Was das US-Militär im Amazonas-Gebiet macht? "Hilfe für Brasilien" gegen Flüchtlinge aus Venezuela

Was das US-Militär im Amazonas-Gebiet macht? "Hilfe für Brasilien" gegen Flüchtlinge aus Venezuela
Soldaten des Ipiranga Special Border Platoon marschieren während einer Zeremonie zu Ehren der US Navy Adm. Mike Mullen, während seines Besuchs in Ipiranga, Brasilien im Jahr 2009.
Diese Woche hat die bisher größte internationale Militärübung im Dschungel des Amazonasgebietes im Norden Brasiliens begonnen. Truppen aus Brasilien, Kolumbien, Peru und USA bereiten sich eine Woche lang auf mögliche Katastrophenfälle vor und verweisen auf Venezuela.

In Lateinamerika, auf dem Kontinent, welcher aufgrund seiner geringen Anzahl an zwischenstaatlichen Kriegen immer wieder von Akademikern als friedliebend beschrieben wird, findet in dieser Woche die größte Militärübung aller Zeiten statt. Da dürfen die US-Amerikaner, weniger bekannt für ihre friedliebende Geschichte, nicht fehlen.

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Die einwöchige Übung bringt US-Truppen mit Militärs aus Brasilien, Peru und Kolumbien in der Dreiländerregion im Amazonasgebiet auf einem temporären Stützpunkt zusammen. Die Übung sollen auch in der brasilianischen Stadt Tabatinga im Bundesstaat Amazonas, der kolumbianischen Stadt Leticia und der peruanischen Stadt Santa Rosa abgehalten werden.

Ungefähr 50 US-Militärangehörige werden teilnehmen und ihre südamerikanischen Partner vorrangig im logistischen Bereich unterstützen, wie es offiziell heißt.

Der venezolanische Außenminister Jorge Arreaza spricht auf einer Pressekonferenz am Rande der 72. UN-Vollversammlung in Manhattan, 19. September 2017.

Der Beginn einer neuen, alten Freundschaft angesichts der "Gefahren" aus Venezuela

Die beispiellose Übung unter Teilnahme von US-Militärangehörigen wird als Zeichen einer engeren Verteidigungsbeziehung zwischen den USA und Brasilien gewertet.

So kommen sich die beiden bevölkerungsreichsten Länder der Nord- und Südamerikas nach mehr als einem Jahrzehnt unter linksgerichteten Regierungen in Brasilien immer näher und anscheinend auch immer öfter zusammen.

Im Frühjahr wurde bekannt, dass der brasilianische Präsident Michel Temer die US-Streitkräfte zur Teilnahme an gemeinsamen Militärübungen im Amazonasgebiet eingeladen hatte.

Temers Einladung ziele darauf ab,

mehr Wissen zu entwickeln, Erfahrungen auszutauschen und gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln", erklärten Regierungsbeamte dem BBC Brasilien.

Die militärischen Übungen stehen damit am Beginn einer Reihe militärischer Abkommen zwischen der brasilianischen und der US-Armee. Offiziell geht es bei der einwöchigen Übung lediglich darum, humanitäre Hilfe und Katastrophenhilfe vorzubereiten.

Nach Angaben der brasilianische Armee sei es das erste Mal, dass eine so große militärische Übung im Amazonasgebiet abgehalten wurde. Die Streitkräfte der drei Nachbarländer würden sich auf eine humanitäre Krise wie Massenmigration vorbereiten.

Insbesondere die Situation im benachbarten Venezuela habe diesen Bedarf bestätigt, wo mehrere tausend Venezolaner den Exodus angetreten sind, auch nach Brasilien. Bei Protesten radikaler Regierungsgegner kamen über 120 Menschen ums Leben. Im Sommer drohte US-Präsident Trump damit, das Land mit militärischen Optionen auf Linie zu bringen.

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Die brasilianische Armee gab an, dass Venezuela zu den 19 Ländern gehört, die Beobachter für die so genannte United America Operation entsenden.

Brasiliens Verteidigungsminister Raul Jungmann reist im Anschluss an die Übungen für drei Tage nach Washington zu Gesprächen mit Pentagon-Beamten, so sein Pressevertreter.

Kritik an der Militärpräsenz wird als Verschwörungstheorie abgetan

Die vermehrte US-Militärpräsenz in Brasilien wird im Land kritisch beäugt, insbesondere von denjenigen Brasilianern, die Temers Präsidentschaft nicht gutheißen.

Der brasilianische General, der für die Operation verantwortlich ist, zeigte sich "erstaunt" darüber, dass es viel Kritik an der Beteiligung der USA an den Übungen gab, schließlich lebe man in einer globalisierten Welt, in der Brasilien gute Beziehungen zu China, Russland und den Vereinigten Staaten unterhält.

Es ist eine sinnlose Verschwörungstheorie, die von linken Parteien aufgeworfen wurde", sagte General Guilherme Theophilo Gaspar de Oliveira, Logistikkommandant der brasilianischen Armee.

Dazu verweist der brasilianische Militär-Beamte noch auf die exzellente Kompetenz der USA in der Katastrophenhilfe. Auch wenn Ereignisse wie Hurrikan „Maria“, welcher große Teile Puerto Ricos und damit der USA schwer verwüstet und zig Menschenleben gekostet hat, vielleicht nicht zur Untermauerung seines Arguments dienen.

Unter weiten Teilen der Bevölkerung des gesamten Kontinents sowie einiger Staatschefs haben die USA keinen allzu guten Ruf. Zu präsent sind die Ereignisse und noch die langfristigen Folgen zahlreicher US-Interventionen für Länder wie Guatemala (1954), Dominikanische Republik (1965), Chile (1973) sowie El Salvador und Nicaragua in den 1980er Jahren.

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Die Souveränität Kolumbiens zum Beispiel wurde aufgrund der hohen Anzahl und Dichte von US-Militärbasen seitens Noam Chomsky bereits im Jahr 2009 angezweifelt.

Ein verletzter Demonstrant bei den Protesten gegen Korruption in Brasiliens Hauptstadt Brasilia, 24. Ma 2017.

Temer selbst kam durch eine umstrittene Amtsenthebung der gewählten Präsidentin Dilma Roussef an die Macht, eher ein parlamentarischer als ein militärischer Putsch. Dennoch kann er Unterstützung gebrauchen. Während seine Zustimmungswerte unter Brasilianern auf drei Prozent gefallen sind, halten Eliten in Wirtschaft und Finanzsektor an Temer fest, damit er unpopuläre Politik wie Rentenreformen durchsetzen kann.

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Im vergangenen März hat Temer das Militärbudget des Landes um 36 Prozent erhöht - wenige Monate, nachdem er eine umstrittene Verfassungsänderung durchbrachte, um Staatsausgaben im Land für die kommenden zwanzig Jahre einzufrieren.

Die Militärausgaben Brasiliens dürften unter Temer mittlerweile knapp 3,1 Milliarden US-Dollar betragen, nachdem sie unter der Regierung von Ex-Präsidentin Dilma Rousseff gekürzt worden waren.

Die Erhöhung des Verteidigungshaushalts macht die Militärausgaben zu den zweitgrößten Staatsausgaben, noch vor der Bildung, welche auf dem gleichen Niveau wie in der Wirtschaftskrise im Jahr 2015 und 2016 bei nur rund 1,8 Milliarden US-Dollar liegt.