Uruguay: Das große Bienensterben - Folge von Chemie und Gentechnik in der Landwirtschaft? (Teil I)

Uruguay: Das große Bienensterben - Folge von Chemie und Gentechnik in der Landwirtschaft? (Teil I)
(Symbolbild). Uruguays Exportschlager Naturhonig, von dem rund 9.000 Tonnen nach Europa gehen, findet seit 2016 in Deutschland keine Käufer mehr. Grund dafür: Er ist mit Resten von Glyphosat belastet.
Im Norden Uruguays starben Tausende von Bienen. Schon seit zwei Jahren tauchen Glyphosatrückstände im Honig auf. Auch in Obst und Gemüseproben sind in verstärktem Maße Chemikalien vorhanden. Verbesserte Kontrollen kommen nur langsam voran.

von Maria Müller

Im Oktober setzte im Norden Uruguays ein großes Bienensterben ein. In mehr als 2.000 Bienenstöcken wurden die nützlichen Insekten tot aufgefunden. Der Schaden beträgt über 300 Millionen US-Dollar. Das plötzliche Massensterben soll mit einer unsachgemäßen Verwendung von Giftstoffen während der Blütezeit in Zitrusplantagen zusammenhängen. Doch im ganzen Land erkranken die Tierchen verstärkt an Virusinfektionen.

Uruguays Exportschlager Naturhonig, von dem rund 9.000 Tonnen nach Europa gehen, findet seit 2016 in Deutschland keine Käufer mehr. Grund dafür: Er ist mit Resten von Glyphosat belastet. Mit bis zu 300 Mikrogramm pro Einheit übersteigt er bei weitem den Grenzwert von 50 Mikrogramm, den die Weltgesundheitsorganisation definiert hat.

Noch vor zehn Jahren galt das südamerikanische Land als besonders umweltfreundlich. Das Markenzeichen "natürliches Uruguay" ist heute jedoch überholt. Inzwischen hat auch hier die Gentechnik Einzug gehalten. Über 50 Prozent der Agrarfläche dienen dem Anbau von Monsanto-Sojabohnen und genmanipuliertem Mais.

Großflächige Gift-Sprühaktionen per Flugzeug sind inzwischen in einigen Teilen des Landes verboten, da für ländliche Gemeinden, Schulen und Trinkwasserversorgungen direkte Schäden entstanden waren. Ernste Gesundheitsprobleme breiten sich zudem in jenen Gebieten aus, in denen Glyphosat verstärkt zum Einsatz kommt - vor allem schwere Hauterkrankungen, Asthma, Allergien, Nierenerkrankungen, Augenentzündungen und Krebs.

Sechsfacher Verbrauch von Chemikalien

Bereits seit 20 Jahren sind belastbare Anhaltspunkte für die Annahme bekannt, dass Schädlinge im Kontakt mit gentechnisch veränderten Pflanzen schneller giftresistent werden. Fakt ist, dass auch in Uruguay der Einsatz an Chemikalien in der Landwirtschaft tonnenweise in die Höhe schnellt. Heute sind es sechs Mal so viel wie vor zehn Jahren.

Früher wurde ein einziges Insektengift verwendet, heute ist es ein ganzes Paket", klagen Bewohner in einer der Soja-Zonen.

Heute beherrschen Hybridpflanzen praktisch die gesamte landwirtschaftliche Produktion. Die meisten Frucht- und Gemüsesorten im Handel sind gentechnisch verändert. Deren auffällige Übergröße und fehlende Samenkerne lassen Rückschlüsse auf den Einsatz von Biotechnologie zu.

Die Stadtverwaltung von Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, führt Kontrollen an 90 Prozent der Agrarprodukte durch, die von dort aus ins ganzen Land verkauft werden. Doch eine vollständige Garantie dafür, dass keine Waren in den Verkehr gelangen, die dort nicht hingehören, kann auch sie nicht bieten.

Unsere Laborergebnisse brauchen eine Woche. Dann ist der Lastwagen mit dem Gemüse schon über alle Berge. Wir können nicht verhindern, dass kontaminierte Produkte unter die Leute kommen",

gibt Marcelo Amado, der Direktor des Kontrollbüros, zu. Nach seinen Angaben enthielten im Jahr 2016 rund 97 Prozent der gezogenen 220 Obst- und Gemüseproben Reste von Insektiziden. Davon lagen 77 Prozent unterhalb der in Uruguay erlaubten Obergrenze, ein Prozent war darüber. Weitere 19 Prozent enthielten chemische Substanzen, für die es in Uruguay noch gar keine Normen gibt. In solchen Fällen ziehen die Kontrollbehörden europäische Werte als Maßstab heran. Auch das Ministerium für Landwirtschaft macht jährlich rund 350 Stichproben – und kam zuletzt zu ähnlichen Ergebnissen wie die kommunale Behörde in Montevideo. 

Satelliten-Kontrollsystem: Groß angekündigt, noch nicht eingeführt

Bereits 2013 hat Uruguay ein neuartiges System der Satellitenkontrolle aller landwirtschaftlichen Maschinen im Zusammenhang mit dem Versprühen von Pestiziden angekündigt. Die Bewegungen der Fahrzeuge lassen sich dadurch auf dem Bildschirm mitverfolgen und bleiben aufgezeichnet. Dies würde die Großproduzenten dazu zwingen, die Vorschriften einzuhalten, etwa den Sicherheitsabstand gegenüber bewohnten Gebieten und Flussläufen zu beachten.

Auch die Häufigkeit des Besprühens und dessen Zeitpunkt unterliegen der Beobachtung. Das System kann auf diese Weise rund 70 Prozent aller giftigen Chemikalien und deren Einsatz überwachen. Im Juni dieses Jahres sollte alles zum Einsatz fertig sein. In der industriellen Landwirtschaft mussten sämtliche Sprühtraktoren und -flugzeuge registriert und an das System angeschlossen werden. Doch dann wurde alles wieder abgeblasen.  

Auch das Landwirtschafts- und Umweltministerium klären seit Jahren die Produzenten der Großplantagen über den Umgang mit der Chemie auf. Auch mehrere tausend Obst- und Gemüsebauern haben inzwischen Kurse absolviert. Es gibt landesweite Pläne und Richtlinien, um Arbeitsunfälle zu vermeiden. Dennoch bleiben die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurück.

Nach Angaben des Ministeriums für Landwirtschaft und Fischfang, MGAP, ist die Wirtschaft Uruguays durch die groß angelegten Monokulturen von Gen-Soja und Gen-Mais stark gewachsen. Diese stellen rund ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2016. Von der Soja-Ernte gehen 78 Prozent als Tierfutter nach China, zweitgrößter Abnehmer ist Europa. Die wirtschaftlichen Zwänge des eingeschlagenen Weges verzögern nötige Maßnahmen zum Umweltschutz. Doch die Ambitionen Uruguays, langfristig für 50 Millionen Menschen Nahrungsmittel zu erzeugen, erfordern ein Umdenken.

Lesen Sie morgen den zweiten Teil "Uruguay: Bio-Sojabohnen für China. Das Ende der Monsanto-Kultur? Umwelt und Nahrungsmittel".