann früh, schon in den 1930ern als Medizin-Student. Als Absolvent mit dem "Makel", sozialistisches Gedankengut zu propagieren, wurde er in der konservativen Hochburg Valparaíso immer wieder für eine Anstellung als Chirurg abgewiesen, indem kurzerhand jede neue Ausschreibung, die er mit Bravour gewann, immer wieder annulliert wurde. So musste er schließlich seine Mediziner-Laufbahn vorerst als Pathologe mit der Leichenschau beginnen.

Mindestens seit den frühen 1960er-Jahren hatten sich die Vereinigten Staaten von Amerika nachweislich an der chilenischen Innenpolitik "beteiligt". Die CIA führte seit 1963 verdeckte Operationen in Chile durch, die schließlich nach vielen Fehlschlägen auf anderen Wegen in dem Putsch 1973 mündeten – wie der Church-Report, ein Bericht des Church Committees (eines Sonderausschusses des US-Senats 1975/1976 unter Leitung des Senators Frank Church) belegte. 

Danach bestanden die ersten Versuche der CIA in Chile in dem bewährten Modell eines Propagandakrieges gegen die chilenischen Linksparteien. El Mercurio und andere Zeitungen in Chile wurden eigens zu diesem Zweck gegründet oder umfangreich finanziell unterstützt. Auch massiver Druck des US-Botschafters (seinerzeit Edward Korry) auf die Christdemokratische Partei und auf den Nationalkongress als Gegengewicht sollte dabei helfen.

Parallel zu diesen Versuchen, im vorhinein Linke zu diskreditieren und so eine Unidad-Popular-Regierung zu verhindern, wurde neben der Ausweitung von US-Geheimdienst-Operationen in ganz Lateinamerika unter Präsident Nixon auch für Chile stets ein "Plan B" verfolgt. Im Gegensatz zur misslungenen Verhinderung (CIA: Track I) der Unidad-Popular-Regierung mit Salvador Allende als Präsident wurde stets parallel Track II der CIA verfolgt und vorbereitet, nämlich der Sturz dieser Regierung durch einen Putsch. Getreu dem Sprichwort: Doppelt hält besser!

Während Edward Korry nach dem Wahlsieg Allendes in Chile 1970 noch mahnte: "Nicht das kleinste bisschen soll Chile unter Allende erreichen. Sobald Allende an der Macht ist, sollten wir alles in unserer Macht stehende tun, um Chile und alle Chilenen zu äußerster Entbehrung und Armut zu verdammen" (Wem käme das heute nicht bekannt vor?), wurde unter Henry Kissinger damals "Plan B" energisch vorangetrieben, getreu seiner eigenen Ansicht:

Ich sehe nicht ein, warum wir nichts tun und zusehen sollten, wie ein Land durch die Unverantwortlichkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird. Die Angelegenheiten sind viel zu wichtig, als dass sie den chilenischen Wählern zur Entscheidung überlassen werden könnten!

So wurde Track II langfristig vorbereitet. Am 16. Oktober 1970 sandte Thomas Karamessines, Vizedirektor für verdeckte Operationen der CIA, aus dem Hauptquartier an den Leiter der CIA-Abteilung Santiago de Chile Henry Hecksher die Anweisung: "Die Politik, Allende durch einen Putsch zu stürzen, ist verbindlich und wird fortgesetzt." Gegenteilige Anweisungen seitens des Botschafters Edward Korry seien zu ignorieren.

45 Jahre Gedenken an den 11. September 1973 – Teil 1: Unidad Popular

Und so kam es auch bereits am 22. Oktober 1970, kurz vor der Wahl Allendes durch den Nationalkongress zum Präsidenten am 24. Oktober 1970 (noch mit den Stimmen der Christdemokraten, allen Bemühungen der USA zum Trotz), zu einem Entführungsversuch durch rechtsextreme chilenische Offiziere gegen den allseits geachteten, weil verfassungstreuen Generalstabschef René Schneider – er starb einen Tag nach der Wahl Allendes zum Präsidenten an den Folgen des Attentats, also am 25. Oktober. Ihre Ausrüstung – Tränengas und Maschinengewehre – hatten die Attentäter von der CIA erhalten. Sein Nachfolger als Oberbefehlshaber, der ebenfalls verfassungstreue General Carlos Prats, der kurz vor dem Putsch 1973 aus dem Amt gedrängt wurde, ist dann übrigens ebenfalls – noch ein Jahr nach dem Putsch – in seinem Exil in Buenos Aires durch ein Attentat ermordet worden.

Die Putschisten haben in den umliegenden Gebäuden der Moneda, des Amtssitzes von Allende Stellung bezogen.

Sieben Wochen vor seiner Wahl zum Präsidenten hatte Salvador Allende bereits sehr erfolgreich einen nahezu aussichtslosen Wahlkampf in einer späteren Hochburg der Reaktion, in Valparaíso, bestritten und so als Sozialist dem Linksbündnis Unidad Popular mit zum Sieg bei der Präsidentschaftswahl verholfen. Nach diesem Sieg der Unidad Popular 1970 als Bündnis aus vielen linken und sozialdemokratischen Gruppen und Parteien und der erfolgreichen Bildung einer Regierung der Unidad Popular folgte die Phase einer – auch aus anderen historischen Situationen – bekannten Doppelherrschaft, nämlich des Konflikts zwischen der UP-Regierung und der eher konservativen Kongressmehrheit.

Am 3. November 1970 nimmt Allende, zusammen mit 3.000 Mitbürgern, seinen Amtssitz La Moneda ein. Die Bedingungen schienen günstig, befanden sich doch die ehemals herrschenden Kreise und Klassen jetzt in Chile in der Defensive. Alle Versuche, den Wahlsieg durch antikommunistische Hetze oder Provokationen zu verhindern, waren gescheitert, und die rechten Politiker untereinander heillos mit gegenseitigen Schuldzuweisungen zerstritten.

Die wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft wurden bereits 1971 verstaatlicht: der Kupferbergbau, die metallurgische, die Kohle-, die Eisenerz-, die Salpeter-, Erdöl- und die Zementindustrie, die Elektroenergiewirtschaft sowie das Fernsprechnetz. Mit Aktienkäufen erwarb die Regierung die Mehrheit an den führenden Privatbanken. Damit erhielt die Volksregierung die Kontrolle über wichtige Sektoren der Volkswirtschaft und schuf eine solide Grundlage für ihre Sozialprogramme.

Aber Wirtschaftskrieg, Medienkrieg und Putschvorbereitungen laufen weiter, um die Gräben zu vertiefen. Während die UP-Regierung erfolgreich an der zügigen Einlösung der Wahlversprechen und gegen die Torpedierung der Wirtschaft durch einige ihrer Akteure kämpft, wird von innen wie außen der verdeckte Krieg forciert. Ein frühes Anzeichen dafür ist am 5. Dezember 1970 der "Marsch der leeren Kochtöpfe" mehrerer Hundert Frauen aus den reichen Vororten Santiagos durch die Innenstadt, als "Protest" gegen die angebliche Misswirtschaft der Regierung Allende.

Im Frühjahr 1973 ist die Lage schon weit eskaliert. Zwar sind tiefgreifende ökonomische und soziale Reformen gelungen, seit die wichtigsten Zweige der Volkswirtschaft bereits 1971 verstaatlicht wurden. Dennoch wuchsen auch die Widerstände auf vielen Ebenen, angeheizt durch einen Wirtschaftskrieg der USA, durch die Verweigerung von Krediten des IWF und der Weltbank, durch eine beispiellose künstliche Erniedrigung des Weltmarktpreises für Kupfer, im Lande durch gezielte Verknappung von Warenverteilung und Transportleistungen der Lastwagenfahrer.

US-Soldaten während der Invasion der Karibikinsel Grenada 1983- Quelle: PETER CARRETTE

In dem mit 4.200 Kilometer in Nord-Süd-Richtung extrem langgestreckten Territorium Chiles zwischen der Küste des Pazifiks und mit meist weniger als 200 Kilometern Breite bis zum Westhang der Andenkordilleren war auch dieses Detail von strategischer Bedeutung. Trotz der geschätzt über 600 Terroranschläge auf die Infrastruktur während Allendes Amtszeit und der Notstandssituation gelang der UP im März 1973 dank der Hoffnungen der Werktätigen ein noch größerer Sieg bei den Parlamentswahlen als schon 1970: Die Unidad Popular steigerte ihren Anteil im Kongress noch auf 44 Prozent, allerdings ohne absolute Mehrheit. Ebenso verfehlte die Reaktion im Land ihr Ziel, mit einer erforderlichen Zweidrittelmehrheit Salvador Allende irgendwie auf demokratischem Wege "zu entsorgen".

Folglich werden auch nach dem Frühjahr 1973 die gezielten Eskalationen fortgesetzt. Die Spannungen in der Bevölkerung werden geschürt, die chilenische Armee wird sukzessive von fortschrittlichen oder verfassungstreuen oder gar linksorientierten Kräften in den unteren (und höheren) Diensträngen "gesäubert". Ein erstes Glanzstück der Verschwörung ist der Schein-Putsch in Santiago am 29. Juni 1973. Ausführlich wird auch diese Phase fünf Jahre später in dem Dokumentarfilm von Walter Heynowski und Gerhard Scheumann aus dem Studio H&S "Im Feuer bestanden" dokumentiert:

"Als am 29. Juni 1973 die Panzer des 2. Regiments die Moneda bedrohen, steigt General Pinochet demonstrativ in seinen Kampfanzug, um sich auf der Seite derer zu zeigen, die diese militärisch bedeutungslose Aktion zurückweisen."

Und Salvador Allende lässt sich – wie beabsichtigt – hinters Licht führen. Auf einer Massenkundgebung vor dem Präsidentenpalast La Moneda in Santiago verkündet er noch:

Eine Gruppe des 2. Panzerregiments unter Befehl des Ex-Kommandeurs Souper (…). Ruhe, Genossen. (…) Ich wiederhole: Dieses Regiment umzingelte die Moneda. Während sich dies ereignete, erarbeitete der Oberbefehlshaber mit den Generalen Pinochet, Pickering, Urbina und Sepúlveda den Plan zur Niederschlagung der Meuterer.

Auf Transparenten zeigen die Volksmassen an diesem Abend nach dem "Tanquetazo" genannten Putschversuch noch Losungen wie: "Es leben die Streitkräfte und Carabineros! Es lebe Chile!" Der Dokumentarfilm resümiert treffend:

Mohammad Mossadegh wurde nach dem Putsch 1953 wegen Landesverrats angeklagt und zu drei Jahren Gefängnis und anschließendem Hausarrest verurteilt. Bis zu seinem Tod lebte er auf seinem Landgut in Ahmad Abad.

Auch dies war eine Aufgabe des Probeputsches: Die Regierungs- und Verfassungstreue ausgerechnet des Mannes vorzuspiegeln, der gegen ebendiese Regierung in wenigen Wochen putschen und die Verfassung brechen sollte. Das Täuschungsmanöver gelingt vollendet. Als der Oberkommandierende, General Prats, von der Reaktion in Chile aus dem Amt gedrängt wird, sein Amt niederlegt, ernennt Präsident Allende General Pinochet zu dessen Nachfolger. Der künftige Putschist verfügt nun über alle militärische Kommandogewalt. Es ist aufschlussreich, dass General Pinochet nach seinem (gelungenen) Putsch in das Panzerregiment 2 geht, um dort einen Gedenkstein zu enthüllen, nämlich für sieben Soldaten des Regiments, die beim Probeputsch am 29. Juni 1973 umgekommen waren, während er seine Maskerade spielte. Und als am 11. September wieder Panzer vor die Moneda fahren, befehligt von General (Javier) Palacios (Ruhmann), sind es dieselben wie die vom 29. Juni dieses Jahres.

Im Juli und August 1973 wird die Situation im Land durch Verunsicherung und psychologischen Druck auf die Bevölkerung und auf die Armee weiter angeheizt. Es werden Verfassungsklagen der Opposition vorbereitet, Überfälle auf Lebensmittel- und Materialtransporte organisiert, Aufrufe zur Wirtschaftssabotage verkündet und Streiks der Fuhrunternehmer organisiert, bei denen aus dem Ausland finanzierte Streikgelder höher als die normalen Löhne sind.

Die Entmachtung und Beseitigung der loyalen Kräfte in der Armee erreichen neue Höhepunkte. Im Juli 1973 ermordeten Attentäter der "Patria y Libertad" den Marinekommandeur von Präsident Salvador Allende, Arturo Araya Peeters. Er wurde von einem Scharfschützen vor seinem Haus erschossen. An den Wänden des Hauses in der Gemeinde Providencia, wo Araya Peeters wohnte, wurden am 27. Juli 1973 fünf Projektileinschläge gefunden, eine sechste Kugel tötete ihn. Es war der Adjutant von Präsident Allende, der ihm noch am 29. Juni während des Probeputsches jenen Helm gegeben hatte, der dem Präsidenten am 11. September Schutz vor den Schüssen auf die Moneda geben sollte, den der Präsident am Tag des erfolgreichen Putsches in der Moneda aus seinem Schreibtisch wieder hervorholte und bis zuletzt trug.

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Es folgte ein Mordanschlag auf General Prats, weitere Morde innerhalb der Armee und die Verurteilung von Marineoffizieren, die Putschpläne enthüllten, durch das Militärgericht. Es folgten weitere bewaffnete Überfälle und Sprengstoffanschläge durch die Terrororganisation Patria y Libertad, zwischen dem 23. Juli und dem 5. September 1973 insgesamt wohl etwa 1.015 Terroranschläge. Es wurden Razzien in Arbeitersiedlungen und verstaatlichten oder in Selbstverwaltung übernommenen Betrieben unter Berufung auf das "Gesetz über Waffenkontrolle" mit Schusswaffengebrauch inszeniert. Und natürlich wurde der Propagandafeldzug in den nach wie vor frei agierenden rechtsgerichteten Medien fortgesetzt.

Nachdem die demonstrative Unterstützung durch Oberbefehlshaber General Carlos Prats der Regierung Allende während des Fuhrunternehmerstreiks Rückendeckung verschaffte, gab es im August von der Volksbewegung kaum noch Unterstützung für ihn. Am 24. August tritt General Pinochet als Oberbefehlshaber des Heeres an die Stelle von General Prats. Bereits vorher war der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, General Ruiz, durch den späteren Putschisten General Leigh abgelöst worden. Am 4. September beginnen Kleinhändler einen unbefristeten Streik, und auch öffentliche Verkehrsmittel sind zum großen Teil außer Betrieb. Der langandauernde Streik der Fuhrunternehmer legte schon zuvor viele Bereiche der Wirtschaft und Industrie lahm.

Und doch werden die verschworenen Putschisten noch einmal überrumpelt. Der Putsch muß vorgezogen werden, weil Allende ein Plebiszit ankündigt. Noch am 20. August hatte General Leigh – später einer der Unerbittlichsten – einer Handvoll Männer, die den Putsch favorisierten erklärt: "Allein unternehmen wir gar nichts." Eines scheint sicher: der Entschluss über den entscheidenden Tag ist in Valparaíso, dem Hauptstützpunkt der Marine gefällt worden. Am 9. September hält der Sozialist Carlos Altamirano eine Rede auf einer Massenkundgebung, in der er einerseits eine klare und nüchterne Analyse der Situation im Land, andererseits Hinweise von einigen Unteroffizieren auf einen bevorstehenden Putsch der Seeflotte bekannt gibt:

Die Sozialistische Partei lässt sich nicht von einer oligarchischen, aufrührerischen Minderheit niedermachen. Wir sind die Avantgarde des Proletariats, bereit, jedem Putsch zu widerstehen. Chile wird sich in ein neues heldenhaftes Vietnam verwandeln, wenn die Aufrührer sich des Landes bemächtigen wollen. Der Putsch kann nicht mit einem Dialog bekämpft werden. Er muss mit der Kraft des Volkes, mit der Organisation der Arbeiterklasse niedergedrückt werden.

Der Zerstörer USS Ross kam bereits im vergangenen Jahr bei Militärschlägen der USA auf Syrien zum Einsatz. Wird er bald wieder seine Marschflugkörper auf das arabische Land abfeuern?

Am 9. September schickt Admiral José Toribio Merino ("Pepe") eine Nachricht an Gustavo Leigh und Augusto Pinochet: "Bei meiner Ehre gebe ich hiermit bekannt, dass der 'Tag H' der 11. September und die 'Stunde H' sechs Uhr in der Früh sein wird." "H" steht für  "herida", also zu Deutsch "Wunde". Doch Pinochet zögert noch immer, vorsichtig auf seine Tarnung und Sicherheit bedacht protestiert er: "Merkst Du nicht, dass uns das das Leben kosten kann?" Und er erinnert sich Jahre später: "Vielleicht hätte eine einzige loyale Garnison, die sich uns militärisch entgegenstellt, ausgereicht, um die Streitkräfte zu teilen, und es wäre zu einem Bruderkrieg gekommen." So kam es "nur" zu einem vollends gelungenen Putsch, mit Tausenden ermordeten, Hunderttausenden geflohenen und Millionen eingeschüchterten Chilenen.

Die Ankündigung der Volksbefragung durch Präsident Allende war für den 10. September vorgesehen, wurde aber auf "Anraten" der Militärs auf den 12. September verschoben. Am 10. September verkündet Allende in seiner letzten Sitzung mit seinen Generälen, dass er das Referendum über den Fortbestand seiner Regierung am 12. September bekanntgeben will, und er berichtet darüber noch:

"Sie machten große Augen (…), und die Generäle sagten stotternd: 'Aber, Präsident ... steht die Entscheidung über die Volksbefragung wirklich schon fest?' – 'Ja', antwortete ich, 'sie steht fest.' – 'Das verändert die ganze Situation, Präsident', meinte Pinochet. 'Jetzt wird es möglich sein, den Konflikt mit dem Parlament zu beseitigen.'"

Damit waren allerdings sowohl die Putschpläne als auch das Datum offenbar endgültig besiegelt. Wie Überlebende des Putsches, die später in der DDR Asyl gefunden hatten, über den damaligen Verlauf berichten, begannen die unmittelbaren Putschvorbereitungen im größten Flottenstützpunkt Chiles, in Valparaíso, eigentlich bereits am 10. September mittags mit der Verhängung des Ausnahmezustandes über diese Stadt: Sperrstunde, Ausgehverbote, Todesandrohungen gegenüber allen, die verdächtigt wurden, Mitgliedern der Unidad Popular Unterschlupf zu gewähren, und Militärpatrouillen tags und nachts auf den Straßen. Die Flucht vor Verfolgungen begann dort unmittelbar. Das war offenbar der Regierung in Santiago verborgen geblieben.

Am 11. September werden um 4:30 Uhr alle strategisch wichtigen Punkte nicht nur in Valparaíso, sondern auch in der zweiten großen Hafenstadt Concepción durch Marine und Luftwaffe besetzt: Rundfunkstationen, Brücken, Postämter, Parteibüros, Druckereien, Verwaltungen, Universitäten, Betriebe. Um 6:20 Uhr wird Präsident Allende zu Hause mit der telefonischen Nachricht geweckt, dass sich die Flotte in Valparaíso gegen ihn erhoben habe und seinen Rücktritt fordere. Allende versucht sofort, aber vergeblich, den unlängst von ihm ernannten Oberbefehlshaber General Augusto Pinochet zu erreichen – der meldet sich nicht. Allende erreichte jedoch Orlando Letelier. 1971 hatte der Präsident Orlando Letelier zum Botschafter Chiles in den USA ernannt.

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Seine wichtigste Herausforderung bestand damals darin, der US-Regierung die Verstaatlichung der in Besitz von US-Firmen befindlichen chilenischen Kupferbergwerke zu erklären. 1973 wurde Letelier Außenminister, innerhalb weniger Monate dann Innenminister und war zuletzt, am Tag des Putsches, Verteidigungsminister Chiles. Nachdem ihn Allende über den Aufstand in Valparaíso informiert hatte, wollte sich Letelier sofort in die Moneda begeben. Allende aber sagte: "Nein, ich brauche meinen Verteidigungsminister im Verteidigungsministerium." Da Leteliers Leibwächter an diesem Morgen nicht erschienen war, angeblich wegen der Entbindung seiner Frau, machte sich Letelier ohne ihn auf den Weg ins Ministerium. Bei seiner Ankunft versperrten ihm dort Soldaten den Weg in sein Büro. Er wies sie darauf hin, dass er dort die Befehlsgewalt habe, und hörte aus dem Inneren seines Büros: "Lassen Sie den Minister herein!" Dort traf ihn dann als Erstes hinter der Tür ein Gewehrkolben im Rücken – von seinem "verhinderten" Leibwächter.

Um 7:40 Uhr erreicht Allende seinen Amtssitz in der Moneda. "Wo hält man wohl Pinochet gefangen?", fragt der Präsident, nachdem alle Versuche, sich mit ihm in Verbindung zu setzen, fehlgeschlagen sind. Nun konnte er allerdings auch Letelier nicht mehr erreichen. Allende begab sich sofort in sein Arbeitszimmer und kam nach einem kurzen Moment wieder heraus, mit Maschinenpistole und dem aufgesetztem Helm, den ihm am 29. Juni  sein Marineadjutant Arturo Araya gegeben hatte. Auch die MP hatte eine besondere Geschichte. Fidel Castro hatte sie ihm während seines vierwöchigen Besuchs in Chile 1971 geschenkt, und es war auf den Trageriemen geschrieben: "Für Salvador Allende – für meinen Waffenbruder". Noch am Abend des 11. September stellte sich ein Putschistenoffizier vor der Moneda in Positur, um diese Waffe den Fotografen zu zeigen, speziell die Innenseite des Trageriemens, auf die Fidel Castro seine Widmung geschrieben hatte.

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Teil 2 von 2 erscheint am Mittwoch: Der Putsch

Exil-Chilenen in Deutschland erinnern noch heute an die Ereignisse, Hintergründe, Lehren aus dem Putsch und Erfahrungen in und nach der Diktatur und würdigen dabei die Solidarität, die ihnen vielerorts zuteil wurde. In Berlin kündigt das Bezirksamt Treptow-Köpenick für den 11. September 2018 in einer offiziellen Pressemitteilung eine derartige Veranstaltung aus Anlass des 45. Jahrestages dieses Putsches im traditionsreichen Allende-Viertel dieses Berliner Stadtbezirks an.

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